IWF-Warnung vor Abschwung 2012 "Wir sind in einer gefährlichen Lage"

Wie schlimm entwickelt sich die Weltwirtschaft 2012? IWF-Chefin Lagarde äußert große Sorgen, Finanzminister Schäuble beruhigt - die Euro-Krise ist längst nicht ausgestanden, befürchten allerdings auch führende Ökonomen. Die Deutsche Bank schaut vor allem auf ein Krisenland: Italien.

IWF-Chefin Christine Lagarde sieht die Weltwirtschaft in Gefahr und ruft die europäischen Staaten zur Geschlossenheit in der Schuldenkrise auf. "Die globale Wirtschaft ist in einer gefährlichen Lage", sagte die Französin der Sonntagszeitung "Journal du Dimanche".

Es ist nicht die erste Warnung - schon in der vergangenen Woche hatte sie gesagt, die Prognose des IWF für das weltweite Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr könne von derzeit vier Prozent gesenkt werden. Jetzt erläutert sie ihre Bedenken im Detail. Lagarde sagte der Zeitung, die Schuldenkrise sei eine Krise des Vertrauens in die Schuldenpolitik der Staaten und in die Solidität des Finanzsystems. Sie kritisiert die Staats- und Regierungschefs der EU. Diese seien auf ihrem Euro-Krisengipfel am 9. Dezember bei Finanzfragen einerseits nicht genug ins Detail gegangen, andererseits seien die Grundprinzipien zu kompliziert.

"Es wäre hilfreich, wenn die Europäer mit einer Stimme sprächen und einen einfachen und detaillierten Zeitplan in Aussicht stellten", sagte Lagarde. "Die Investoren warten darauf. Große Prinzipien beeindrucken nicht." Der EU-Gipfel hatte schärfere Haushaltsregeln beschlossen und den Umbau der Euro-Zone zu einer Fiskalunion vorangetrieben. Dem Reformvertrag der 17 Euro-Staaten wollen sich neun weitere EU-Mitglieder anschließen - einzig Großbritannien hatte seine Zustimmung zu einem europäischen Fiskalpakt verweigert.

Ökonomen: "Sehr viel Irrationalität und Hysterie"

Dass die Gipfelbeschlüsse nicht reichen, fürchten auch führende deutsche Wirtschaftsforscher. Für Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), ist die Krise "noch lange nicht ausgestanden". Sie könne immer noch eskalieren, sagt er. Jetzt brauche es überzeugende Strategien, um das Vertrauen in die Politik wiederherzustellen und die Finanzmärkte zu beruhigen. Die Politik stehe "vor dem Zielkonflikt, gleichzeitig zu konsolidieren und die Konjunktur nicht abzuwürgen". Schon die bisherigen Sparpläne hätten Krisenländer in die Rezession geführt.

Christoph M. Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), fordert eine zügige Umsetzung der Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels, die dann allerdings vor allem "die langfristigen Rahmenbedingungen verbessern" würden - und nicht die akuten Probleme mancher Staaten lösen. Er brachte ähnlich wie Straubhaar erneut einen Notfonds oder Aktionen der EZB ins Gespräch, um eine Verschärfung der Krise abzuwenden.

Tatsächlich erwartet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zu Beginn des neuen Jahres einen "leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung" auch in Deutschland. Danach dürfte sich die Lage jedoch beruhigen, sagte DIW-Vorstandschef Gert Wagner - falls "die Politik die Eurokrise schnell in den Griff bekommt". Auf den Finanzmärkten sei "nach wie vor sehr viel Irrationalität und Hysterie im Spiel". Es bleibe "zu hoffen, dass alsbald mehr Nüchternheit einkehrt".

Schäuble: "Wir sind in der Lage, das zu managen"

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zeigt sich indes zuversichtlich, dass dies gelingen kann und sich die Finanzmärkte im kommenden Jahr beruhigen. Es werde zwar noch einige "Überraschungen und Aufgeregtheiten geben, aber wir sind in der Lage, das zu managen", sagte der CDU-Politiker der Bild am Sonntag. Er rate "zu etwas mehr Gelassenheit". Schäuble sagte, Investoren würden künftig wieder in die Euro-Zone vertrauen: "Europa ist eine der wirtschaftsstärksten Regionen der Welt, und die Investoren wollen ihr Geld gewinnbringend anlegen."

Die Bundesregierung sei entschlossen, eine Steuer auf Finanztransaktionen einzuführen, notfalls zunächst nur in den Euro-Staaten. Diese könne die "aberwitzigen Entwicklungen" an den Finanzmärkten zwar vielleicht nicht stoppen, aber zumindest abbremsen, sagte Schäuble: "Ich möchte nicht abwarten, bis eine solche Steuer weltweit eingeführt worden ist. Sonst riskieren wir nicht nur die Stabilität unserer Finanzmärkte und neue Risiken, sondern gefährden die Legitimation des ganzen Systems bei den Bürgern." Derzeit beschäftigten sich die Märkte "viel zu stark mit sich selbst, statt die Realwirtschaft zu unterstützen". Deshalb müsse die Politik das Tempo der Transaktionen entschleunigen.

Deutsche-Bank-Chefvolkswirt: Es kommt auf Italien an

Die Zukunft des Euro wird nach Einschätzung von Deutsche-Bank -Chefvolkswirt Thomas Mayer im kommenden Jahr in Italien entschieden. Sein Überleben werde von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abhängen, sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Anfang 2012 werde Italien in eine tiefe Rezession stürzen, und "wenn es dem Land gelingt, da vor den Wahlen im Mai 2013 wieder herauszukommen - was ich erwarte -, dann kann Italien ein Vorbild für alle südeuropäischen Staaten werden. Ansonsten wird die Eurozone auseinanderbrechen."

Inzwischen müsse man auch mit dem Austritt eines Landes aus der Eurozone rechnen, sagt Mayer. So bestehe das Risiko, dass in Griechenland nach Neuwahlen 2012 eine zum Sparen unwillige oder unfähige Regierung komme: "Dann würden vermutlich die Hilfsprogramme eingestellt. Und die Griechen müssten eigenes Geld drucken, um ihre Rechungen zu bezahlen. Dieses können sie Drachme nennen oder auch anders."

Deutschland dürfte nach Ansicht des Ökonomen dagegen relativ glimpflich davonkommen und von einem großen Abschwung im kommenden Jahr verschont bleiben. Im Winter werde die Wirtschaft zwar zwei Quartale in Folge schrumpfen, und im ersten Halbjahr 2012 werde es schlimmer als jetzt noch erwartet: "Aber im zweiten Halbjahr wird die starke Entwicklung in China und den anderen Schwellenländern sowie die erstaunlich solide Entwicklung in den Vereinigten Staaten die deutsche Wirtschaft wieder rausreißen."