70 Jahre Konferenz von Bretton Woods Als über die Zukunft des Geldes entschieden wurde

US-Finanzminister Henry Morgenthau Jr. (m) im Gespräch mit Kanadas Finanzminister James L. Ilsley (l) und dem sowjetischen Delegierten M. S. Stepanow 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods.

(Foto: dpa)

Das Abkommen von Bretton Woods ist bis heute umstritten, und steht doch für Wohlstand. Als sich die Welt vor 70 Jahren eine neue Wirtschaftsordnung gab, saß allerdings auch ein Spion mit am Tisch.

Von Nikolaus Piper, New York

Über den vielen Gedenkfeiern dieses Jahres - Erster Weltkrieg, D-Day - droht ein weiteres wichtiges Jubiläum vergessen zu werden: Am 1. Juli sind es 70 Jahre her, dass in Bretton Woods (US-Bundesstaat New Hampshire) die "Währungs- und Finanzkonferenz der Vereinten Nationen" zusammentrat. Gut 700 Delegierte aus 44 Staaten - einige von ihnen, etwa Frankreich, waren noch von deutschen Truppen besetzt - legten in drei Wochen das Fundament für die Wirtschafts- und Währungsordnung der Nachkriegszeit.

Diese Ordnung gibt es nicht mehr, doch deren wichtigsten Organe, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank, haben Bestand. Sie sind mittlerweile meist Gegenstand des Hasses. IWF, Weltbank und Welthandelsorganisation (erst 1994 gegründet) seien die "unheilige Dreifaltigkeit der Weltherrschaft", heißt es auf einer Website von Attac. Freier Waren- und Kapitalverkehr, Abbau von Diskriminierung - all dies steht heute unter Generalverdacht, wie die Proteste gegen die transatlantische Freihandelszone TTIP zeigen. Die Erinnerung an Bretton Woods kann hier heilsam wirken: Eine offene Weltwirtschaft mit verbindlichen Regeln ist unabdingbar, wenn auch nicht ausreichend, für Freiheit und Wohlstand in der Welt. Und es ist nicht selbstverständlich, dass es so eine Ordnung überhaupt gibt.

Als die gut 700 Delegierten 1944 mit dem Zug in die Berge von New Hampshire fuhren, wussten sie, dass es um viel ging. Die Alliierten waren am 6. Juni in der Normandie gelandet, der Zusammenbruch des Dritten Reiches war nur noch eine Frage der Zeit. Die Konferenz entschied wirklich über die Zukunft der Welt. Präsident Franklin D. Roosevelt machte dies in einer Grußbotschaft deutlich: "Handel ist der Lebenssaft einer freien Gesellschaft. Wir müssen dafür sorgen, dass die Arterien, die den Blutstrom transportieren, nicht wieder verstopft werden, so wie das in der Vergangenheit geschehen ist durch künstliche Barrieren, die durch sinnlose ökonomische Rivalität geschaffen wurden."

Auch Kleinigkeiten erscheinen in der Rückschau bedeutungsvoll. Warum fand die Konferenz in Bretton Woods statt? Ein Teil der Antwort ist: Washington ist im Juli unerträglich schwül. Ein Hotel in den Bergen, wo die Nächte kühl und frisch sind, liegt daher als Alternative nahe. Aber solche Hotels hätte es viele gegeben. Warum gerade das Hotel Mount Washington in Bretton Woods, das in der Weltwirtschaftskrise hatte Konkurs anmelden müssen und 1944 noch leer stand?

Benn Steil, Ökonom beim Council of Foreign Relations in New York, gibt in seiner faszinierenden neuen Geschichte der Konferenz ("The Battle of Bretton Woods") eine plausible Antwort: New Hampshire wurde damals im US-Senat von einem einflussreichen Republikaner namens Charles Tobey vertreten. Tobey war Isolationist und strikt dagegen, dass die Vereinigten Staaten Souveränität an internationale Organisationen abtraten. Es gab auch damals schon Globalisierungsgegner. Im November 1944 musste sich Tobey bei Vorwahlen einem innerparteilichen Herausforderer stellen, und Präsident Roosevelt kalkulierte, dass der Senator sich für Publicity in seinem Revier dankbar erweisen würde. Roosevelt musste sehr bewusst gewesen sein, wie die Isolationisten im Kongress nach dem Ersten Weltkrieg den Beitritt der USA zum Völkerbund sabotiert hatten. Er wollte aus der Geschichte lernen.

Die Konferenz wurde von zwei Männern beherrscht. Beide scheiterten auf ihre Weise, trotzdem machten sie im Scheitern Bretton Woods zu einem spektakulären Erfolg. Auf der einen Seite John Maynard Keynes, heimlicher Finanzminister Großbritanniens und damals schon der berühmteste Ökonom der Welt. Sein Partner und Gegenspieler war weniger berühmt, dafür umso mächtiger: Harry Dexter White, Staatssekretär im US-Finanzministerium. Sowohl Keynes als auch White hatten eigene Pläne für die Nachkriegsordnung entwickelt. Angesichts des überragenden wirtschaftlichen Potenzials der USA war von vorneherein klar, dass sich White durchsetzen würde. Trotzdem ist die Rolle von Keynes kaum zu überschätzen.