VDMA-Präsident Manfred Wittenstein über die Sehnsucht nach einem Reformer wie Alt-Kanzler Gerhard Schröder, die Renditen im Maschinenbau und die Fähigkeiten deutscher Schüler.
Eigentlich geht es den deutschen Herstellern von Maschinen und Anlagen gut. Trotz Finanzkrise, steigender Rohstoffpreise und schwachem Dollar sieht Manfred Wittenstein, Mittelständler und Präsident des Branchenverbandes VDMA, noch keinen Grund, von seiner Wachstumsprognose abzurücken. 2008 soll die Produktion um real fünf Prozent wachsen. Aber zufrieden ist Wittenstein nicht. Viele Reformen, sagt er, belasten den Mittelstand.
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SZ: Herr Wittenstein, die deutschen Banken leiden unter der Finanzkrise in den USA. Bekommt der Maschinenbau noch Geld für Investitionen?
Manfred Wittenstein: Uns belastet die Finanzkrise gegenwärtig noch nicht.
SZ: Brauchen Sie denn keine Kredite?
Wittenstein: Natürlich brauchen wir Kredite. Aber die Eigenkapitalquote im Maschinenbau hat sich von etwa 20 Prozent in den 90er Jahren auf gut 30 Prozent verbessert. Wir haben viel getan, um unser Image bei den Banken zu verbessern. Mittlerweile verstehen sie, dass wir zwar eine zyklische Industrie sind, aber nicht unberechenbar. Wir liefern Kontinuität. An Geld fehlt es dem Maschinenbau nicht, aber es gibt jede Menge andere Bedrohungen.
SZ: Welche denn?
Wittenstein: Die Erbschaftsteuerreform, der schwache Dollar, die gestiegenen Preise für Rohstoffe und Energie und die zu erwartenden Lohnwünsche in der Tarifrunde im nächsten Jahr.
SZ: Was stört Sie an der Erbschaftsteuerreform?
Wittenstein: Die Erbschaftsteuer ist eine Kriegserklärung. Sie bricht dem deutschen Mittelstand das Rückgrat.
SZ: Sind das nicht zu starke Worte?
Wittenstein: Überhaupt nicht. Nehmen Sie nur die Lohnsummenbindung und die Verhaftungsregel. Wie es jetzt aussieht, bleiben 85 Prozent des Betriebsvermögens nur unter bestimmten Bedingungen erbschaftsteuerfrei. So muss die Lohnsumme, bereinigt um Tariflohnsteigerungen und Inflation, in den zehn Jahren nach dem Vermögensübergang mindestens 70 Prozent der Ausgangslohnsumme betragen. Und der Erbe darf während einer Frist von 15 Jahren keine Entnahme aus dem Betrieb tätigen, die über den laufenden Gewinn hinausgeht.
SZ: Ist das nicht fair?
Wittenstein: Das ist doch so, als wenn Sie zur Hochzeit vom Staat eine Steuervergünstigung bekommen und wenn Sie sich scheiden lassen, müssen Sie sie zurückerstatten.
SZ: Immerhin hat die Wirtschaft die lange geforderte Unternehmensteuerreform bekommen.
Wittenstein: Ach je, unter dem Strich haben wir nicht viel gewonnen. Die Schäden durch die Änderung von Steuerbestimmungen sind groß. Bei der Besteuerung von Funktionsverlagerungen weiß die Politik offensichtlich überhaupt nicht, was sie anrichtet. Und die Neuordnung des Arbeitsmarktes, die uns die große Koalition eigentlich versprochen hatte, ist ausgeblieben.
SZ: Das klingt so, als wünschten Sie sich Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) zurück?
Wittenstein: Der hatte immerhin den richtigen Ansatz. Und die große Koalition kassiert nach und nach Schröders gute Ansätze. Das ist das Problem in unserer Gesellschaft. Uns fehlt die Geduld, Ergebnisse abzuwarten. Irgendwann kriegt die Politik kalte Füße und rudert zurück. Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren eine Million neue Stellen geschaffen. Und ausgerechnet jetzt wird die soziale Frage gestellt. Das verstehe ich nicht. In den Jahren mit fast fünf Millionen Arbeitslosen wurde nicht über Gerechtigkeit diskutiert.
SZ: Kommen wir zur nächsten Bedrohung. Wie weh tut dem Maschinenbau der Dollar?
Wittenstein: Dieses Niveau ist auf Dauer unerträglich. In meiner Firma galt früher eine Schmerzgrenze von 1,40 Dollar. Wir sind selbst überrascht, dass es dem Unternehmen auch bei dem inzwischen höheren Kurs immer noch gutgeht und wir in der Summe keine Verluste fahren. Aber in manchen Bereichen tut der schwache Dollar schon richtig weh.
SZ: Wo denn besonders?
