Irland Ein Land wird ausgehöhlt

Irland hat die Wirtschafts- und Finanzkrise angeblich gut überstanden - doch das Land hat dabei eine Generation junger, kreativer Menschen verloren.

Report von Ruth Eisenreich

Vor ein paar Tagen hat Joe Byrne mit Freunden gefrühstückt. Sie machen das regelmäßig, früher trafen sie sich in Dublin, heute sitzen sie vor ihren Computern, die Webcams eingeschaltet: Brenda in Kanada, Luke in Hongkong, Sinéad in Moldawien und Joe daheim in Irland. Ungefähr ein Drittel seiner Freunde, so sagt Byrne, habe in den vergangenen fünf Jahren das Land verlassen.

Irland gilt als Staat, der gut durch die Wirtschaftskrise gekommen ist; als Beispiel dafür, dass die von Europäischer Union (EU), Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) verordnete Sparpolitik funktioniert. Tatsächlich hat sich die Wirtschaft des Landes nach einem massiven Einbruch leicht erholt. Aber seit Beginn der Krise im Jahr 2008 wandern junge Menschen in Scharen aus - und kommen oft nicht wieder.

Schon die Eltern und Großeltern erlebten Geschichten vom Auswandern

Jahrhundertelang war Irland arm und deshalb ein Auswanderungsland. Aber als in den Neunzigerjahren der Wirtschaftsboom begann und aus der Insel der "Keltische Tiger" wurde, wanderten erstmals mehr Menschen ein als aus: Immigranten, etwa aus Polen, aber auch Iren, die aus dem Exil zurückkehrten. Dann kam die Wirtschaftskrise, und die Verhältnisse drehten sich wieder. "Die alten Muster verschaffen sich erneut Geltung", sagt die Migrationsforscherin Mary Gilmartin von der Maynooth University. Fast jeder Ire kenne Emigrationsgeschichten aus der Generation der Eltern oder Großeltern.

Joe Byrne, Vollbart, randlose Brille, gewählte Sprache, ist 26 Jahre alt, er hat gerade in Dublin seinen Doktor in Chemie abgeschlossen. Als er und seine Freunde 2010 mit der Uni fertig wurden, waren die Jobaussichten miserabel. Kurz zuvor war ein Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst beschlossen worden. Die Jugendarbeitslosigkeit schnellte in den Krisenjahren von neun auf mehr als 30 Prozent hoch, heute liegt sie bei 24 Prozent. Die Zahl der jungen Menschen, die weder in Ausbildung sind noch einen Job haben, stieg von zwölf auf 22 Prozent und ist heute mit 18 Prozent eine der höchsten der EU.

"Es gibt einen Unterschied zwischen dem Emigrationsverhalten der Absolventen direkt vor uns und meiner Altersgruppe", sagt Joe Byrne. Bei den Älteren sei es um "zeitlich begrenzten Eskapismus" oder um einen bestimmten Job gegangen, für die Jüngeren sei Auswanderung "die offensichtlichste Lösung", um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Emigration habe immer zum Irischsein gehört, sagt Byrne, "allerdings sind wir in dem Glauben aufgewachsen, wir seien die erste Generation, die das Land nicht aus wirtschaftlicher Not verlassen muss".

Selbst wer einen Job hat, kann davon oft schwer leben. Viel mehr Menschen als früher seien heute in Teilzeit beschäftigt oder hätten unsichere Jobs, sagt die Migrationsforscherin Gilmartin. Der Internationale Währungsfonds berechnete 2013, dass fast ein Viertel der Iren entweder arbeitslos oder unterbeschäftigt ist.

24 Prozent der Jugendlichen haben keine Arbeit

Auch die Produktdesignerin Joanna Jakma ist gegangen, spät, aber doch. "Seit ich 2011 mit dem Studium fertig wurde, habe ich vier Mails pro Tag bekommen, in denen stand: Danke, aber nein danke", sagt Jakma. Als sie dann ihren Brotjob verlor, für den sie sowieso überqualifiziert war, begann sie im Ausland zu suchen und fand Anfang 2015 eine Stelle in den Niederlanden.

