Investoren werden unruhig In Erklärungsnot

Es ist nicht lange her, da war HNA der Retter für die Deutsche Bank. Inzwischen aber ist der chinesische Großaktionär des Geldhauses selbst in ernsten Schwierigkeiten.

Von Christoph Giesen und Meike Schreiber, Frankfurt

Eigentlich wollte man endlich einen Schlussstrich ziehen unter die Gerüchte, die in der weltweiten Finanzbranche seit Wochen die Runde machen: Es gebe "keinerlei Anlass" für Befürchtungen, dass die HNA-Gruppe Liquiditätsengpässe habe, teilte das chinesische Konglomerat vor wenigen Tagen mit. Acht chinesische Banken, darunter die Bank of China und die China Development Bank, würden dem Mischkonzern auch weiter Kredite gewähren. Kurz darauf folgte die Ankündigung, die HNA-Gruppe kaufe einen Teil ihrer eigenen Anleihen zurück. Auch das sollte Stärke demonstrieren. Man werde im "kommenden Jahr" nicht Pleite gehen, ließ sich einer der Konzernmanager zitieren.

Die Botschaft jedoch verfing nur kurz: Ist es in Wahrheit nicht ein schlechtes Zeichen, wenn ein Konzern bestätigen muss, dass er im kommenden Jahr nicht Pleite geht? Prompt teilte daraufhin am Wochenende die Chinesische Citic Bank mit, eine HNA-Tochter habe "Schwierigkeiten, bestimmte kurzlaufende Verbindlichkeiten zurückzuzahlen". Die HNA-Gruppe habe bei mehreren Banken Anleihen und Kredite ausstehen, die zur gleichen Zeit auslaufen würden, erklärte Citic auf Anfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Für eine Bank ist das eine ungewöhnlich offene Aussage. Und in jedem Fall steht nun eines weiterhin im Raum: Dass HNA, einer der größten Konzerne Chinas, in eine gefährliche Schieflage geraten könnte. Und dass sich der nimmersatte Konzern von der südchinesischen Insel Hainan wohl ganz klar übernommen hat. Wäre HNA börsennotiert, der Aktienkurs wäre wohl längst eingebrochen. So aber senden bisher nur die Kurse der im Ausland notierten HNA-Anleihen Alarmsignale. Anfang November zahlte HNA für eine knapp einjährige Anleihe von 300 Millionen Dollar enorme 8,875 Prozent Zinsen. Der Konzern weist Finanzprobleme zurück.

Mit mehr als 50 Milliarden Dollar hatte sich die Gruppe weltweit eingekauft, in der Regel finanziert über Schulden. Nicht nur bei den Hilton-Hotels und dem Regionalflughaften Hahn, sondern auch bei der Deutschen Bank, wo HNA im Frühjahr mit knapp zehn Prozent einstieg und damit zum wichtigsten Anteilseigner von Deutschlands größtem Geldhaus avancierte. Erst zehn Monate ist es her, da war HNA selbst der Retter in der Not: Denn ohne den HNA-Einstieg hätte das Geldhaus die dringend benötigte Kapitalerhöhung nicht so leicht durchziehen können.

Auch wenn sie bei HNA beteuern, der Anteil an der Deutschen Bank werde nicht verkauft: Die Frage, wie die Chinesen ihre Finanzprobleme lösen, also welche Anteile und Unternehmen die Gruppe als erstes verkaufen muss, lastet seither wie Blei auf dem Aktienkurs der Deutschen Bank. Immerhin aber ergeht es den Frankfurtern besser als mehreren anderen Firmen, die mehrheitlich HNA gehören: Deren Ratingnoten wurden massiv herabgestuft.

Bis vor einem Jahr konnten chinesische Unternehmen ungehindert überall in der Welt einkaufen. Die Folge: Die chinesischen Währungsreserven schmolzen ab, Milliarden verließen das Land. Dann verschärfte die Regierung in Peking die Regeln zum ersten Mal. Seither sind nur noch Übernahmen bis zu einer Milliarde Dollar erlaubt. HNA indes stoppte das zunächst kaum. Die Übernahme des Flughafens Hahn oder der Einstieg bei der Deutschen Bank für 3,4 Milliarden Euro erfolgten erst nach dem Edikt aus Peking. Notfalls holte man sich das Geld eben in Europa und den USA. Den Deutsche-Bank-Einstieg finanzierte HNA mit einem Milliarden-Darlehen der Schweizer Großbank UBS.

Zweifel und Sorgen wachsen bis zum allmächtigen Staats- und Parteichef hoch

Inzwischen aber hat sich der Wind gedreht. Nicht nur die Finanzaufseher weltweit beobachten HNA mit Sorge; was auch der Intransparenz und unklaren Eigentümerstruktur geschuldet ist. Mehr noch: Bis hoch zum allmächtigen Staats- und Parteichef Xi Jinping sieht man die üppigen Auslandsakquisitionen der vergangenen Monate kritisch. Der starke Sicherheitsapparat stuft die überbordenden Geschäfte als Risiken für die Volksrepublik ein. Im Sommer wurden deshalb die Banken gebeten, sämtliche Transaktionen und Geschäfte der großen chinesischen Unternehmen zu durchleuchten. Und einen Tipp hatten Xis Höflinge parat: Statt der Übernahmen im Ausland sollen chinesische Konzerne lieber Infrastrukturvorhaben entlang der Seidenstraßen-Initiative finanzieren - Xis Lieblingsprojekt. Ein Strategieschwenk, den jüngst auch HNA-Chef Adam Tan in Peking andeutete.

Und nun? Was passiert, wenn HNA, ein Konzern mit mehr als 400 000 Mitarbeitern doch ins Straucheln gerät? Droht China dann ein Lehman-Brothers-Szenario? Eine unkontrollierte Implosion im chinesischen Finanzsystem mit Ausschlägen auf der ganzen Welt? Geht es nach dem Willen Pekings würde man die Krise am liebsten aussitzen, bis sich HNA wieder gesundgeschrumpft hat. Das sollte wohl auch das Bekenntnis der acht chinesischen Banken in der vergangenen Woche demonstrieren.

Auf diese Weise könnte HNA versuchen, die Gläubiger zu beruhigen: Das sind schließlich nicht nur die internationalen Geldgeber, also die Käufer von Anleihen, die in Dollar oder Euro begeben wurden. Das betrifft auch Tausende Chinesen, die sogenannte Wealth Management Products (WMP) gekauft haben, also sehr kurz laufende hochverzinste Papiere. Sie werden von Banken vertrieben, sind aber in Wahrheit Graumarkt pur. Auch HNA refinanziert sich für mehrere Milliarden über diese kurzlaufenden Papiere. Eines muss man daher in Peking und Hainan unbedingt verhindern: Dass Tausende Chinesen gleichzeitig ihr Geld abziehen.