50 Jahre 1968 Wie die Wohlstandskinder 1968 die Wirtschaft veränderten

Studenten demonstrieren im April 1968 in Bonn nach dem Attentat auf Rudi Dutschke

(Foto: dpa)

Die 68er haben Deutschland offener und westlicher gemacht. Doch zu ihrem Erbe gehört auch ein problematischer Antikapitalismus.

Von Nikolaus Piper

Vielleicht bietet sich in diesem Jahr die letzte Gelegenheit, "1968" groß zu zelebrieren. Fünfzig Jahre ist es her, dass sich linke Studenten in West-Berlin, München und anderswo daran machten, ihre Republik zu verändern. Jetzt gehen die Helden von damals in Rente oder sind es bereits. Kein Zweifel besteht daran, dass sie Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik von Grund auf verändert haben, die Sexualmoral, die Art miteinander umzugehen, das Verhältnis zur eigenen Geschichte. Die Partei der Grünen, ein Kind der 68er-Bewegung, mischte die Politik in Bonn und Berlin auf. Der Alt-68er Winfried Kretschmann regiert heute als grüner Landesvater das einst tiefschwarze Baden-Württemberg und gilt als beliebtester Politiker der Republik.

Die 68er haben aber nicht nur die Gesellschaft verändert, sondern auch die Wirtschaft und die Art, über Wirtschaft nachzudenken und zu reden. Die Bilanz ist durchaus gemischt.

Einerseits wurde die Bundesrepublik nach 1968 offener und westlicher - Letzteres sicher entgegen der Intention der stramm antiamerikanischen Revolutionäre vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Das hat der deutschen Wirtschaft sicher nicht geschadet. Es war die Generation der 68er, die den Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie durchsetzte - ein Schritt mit weitreichenden Konsequenzen für die Wirtschaft. Und dann gehört zu deren Erbe auch ein diffuser Antikapitalismus, ein tiefes Unverständnis für die soziale Marktwirtschaft und deren Funktionsweise.

Revolution am Bettrand

Thomas Hesterberg machte 1967 das legendäre Foto der Kommune 1, auf dem die Bewohner ihre nackten Hintern der Kamera entgegenstrecken. Tatsächlich ging es in der Wohngemeinschaft gar nicht so freizügig zu. Von Christian Mayer mehr ...

Wichtig für das Verständnis der Bewegung ist die Tatsache, dass es vor allem Wohlstandskinder waren, die 1968 auf die Straße gingen. Noch nie zuvor in der deutschen Geschichte war eine Generation materiell so gut versorgt aufgewachsen wie die nach 1945 Geborenen in der Bundesrepublik. 1968 stand das Wirtschaftswunder nach einer kurzen, milden Rezession wieder in voller Blüte, die Wirtschaft wuchs um 5,5 Prozent, 1969 sogar um 7,5 Prozent, die Arbeitslosigkeit lag bei 0,9 Prozent. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich waren viel kleiner als heute.

Rudi Dutschke träumte den Traum vom Paradies auf Erden

So ähnlich war die Lage fast überall in Westeuropa und Nordamerika, wo in den 60er-Jahren die Studenten auf die Straße gingen. Ihr Protest hatte nicht mit zu wenig, sondern allenfalls mit zu viel Prosperität zu tun, genauer: mit den empörenden Dingen, die trotz Prosperität in der Welt passierten. Besonders klar haben das Lebensgefühl der Generation ein paar Jahre zuvor Delegierte des linken amerikanischen Verbandes Students for a Democratic Society (SDS) in Port Huron (US-Bundesstaat Michigan) aufgeschrieben: "Wir sind Menschen dieser Generation, aufgewachsen in zumindest bescheidenem Wohlstand, die jetzt an den Universitäten zu Hause sind und die mit Unbehagen auf die Welt schauen, die wir erben werden." Autor der "Port-Huron-Erklärung" vom 11. Juni 1962 war der Aktivist Tom Hayden (1939 - 2016), der später als Abgeordneter der Demokraten in Kalifornien und als Ehemann von Jane Fonda bekannt werden sollte. Unbehagen empfanden Hayden und seine Freunde über die Atombombe, die Rassentrennung, den Kolonialismus und den "militärisch-industriellen Komplex". Zur Massenbewegung wurde der Protest dann durch den Vietnam-Krieg.

Auch für die deutschen Studenten war der Wohlstand, in dem sie aufwuchsen, ein Problem. Rudi Dutschke, der wichtigste Wortführer der deutschen Studentenbewegung, sprach von einer "Vergeudungsgesellschaft". In einem Spiegel-Interview, das seinerzeit für viel Aufsehen sorgte, sagte er 1967: "Die für profit- und herrschaftsorientierte Gesellschaftsordnungen typischen Konsumtionsexzesse - Kriege sowie die ungeheuren toten Kosten; Rüstung, unnütze Verwaltung und Bürokratie, unausgenutzte Industriekapazitäten, Reklame - bedeuten eine systematische Kapitalvernichtung. Die wiederum macht es unmöglich, den Garten Eden historisch zu verwirklichen."

Die Sprache sagt viel: Die Studenten hegten einen fast religiösen Glauben, man könne das Paradies auf Erden errichten, verbunden mit der Empörung darüber, dass der Kapitalismus das nicht schafft. Als die Freie Universität Berlin versuchte, mit Zwangsexmatrikulationen dem Problem der Langzeitstudenten Herr zu werden, sah Dutschke das als "sinnlich-unmittelbare Erfahrung der Studenten, dass die kapitalistische Gesellschaft nicht in der Lage ist, Verhältnisse zu begründen, unter denen Menschen ihr Schicksal selbständig bestimmen". Aus diesen Zeilen - sie stehen in einem Aufsatz von 1968 - spricht eine eher konservative denn linke Sehnsucht nach umfassender Versorgung. Sie begleitet einen Teil der deutschen Linken bis heute.