Investitionen in europäische Infrastruktur China kauft sich in Italiens Energienetz ein

Bald auch über Italien: Chinesische Arbeiter stellen einen Hochspannungsmast in Xuancheng fertig.

(Foto: REUTERS)

Erst Portugal, jetzt Italien: China investiert zunehmend in europäische Infrastruktur. 35 Prozent des italienischen Energienetzes werden künftig einem chinesischen Staatsunternehmen gehören. In Italien ruft das die Verschwörungstheoretiker auf den Plan.

Von Thomas Steinfeld, Venedig

In Italien gibt es viele Menschen, die nicht glauben wollen, dass die vielen Chinesen jeder für sich und von ganz allein gekommen sind: Die chinesischen Viertel, die in den vergangenen 20 Jahren in allen großen Städten entstanden sind, allen voran in Mailand und Rom. Die chinesische Textilindustrie in Prato, die chinesischen Händler, die etwa in Mestre den dann von illegalen Einwanderern betriebenen Handel mit kopierten Markenartikeln organisieren.

Kann es sein, dass all diese Menschen ohne Duldung des chinesischen Staats nach Europa reisten, um dort für ein paar Jahre, wenn nicht für ein Leben zu bleiben, oder gibt es da einen Plan? Die jüngste Nachricht aus den chinesisch-italienischen Wirtschaftsbeziehungen ist dazu angetan, die entsprechenden Verschwörungstheorien weiter zu befördern.

Der italienische Staat wird, in Gestalt der Förderbank Cassa Depositi e Prestiti (CDP), eine Beteiligung von 35 Prozent seines Energienetzes an das chinesische Staatsunternehmen State Grid International Development verkaufen. Der Preis für die Energie-Holding CDP Reti wird mindestens 2,1 Milliarden Euro betragen, wobei zu diesem Handel gehört, dass die Reti 30 Prozent am Gasnetzbetreiber Snam hält und ein gleich großer Anteil am Stromnetzbetreiber Terna noch hinzukommen soll.

Der Kauf fügt sich in eine lange Reihe von Investitionen in Europa

Die Anteile sind nicht groß genug, um einen massiven Einfluss auf die Geschicke des Energienetzes zu nehmen. Doch fügt sich der Kauf in eine lange Reihe von Unternehmungen, in denen chinesische Firmen in europäische Infrastruktur investierten.

Seit zwei Jahren ist die State Grid mit einem Viertel der Anteile beim portugiesischen Energieversorger Redes Energéticas Nacionais engagiert. Im März dieses Jahres erwarb die chinesische Volksbank für 2,3 Milliarden Euro etwa zwei Prozent der staatlichen italienischen Energieunternehmen Eni und Enel, im Mai kaufte die Shanghai Electric Group einen Anteil von 40 Prozent an der Firma Ansaldo Energie, die vor allem Kraftwerke herstellt.

Eigentlich war der italienischen Förderbank CDP von der Regierung aufgegeben worden, in diesem Jahr elf Milliarden Euro durch die Privatisierung von Staatsunternehmen einzutreiben, um so zur Verminderung der Staatsschulden beizutragen. Ob sie dieses Ziel erreicht, ist allerdings noch ungewiss - nicht nur weil noch ein paar Milliarden fehlen, sondern auch weil offenbar nicht sicher ist, ob und in welchem Umfang die CDP tatsächlich in der Lage ist, den Verkaufserlös an den Staat weiterzureichen.

Ob die sich Staatsunternehmen für Investoren wirklich lohnen, ist ungewiss

Im Angebot ist indessen noch einiges: knapp die Hälfte an Fincantieri, der in Triest beheimateten größten Werft Europas. Sie wurde im Juni an die Börse getragen (ohne dass der Staat deswegen auch nur einen Euro eingenommen hätte). Noch sind 40 Prozent der italienischen Post zu haben, des mit 140 000 Angestellten größten Arbeitgebers im Land. Zum Verkauf steht auch ein beträchtlicher Anteil an den Grandi Stazioni, dem Unternehmen, das die 14 größten Bahnhöfe Italiens betreibt.

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Keineswegs gewiss ist dabei, ob der offensichtliche Anlass der Verkäufe - der Versuch des Staates, Geld aufzutreiben - auf irgendeine Weise mit einem unternehmerischen Kalkül zusammengeht, die Wettbewerbsfähigkeit des betroffenen Unternehmens zu stärken.

Negatives Beispiel ist dabei die Alitalia. Die Fluggesellschaft sollte 2007 zuerst an einige ausländische Airlines verkauft werden, wurde dann aber von einer halbstaatlichen Sanierungsgesellschaft zu Tode gerettet und soll jetzt - oder vielleicht auch nicht - an die Fluggesellschaft Etihad aus Abu Dhabi gehen. Das dürfte allen Spekulanten als abschreckender Fall einer gescheiterten Privatisierung dienen.

China interessiert sich für die Beständigkeit des staatlichen Energiegeschäfts

Welches Interesse ein chinesischer Staatskonzern kurz- und mittelfristig haben kann, in die italienische Energieversorgung zu investieren, ist dabei offensichtlich. Denn der Staat, dem immer noch der größte Teil eines solchen Unternehmens und damit die Kontrolle über deren Tätigkeiten gehört, garantiert ja auch die Nutzung und damit Einnahmen. Und das in einer Beständigkeit, wie sie andere Anlagesphären schon lange nicht mehr gewähren, trotz vermutlich bescheidener Renditen. Das Energienetz gehört schließlich wie die Post und die Eisenbahn zu den allgemeinen Voraussetzungen nationalen Wirtschaftens, ohne die es weder Industrie noch Gesellschaft gibt.

Privatwirtschaftlich lohnend waren Investitionen dieser Voraussetzungen allerdings selten: Sie verlangen zu viel vorgeschossenes Kapital, und dessen Umschlagszeiten sind so lang, dass sie ohne staatliche Unterstützung in keiner Unternehmensstrategie aufgehen. Insofern mag es nicht erstaunlich sein, wenn sich keine europäische Firma ernsthaft für die Anteile an den CDP Reti interessierte.

Verschwörungstheoretiker glauben an den Brückenkopf

Für einen chinesischen Staatskonzern mag sich das Kalkül mit einer Investition in die strategische Infrastruktur eines großen europäischen Landes indessen anders ausnehmen. Der italienische Finanzminister Pier Paolo Padoan macht denn auch keinen Hehl daraus, dass sich sein Staat mit diesem Unternehmen an der Internationalisierung chinesischen Kapitals beteilige, "über das europäische Finanzsystem hinaus", und dass er das selbstverständlich auch weiterhin zu tun gedenke.

Verschwörungstheorien sind natürlich auch im Umlauf. Zu den vorsichtigeren unter ihnen gehört noch die These des in den Vereinigten Staaten lehrenden Wirtschaftswissenschaftlers und Kolumnisten Carlo Pelanda. Er glaubt, China bereite sich mit seinen strategischen Investitionen auf eine radikale Veränderung des Weltmarkts vor, wie sie nach Inkrafttreten einer europäisch-amerikanischen Freihandelszone entstehen könnte. Die kühneren in Italien umlaufenden Theorien sind selbstverständlich schon viele Schritte weiter und haben die These vom "Brückenkopf" längst hinter sich.