Innerhalb von zweieinhalb Wochen verkauften sie und ihr Freund einen Teil ihrer Sachen, packten den Rest zusammen und übersiedelten mit einem vollgestopften Auto in ein Dorf an der holländischen Küste. "Nach all den Jahren arbeite ich endlich als Designerin", sagt Jakma, "aber finanziell ist es hart, vor allem weil mein Freund kein Niederländisch spricht und sich deshalb schwertut, einen Job zu finden. Und der Abschied von meiner Mutter bricht mir jedes Mal das Herz." Trotz all dem hat Jakma vor, langfristig in den Niederlanden zu bleiben.

Immer mehr Menschen gehen, immer weniger kehren zurück

Nur zwei von zehn Emigranten glaubten in einer Umfrage von 2013 daran, dass sie in den nächsten drei Jahren wieder nach Irland ziehen würden. Die Zahl der Rückkehrer sei massiv gesunken, sagt die Forscherin Gilmartin; für das Land sei das noch entscheidender als die gestiegene Auswanderung. Das unterscheidet Menschen wie Joanna Jakma auch von den jungen Deutschen, die es ebenfalls in die Ferne zieht. Während diese meist ein Erasmus-Semester, ein Auslandspraktikum oder einen Master im Ausland machen, verlassen die Iren ihr Land oft unbefristet. Das zeigt auch die Bevölkerungsentwicklung: Nirgends in Europa ist die Zahl der 20- bis 29-Jährigen zuletzt so stark zurückgegangen wie in Irland. EU-weit sank sie durch Auswanderung und schwächere Geburtenjahrgänge von 2008 auf 2014 um fünf Prozent, in Griechenland und Spanien um 21 Prozent, in Irland um ganze 28 Prozent.

"Es gibt das Argument, die Emigration sei positiv, weil die Leute sonst arbeitslos wären", sagt die Forscherin Gilmartin. Aber gerade jene, die nun gingen, fehlten dem Land - junge Menschen voll Energie und Kreativität. Und, das unterscheidet sie von früheren Emigranten, mit guter Ausbildung: 62 Prozent der Auswanderer haben einer Umfrage zufolge studiert, in der Gesamtbevölkerung sind es etwa 40 Prozent.

Warum ländliche Gemeinden besonders leiden

In Kleinstädten und Dörfern sei die fehlende Jugend deutlich spürbar, sagt Gilmartin, Geschäfte machten zu, die ländlichen Gemeinden würden ausgehöhlt. Noch dazu habe die Sparpolitik vor allem auf dem Land zu Einschnitten in der öffentlichen Versorgung geführt, etwa im Sozialbereich. Alte und Hilfsbedürftige seien daher verstärkt auf die Unterstützung ihrer jungen Verwandten angewiesen - aber die seien nicht mehr da. Nein, Irland sei keineswegs so gut durch die Krise gekommen, sagt Gilmartin. Die Zahl der Obdachlosen sei gestiegen, die der Langzeitarbeitslosen, die der Suizide. Vor der Krise waren 22,5 Prozent der Kleinkinder armutsgefährdet, 2013 waren es 31,4 Prozent. "An der Oberfläche mag Irland okay aussehen, in der Alltagserfahrung ist das anders", sagt die Migrationsforscherin.

Joe Byrne bemerkt in seinem Umfeld in letzter Zeit ein neues Phänomen. "Es gibt eine zweite Welle der Emigration", sagt er. Erste Auswanderer kehrten zurück, aber viele der Zuhausegebliebenen hätten das Gefühl, sie hätten eine Chance verpasst, neue Erfahrungen zu sammeln. Sie verließen jetzt das Land. Kettenmigration nennt man so etwas in der Fachsprache - "Menschen gehen, weil ihre Freunde gehen", sagt Gilmartin.