Nach einem Jahr hat sich Jean-Claude Trichet nicht nur an der Spitze der Europäischen Zentralbank etabliert - er ist auch in der Frankfurter Gesellschaft angekommen.
Der Präsident der Europäischen Zentralbank kann von seinem Rednerpult aus die Menschen im Saal vor ihm nicht sehen, die Scheinwerfer blenden zu sehr.
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Das macht Jean-Claude Trichet nichts aus, er kennt das Publikum im Frankfurter Hilton. Er redet über die neuen Mitgliedsländer der EU, hat alte Bekannte getroffen, Hände geschüttelt und selbst geduldig mehrere Stunden im Saal gesessen. Eigentlich eine langweilige, akademische Routine-Übung.
Vor seinem Schlusswort aber lächelt Trichet in sich hinein, als freue er sich auf die Wirkung seiner Worte. Er wird überschwänglich. Er spricht von Begeisterung und Gefühlen, von Vorteilen statt Schwierigkeiten und davon, im alten und neuen Europa seien alle gleich.
Überzeugungstäter...
"Ein Traum wurde wahr", ruft er in den Saal hinein. Über die Lesebrille hinweg tut er so, als hätte er doch alle Zuhörer im Blick. Trichet spricht englisch mit angenehm französischem Akzent und gestikuliert heftig. Mal zeigt er mit den Zeigefingern an beide Stirnseiten, mal wandern seine Hände ganz nach oben. "Ich selbst bin bewegt", sagt er.
Sein enthusiastisches Europa-Bekenntnis steht in Kontrast zu seiner sonst eher ruhigen Art und unauffälligen Erscheinung. Er ist nicht besonders groß, trägt einen grauen Anzug, blaues Hemd mit weißem Kragen, die grauen Haarsträhnen ordentlich zurückgekämmt. Der schmale Mund, die Blässe und die ernste Mine lassen auf Strenge schließen.
Pointen, Witz und Schlagfertigkeit gehören nicht zu seinem Repertoire, wie bei seinem Amtsvorgänger Wim Duisenberg. Er zeigt sich auch nicht als geistiger Überflieger wie sein deutscher Chefvolkswirt Otmar Issing oder als Moralist wie sein Freund und Ex-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer.
Trichet präsentiert sich als Überzeugungstäter. Er glaubt an Europa und will dies auch selbst verkörpern, bei aller Liebe zu seiner Heimat Bretagne, zu Paris und Frankreich.
Vor einem Jahr hat dieser Europäer mit dem französischen Pass seinen persönlichen Gipfel erreicht. Seither steht er an der Spitze der Europäischen Zentralbank, sorgt für einen harten Euro und signiert die Geldscheine für zwölf Länder mit über 300 Millionen Menschen.
Vor Jahresfrist spekulierte die Financial Times Deutschland, innerhalb der Zentralbank werde der Ton rauer. "Eigentlich hat sich nicht viel geändert", behauptet dagegen eine Mitarbeiterin.
Bekannt ist jedoch Trichets Liebe zum Detail. Er gilt als sehr gründlich und soll seine Ziele mit Fleiß oder gar Verbissenheit verfolgen. Man erzählt sich, er schätze Darstellungen in Kurven, Grafiken und Zahlen und könne selbst im Urlaub eine Diskussion über die Geldpolitik anzetteln und dabei seine Kurven und Grafiken aus der Tasche ziehen.
...Meister der Diplomatie...
Bei offiziellen Anlässen überspielt er diese Leidenschaft gut. Anders als sein Vorgänger nimmt er auffallend viele gesellschaftliche Veranstaltungen wahr.
Ob auf dem Frankfurter Bankenball, den europäischen Kulturtagen, dem Empfang der Deutschen Börse, beim Center for Financial Studies oder dem Geburtstag der Oberbürgermeisterin Petra Roth, überall sucht er das Gespräch und knüpft Kontakte.
Gelobt werden sein Charme, sein Zugehen auf die Menschen und seine Galanterie, die sich zum Beispiel in Handküssen für die Damen ausdrückt. Die Bild-Zeitung schrieb: "Endlich tut die EZB etwas für Frankfurt". Andere fürchten, der oberste Geldpolitiker lasse sich zu sehr vereinnahmen.
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