Sony-Chef "Musik ist so allgegenwärtig wie nie"

Philip Ginthör, der Chef von Sony Music in Deutschland, über die Kritik der Künstler an neuen Streaming-Modellen und warum Kunden heute sogar mehr für Musik zahlen als früher, und Hits oft aus Österreich kommen.

interview Von Caspar Busse

An der Wand hängt ein großes Schwarz-Weiß-Foto von Regisseur Helmut Dietl, im weißen Bademantel und mit einer Papierkrone auf dem Kopf. Davor stehen zwei Sofas. Das Büro von Philip Ginthör, 41, ist nur mit einer Glaswand vom Großraum mit den langen Arbeitstischen getrennt. Seit 2011 ist der gebürtige Wiener bei Sony Music in München für die Geschäfte in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Die Musikfirma ist hinter Universal die Nummer zwei der Musikbranche und hat viele Künstler unter Vertrag, von Shakira bis Lang-Lang.

SZ: Herr Ginthör, bekannte Künstler, zuletzt der Volksmusiker Andreas Gabalier, kritisieren Streaming, also das Online-Übertragen von Musik. Mit Recht?

Philip Ginthör: Nein. Streaming ist das Zugpferd der digitalen Musikbranche. Streaming ist dafür verantwortlich, dass die Umsätze in der Musikbranche endlich wieder wachsen in diesem Jahr in zwölf Märkten weltweit. Das ist einfach ein tolles Produkt, ideal für die Fans, die Musik konsumieren wollen.

Aber die Qualität gilt als nicht gut.

Da gibt es doch heute keine großen Unterschiede mehr, zum Beispiel bei der Qualität zwischen einer alten Musikkassette und der digitalen Übertragung. Was ist für junge Musikfans heute wichtig? Sie wollen Musik überall und mobil, also in jeder Lebenssituation, und zusammen mit anderen genießen. Musik ist im sozialen Konsum angekommen, auf Spotify etwa kann ich feststellen: Wer hört meine Songs noch, was hören meine Freunde? Der Konsument ist nicht mehr nur Kunde, dem jemand etwas über die Ladentheke reicht, sondern er ist Teil einer Community.

Wie groß ist der Anteil von Streaming an Ihrem Geschäft?

Streaming macht mindestens die Hälfte unseres digitalen Geschäftes aus. Weltweit ist Streaming schon der größte Umsatzanteil von Sony Music, und das ist weiter stark wachsend. Die Streaming-Umsätze im deutschsprachigen Markt haben sich allein in diesem Jahr verdoppelt. In Deutschland gibt es inzwischen bis zu fünf Millionen Kunden, die dafür zahlen. Und damit sind wir noch lange nicht an der Decke angekommen.

Operntenor Jonas Kaufmann in München in "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner. Sein Album "Nessun dorma" verkauft sich für klassische Musik sehr gut.

(Foto: imago)

Doch damit sind auch Umsatzausfälle verbunden, oder?

Nein, der durchschnittliche Streaming-Konsument zahlt rund 120 Euro im Jahr, im CD-Zeitalter hat der Kunde nur etwa 60 Euro im Jahr für Musik ausgegeben. Künftig wird das Angebot voraussichtlich größer, und damit werden auch die Einnahmen weiter zulegen.

Trotzdem sind Künstler unzufrieden mit den Einnahmen aus Streaming. Warum?

Die Wahrnehmung von Streaming hat sich zum Positiven gewandelt, gerade im letzten Jahr. Das Geschäftsmodell funktioniert anders, es wird ja nicht mehr nach verkauften Tonträgern abgerechnet, sondern nach Nutzung. Diejenigen Künstler, die sehr oft gehört werden, erhalten mehr Einnahmen. Es findet also eine Umverteilung statt. Dazu kommt: Die Umsätze sind zunächst geringer, aber nehmen über die Zeit zu. Wir haben inzwischen fast alle unsere Künstler überzeugt, sie erkennen die Vorteile und werden am Ende mehr Geld verdienen. Außerdem können neue Songs gerade in der jungen Zielgruppe schnell populär gemacht werden.

Deutschland ist nach den USA und Japan der drittgrößte Musikmarkt. Der Anteil der CD-Verkäufe ist aber noch sehr hoch.

Wir haben in Deutschland eine große Vielfalt wie in sonst keinem anderen großen Markt. Ich begrüße das: Der Musikfan kann sich Musik so kaufen wie er möchte, ob eine schöne Doppel-CD im Geschäft, eine Vinyl-Platte, ein Download bei iTunes oder ein Streaming-Angebot.

In Großbritannien war jetzt der Umsatz mit Vinyl-Scheiben wieder größer als der mit Downloads. Kommt die gute alte Schallplatte wieder?

