Israel Soda Stream wehrt sich gegen Verbannung von Palästinensern

Zum Peace-Zeichen geformt: Die ethnisch und religiös vielfältige Belegschaft der Firma Soda Stream protestiert gegen die Verbannung ihrer palästinensischen Kollegen.

(Foto: Jack Guez/AFP)
  • Erst im vorigen Herbst war die isrealische Soda-Stream-Fabrik nach Lehavim verlegt worden. Die alte Produktionsanlage lag in einer völkerrechtlich illegalen Siedlung.
  • Jetzt mussten 74 palästinensische Arbeiter gehen.
Von Peter Münch, Tel Aviv

Am letzten Tag haben sie sich alle im Hof der Soda-Stream-Fabrik versammelt. Hunderte Arbeiter verließen aus Protest die Produktionshallen in Lehavim in der israelischen Negev-Wüste, in denen die weltweit verkauften Trinkwassersprudler hergestellt werden, hakten sich draußen unter und formierten sich zu einem Peace-Zeichen. So demonstrierten sie für eine friedliche Koexistenz - an einem Ort, wo dieser Koexistenz gerade wieder ein heftiger Schlag versetzt worden ist. Denn 74 palästinensische Arbeiter aus dem Westjordanland mussten hier zum 1. März entlassen werden, weil die israelischen Behörden ihre Arbeitserlaubnis nicht mehr verlängert haben. "Das war der schwierigste und traurigste Tag in meinem Leben", klagt nun Daniel Birnbaum, der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens. "Ich kann nicht glauben, dass eine jüdische Regierung mir auferlegt, Kinder dem Hunger auszusetzen."

Der Streit um Soda Stream brodelt seit Langem. Erst im vorigen Herbst war die Fabrik nach Lehavim verlegt worden, nachdem sich das Unternehmen einem internationalen Boykottaufruf ausgesetzt sah. Die alte Produktionsanlage nämlich lag in der völkerrechtlich illegalen Siedlung Mischor Adumim und war ins Visier der sogenannten BDS-Bewegung geraten, die wegen der israelischen Besatzung "Boykott, Desinvestition und Sanktionen" gegen Israel propagiert.

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Die Welle war in diesem Fall besonders groß, weil auch die Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson als internationales Werbe-Gesicht der Firma in den Bann geriet und ihr Engagement für die Hilfsorganisation Oxfam einstellen musste. Für Soda Stream erwies sich das als verheerend schlechte PR.

Verlierer des Umzugs: 500 palästinensische Arbeiter

Der Umzug von der Siedlung in die Wüste wurde vom Unternehmen trotzdem "mit wirtschaftlichen und nicht politischen Motiven" begründet. Die halbe Wahrheit war das zumindest deshalb, weil der Umsatz deutlich gesunken war und die Aktien innerhalb eines Jahres 60 Prozent an Wert verloren hatten. Die Boykott-Bewegung feierte jedenfalls einen "klaren Sieg gegen eine abscheulich mitschuldige israelische Firma", wie es der BDS-Gründer Omar Barghouti formulierte. Vorstandschef Birnbaum entgegnete, er verstehe nicht, "wie die Entlassung von 950 Palästinensern Frieden und Menschlichkeit fördert".

Tatsächlich verloren beim Umzug in den Negev dann 500 palästinensische Arbeiter ihren Job und damit ihre Lebensgrundlage, weil angesichts der hohen Arbeitslosigkeit im Westjordanland kaum Hoffnung auf Alternativen besteht. Nur 74 Familienväter, gegen die keinerlei Sicherheitsbedenken bestanden, bekamen eine Arbeitserlaubnis für Israel und pendelten fortan jeden Tag mit einem Firmenbus vom Westjordanland aus nach Lehavim. Dort waren sie wieder Teil einer bunt gemischten Belegschaft. Zu den 1200 Angestellten zählen 400 Beduinen, 300 Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, 100 Juden aus Äthiopien sowie israelische Araber. Birnbaum nutzte das zur Imagepflege und verkündete, das Hauptprodukt des Unternehmens sei Frieden, und nebenher würden auch noch die Sprudler gefertigt.

"Eine Insel des Friedens wird vernichtet"

Dieser Strategie aber wird nun ein Strich durch die Rechnung gemacht mit der Verbannung der letzten palästinensischen Angestellten. Die Regierung rechtfertigt sich damit, dass israelische Arbeiter Vorrang hätten vor allen anderen. Doch der Verdacht liegt nahe, dass der BDS-Triumph nun vollends zu einem Pyrrhus-Sieg gemacht werden soll. Schließlich besitzen insgesamt 58 000 Palästinenser eine Arbeitserlaubnis für Israel, und das Sicherheitskabinett hat erst im Februar einen Plan für bis zu 30 000 neue Genehmigungen verabschiedet. Für Birnbaum ist es also schwer nachzuvollziehen, warum ausgerechnet seine langjährigen Mitarbeiter plötzlich außen vor gehalten werden.

Er hat sich deshalb zum Kampf entschieden und attackiert die Regierung nun öffentlich. "Eine Insel des Friedens wird vernichtet", schimpft er und prophezeit, dass dieser Schuss nach hinten losgehen werde. Denn die Verweigerung der Arbeitserlaubnis für die 74 Palästinenser werde nur die anti-israelische Propaganda befeuern, warnt er - und fordert lautstark einen "Aufschrei" der israelischen Öffentlichkeit. Zunächst hatte er sogar angekündigt, die Arbeit in der gesamten Fabrik ruhen zu lassen, bis die palästinensischen Arbeiter wieder eine Genehmigung bekämen. Doch inzwischen hat er einen neuen Plan: eine Verlagerung von Teilen der Produktion nach Ramallah. "Wenn die israelische Regierung Palästinensern nicht erlaubt, ihre Jobs zu behalten, dann bringe ich diese Jobs zu den Palästinensern", sagt er. "Das ist keine Drohung, sondern eine Tatsache."