Italien Verrückt nach Aktien

Die Mailänder Börse: Neuerdings steht sie hoch im Kurs bei mittelständischen Unternehmen und privaten Anlegern.

(Foto: Gabriel Bouys/AFP)

In der Republik geschieht gerade etwas, womit nicht einmal der Finanzminister gerechnet hat: Mittelständische Unternehmen drängen an die Börse.

Von Ulrike Sauer, Rom

Bekannt ist Italien als Land der Börsenmuffel. Das viel beklagte Desinteresse verbindet Unternehmer und Privatanleger. Nun gibt es Anlass, das Bild etwas zurechtzurücken: Mailand zündete eine Finanzmarkt-Rakete. Über Nacht setzte die Jagd auf Aktien mittelständischer Unternehmen ein. Am AIM, dem Börsensegment für kleine, junge Firmen explodierte der Handel förmlich. Das durchschnittliche Tagesvolumen stieg in der ersten Jahreshälfte um 654 Prozent.

Dahinter steckt: PIR. Das Kürzel steht für Individuelle Sparpläne: Piano Individuale di Risparmio. Das Copyright liegt beim Finanzministerium in Rom. Die PIR sind das Phänomen des Jahres: Italien ist auf einmal verrückt nach Aktien. Ein Glücksgriff, mit dessen Wirkung selbst Finanzminister Pier Carlo Padoan nicht gerechnet hat. Aber auch ein Hype, bei dem manchen mulmig wird.

Wegen der hohen Staatsschulden fehlt es an Geld für Investitionen

Eingeführt wurde die PIR mit dem Haushaltsgesetz 2017. Ihren kometenhaften Aufstieg verdanken die Sparpläne der Tatsache, dass Anleger keinen Cent an Steuern auf ihre Gewinne zu entrichten haben. Vorausgesetzt sie legen das Geld mindestens fünf Jahre an. Die Regeln schreiben ferner vor, dass 70 Prozent der Gesamtsumme eines Fonds in Aktien von in Italien tätigen Unternehmen fließen. Wiederum 30 Prozent der Anlagen müssen in Unternehmen gesteckt werden, die nicht zu den 40 großen Werten des Mailänder Standardindex FTSE Mib gehören. Das Ziel: Die PIR sollen durch die Stärkung des Mittelstands, dem Wirtschaftsmotor Italiens, den schwächelnden Aufschwung anschieben.

Damit geht Padoan die Kalamität seines Landes frontal an: die lahme Konjunktur. Wegen der hohen Staatsschulden fehlt es an Geld für Investitionen. Die angeschlagenen Banken drosseln ihre Kreditvergabe drastisch, die Firmen fahren ihre Investitionen runter und stellen keine Mitarbeiter ein. Die jungen Leute ziehen in Scharen aus Italien fort, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit stagnieren. So beißt sich die Katze in den Schwanz. Seit Jahren.

Hinzu kommt: Auch die Börse springt bei der Mittelstandfinanzierung nicht ein. Es gab in Italien nie ein gutes Feeling zwischen Firmen und Börse. In Mailand sind nur 334 Unternehmen gelistet. Ihr Börsenwert entspricht 37 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Frankreich liegt das Verhältnis bei 74 Prozent. Italien ist in einem Dreieck gefangen: reiche Familien, unterkapitalisierte Unternehmen und knauserige Banken. Die missliche Lage lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Das Finanzvermögen der Italiener beträgt vier Billionen Euro, das Doppelte der Staatsschulden. Den Unternehmen fehlen 250 Milliarden Euro Kapital, gemessen am europäischen Mittelwert. Und die Banken haben ihre Kredite in den vergangenen fünf Jahren um 200 Milliarden Euro gesenkt.

In diese Welt platzten im März die PIR und lösten bis dahin Unvorstellbares aus. In den ersten sechs Monaten des Jahres sammelten die Fondsverwalter 5,3 Milliarden Euro ein. Eine Milliarde davon ging in die mittelständischen Firmen. Bis Jahresende werden die Italiener wohl mehr als zehn Milliarden Euro in die neue Anlageform investiert haben. Erwartet hatte das Ministerium für das Startjahr ein Sechstel. Beim Brokerhaus Intermonte rechnet man damit, dass die Fonds in fünf Jahren 67,5 Milliarden Euro einsammeln.

Die PIR-Euphorie zeigt Wirkung. "Mit der Anlage in kleinen und mittleren Unternehmen kommt viel Liquidität in den Markt und folglich steigt der Wert der Unternehmen", sagt Gianluca Parenti von Intermonte. Davon profitiert nicht nur der AIM mit 88 Titeln. In den ersten acht Monaten ist das Handelsvolumen FTSE Small Cap um 78 Prozent angewachsen. Der Aktienindex stieg um 28 Prozent. Das Segment Star für Qualitätsunternehmen erhöhte die Umsätze um 34 Prozent. Der Wandel stellt sich manchmal eben abseits der großen Reformbaustellen ein.

Einen Haken hat die Sache: Es gibt momentan zu viel Geld und zu wenig Anlageoptionen. Denn der Markt für kleinere italienische Firmen ist extrem eng. Auf die 40 Unternehmen des Standardindex FTSE Mib entfallen knapp 80 Prozent der Börsenkapitalisierung. Ein dauerhafter Erfolg der PIR-Strategie setzt darum einen Kulturwandel in der italienischen Wirtschaft voraus. Die Unternehmer scheuen sich bisher, ihre Firmen zu öffnen. "Inzwischen aber ist der Börsengang fast zwingend geworden für italienische Unternehmen, die exportieren, an internationalen Ausschreibungen teilnehmen oder Partnerschaften schließen wollen", sagt der Geschäftsanwalt Gianluca Santilli. Die PIR sollen ihnen nun einen Schub geben.

Der gewünschte Effekt könnte sich einstellen: Seit Jahresbeginn begrüßte man in Mailand 30 Börsenneulinge, gegenüber 20 Neuzugängen im gesamten Vorjahr. Bis Ende 2018 wird mit 50 Börsengängen gerechnet. Allein ein größeres Angebot von Unternehmensaktien wird der Gefahr eines Strohfeuers entgegenwirken. "Wenn die Börsengänge und die Kapitalerhöhungen weiter zunehmen, ist die Bildung einer Blase unwahrscheinlich", sagt Massimo Doris, Chef der Banca Mediolanum, der Spitzenreiterin bei PIR-Fonds.

Hält das Fieber an? Fondsverwalter und Analysten weisen darauf hin, dass alle Indices noch 20 bis 30 Prozent unter den Mittelständen des vergangenen Jahrzehnts notieren. Außerdem zog das Wirtschaftswachstum spürbar an. Weil aber viele Firmen keine Schnäppchen mehr sind, wird die Auswahl wichtiger.

Beim Forschungsinstitut Prometeia in Bologna sieht man noch ein großes Potenzial für die PIR. Denn noch sei die neue Anlageform bei den Italienern wenig bekannt.