Vinyl-Platten sind ein wichtiger Trend, sie sind aber nur eine Nische und machen nur etwa fünf Prozent des weltweiten Musikmarktes aus. Aber das ist eine schöne Entwicklung, denn hier entsteht Musikkonsum aus einer Haltung heraus, man will etwas Großformatiges, es geht um die Cover und das Anfassen. Musik ist nicht mehr nur das schnelle Drücken eines Knöpfchens, wenn ich mit Hunderten in der U-Bahn sitze, sondern ein Erlebnis.

Durch die Digitalisierung ist es heute möglich, dass sich die Künstler selbst vermarkten. Hat sich das Geschäftsmodell der großen Musikfirmen bald überlebt?

Es stimmt, Sie können heute ihre Musik selbst produzieren und ins Internet stellen. Aber die Relevanz großer internationaler Musikfirmen steigt wieder. Es geht darum, diese Musik auch relevant, sichtbar und hörbar zu machen, um möglichst viele Fans zu erreichen und möglichst viel Geld zu verdienen. Dazu brauchen Sie eine große internationale Musikfirma. Und wir haben uns ja gewandelt. Die sogenannten Majors der alten Schule gibt es nicht mehr. Tropenholzvertäfelung, Zigarren, dicke Teppiche sind ein Relikt.

Philip Ginthör, 41, studierte Jura in Wien und Havard. 2000 fing er bei Bertelsmann an, der Konzern verkaufte später die Musiksparte BMG schrittweise an Sony.

(Foto: oh)

Sie haben als Assistent von Rolf Schmidt- Holtz, dem langjährigen Chef der Bertelsmann Music Group, angefangen.

Ja, und genau in dieser Zeit sind die Relikte verschwunden. Ich habe aber auch noch die Zeiten davor mitbekommen und kenne noch den Bertelsmann-Tower im Herzen Manhattans, der Besprechungsraum war abgedunkelt, alles schwarzes Glas. Der gerade aufkommende Musikdienst von Apple war noch kein Thema. Es gab ein allgemeines Wohlbefinden, nach dem Motto: "Wir machen den Wein, nicht die Schläuche." Wie wir heute wissen, kam dann eine der größten Umwälzungen, die eine Branche je erlebt hat. Die internationale Musikindustrie hat sich innerhalb weniger Jahre halbiert.

Heute ist die Branche froh, wenn der Umsatz wieder auf geschätzt 16 Milliarden Dollar zulegt. Warum wurden die Musikfirmen damals so kalt erwischt?

Das Selbstverständnis der damaligen Marktführer hat es einfach nicht zugelassen, dass der Konsument über den Vertriebsweg selbst entscheidet. Inzwischen ist das ja in fast allen Bereichen der Wirtschaft der Fall. Klar ist: Die Reise geht weiter, das Fatalste wäre, daran zu glauben, dass wir es geschafft haben. Wir sind noch immer mittendrin.

Amazon, Apple, Spotify und die anderen Onlineanbieter - sind das Ihre Gegner oder Ihre Freunde?

(lacht) Das sind Partner. Man kann mit einem Feind nicht dauerhaft ein gutes Angebot machen. Unsere Strategie ist, immer das beste Produkt zu haben, das macht uns stark. Die genannten Unternehmen sind in erster Linie Technologiefirmen. Sie haben die Darreichungsform von Musik revolutioniert, das ist ihre Rolle, und das können sie gut. Dazu kommt: Musik ist so allgegenwärtig wie nie. Für uns als Künstlercompany ist das sehr positiv.

Wird besonders die Unterhaltungsmusik auch immer regionaler?

Das hat es doch schon immer gegeben. Eines unserer Labels, Ariola, hat sich doch schon früh auf süddeutsche und alpenländische Musik konzentriert.

Künstler aus Ihrer Heimat Österreich scheinen zuletzt aber besonders erfolgreich zu sein. Warum?

Österreichische Musik hat gerade eine gute Thermik, das stimmt. Es gibt innovative starke Bands und einen Kreativitätsschub, der es auch über die Grenze schafft, das ist schön. Österreich hat ja Tradition, denken Sie an Udo Jürgens oder Falco. Aber auch deutsche Künstler schaffen es inzwischen international.

Woran liegt das?

Durch Digitalisierung nimmt die automatische Vorherrschaft der britischen und amerikanischen Musik ab. Heute kommen gute Songs aus allen Ecken der Welt. Der britische Sänger James Arthur hatte seinen Durchbruch bei unserem Label in Deutschland, und sein Hit ging von da aus um die Welt. Oder der Operntenor Jonas Kaufmann, der hat in diesem Jahr mehr als 100 000 Alben verkauft, das ist eine Sensation für einen Künstler aus der klassischen Musik. Das ist alles sehr ermutigend. Es gibt heute keine Patentrezepte mehr, wie Musik berühmt wird, sondern viele Wege.