Wittenstein: Zum Beispiel in der Luftfahrtindustrie, wo die Verträge langfristig und in Dollar geschlossen werden. Wir haben vor Jahren Verträge auf Basis von 1,20 Dollar geschlossen. Eine Währungsklausel, die Veränderungen des Wechselkurses berücksichtigt, war da nicht hineinzubekommen. Solche Verträge können wir heute nur mit Verlust erfüllen. Erfüllen müssen wir sie trotzdem, weil das Investitionsgütergeschäft auf Vertrauen beruht. Wenn der Dollar über eine längere Phase so schwach bleiben sollte, wie er jetzt ist, müssen wir uns allerdings fragen, ob wir diese Art von Produktion noch betreiben können. Ein schwacher Dollar ist ein deutlicher Wettbewerbsvorteil für unsere Konkurrenten in Amerika. Das Gleiche gilt im Übrigen für unsere Konkurrenten in Japan wegen des schwachen Yen.
SZ: Wie stark leidet das Geschäft der deutschen Maschinenbauer in den USA?
Wittenstein: Schon im vergangenen Jahr sind unsere Umsätze in den USA in Euro umgerechnet gesunken, auch wegen der schlechten Währungsrelationen. Und die USA sind immer noch unser wichtigster Markt, auch wenn ihr Exportanteil mittlerweile unter zehn Prozent liegt. Beim Werkzeugmaschinenbau, bei Papier- und Druckmaschinen war der Einbruch schon zweistellig. Jetzt kommt noch die Finanzkrise hinzu. Wir müssen in den USA immer noch mit Überraschungen rechnen. Aufatmen können wir erst Ende des Jahres.
SZ: Bleiben Sie dennoch bei Ihrer Prognose, dass die Produktion im deutschen Maschinenbau in diesem Jahr um real fünf Prozent wächst?
Wittenstein: Die Prognose steht. Für das erste Quartal rechnen wir mit einem zweistelligen Wachstum. Unsere Kapazitätsauslastung liegt bei 92 Prozent und die Auftragsreichweite bewegt sich mit 6,6 Monaten auf einem Rekordniveau.
SZ: Dann kommt der Einbruch also nicht dieses Jahr, sondern nächstes Jahr.
Wittenstein: Niemand weiß, wann genau die Konjunktur sich dreht. Wir waren selbst überrascht über die Länge des gegenwärtigen Aufschwungs. Wir sind im fünften Wachstumsjahr. Das hatten wir zuletzt in den 60er Jahren.
SZ: Woran liegt das?
Wittenstein: Wir profitieren von der Globalisierung. Es gibt viele neue Marktteilnehmer, die wachsen wollen, Länder wie China, Indien und Brasilien. Wir liefern dazu die Maschinen.
SZ: Ist der Profit wegen der höheren Kosten für Rohstoffe und Energie gesunken?
Wittenstein: Nein. Die Renditen sind im vergangenen Jahr nicht so gewachsen, wie sie hätten wachsen können. Trotz Booms liegen wir im internationalen Vergleich aber immer noch nicht auf dem Niveau, auf dem wir als Hightech-Branche liegen müssten.
SZ: Sind Ihre Ansprüche zu hoch?
Wittenstein: Nein. Wir sind ja permanent gefordert, Risiken einzugehen, um Innovationen zu liefern. Dazu brauchen wir hohe Renditen. Die Chinesen haben es einfach: Die kupfern uns ab, da reicht eine Rendite von drei Prozent.
SZ: Welche Rendite brauchen Sie?
Wittenstein: Derzeit liegen die Bruttorenditen bei 4,5 bis fünf Prozent. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre lagen sie noch bei 2,5 bis drei Prozent. Damit kann man nicht überleben, da leben Sie aus der Substanz. Wir brauchen Renditen von sechs bis zehn Prozent. Für Wittenstein strebe ich zehn Prozent an, wir wachsen ja. Die brauche ich, um in kritischen Phasen keine Leute entlassen zu müssen, was ich nicht will. Dafür nehme ich auch einmal ein Jahr mit null Rendite in Kauf, denn Mitarbeiter sind unser teuerstes Kapital.
SZ: Wenn die Mitarbeiter Ihr wertvollstes Kapital sind, warum sehen Sie dann in den Lohnforderungen eine solche Bedrohung? Für das wertvollste Kapital sollte man gut zahlen.
Wittenstein: Auch mit unserem wertvollsten Kapital stehen wir im Wettbewerb mit Menschen aus anderen Ländern, heute mehr denn je. Im Vergleich zu unseren heftigsten Wettbewerbern in der OECD liegen die Lohnstückkosten in Deutschland immer noch ganz weit oben. Der Abstand ist zwar kleiner geworden, aber Arbeit ist in Deutschland nach wie vor zu teuer. Wir können das nicht durch höhere Produktivität ausgleichen. Wir dürfen nicht nachlassen.
SZ: Ist die deutsche Wirtschaft und die deutsche Gesellschaft auf die Herausforderungen der globalen Märkte ausreichend vorbereitet?
Wittenstein: Nein, absolut nicht. Wir haben in Deutschland kein Öl und kein Gold. Wir setzen ausschließlich auf unsere Mitarbeiter. Die müssten wir auf das höchste Niveau bringen. Gesellschaft und Staat müssten sehr viel mehr in die Entwicklung der Potentiale ihrer Bevölkerung stecken - in Aus- und Fortbildung. Das geschieht nicht.
SZ: Wo sehen Sie die Defizite genau?
Wittenstein: In den Schulen wird nicht das wirkliche Leben gelehrt. Die Schule ist eine Käseglocke. Die jungen Leute müssen sich schneller mit der Wirklichkeit auseinandersetzen dürfen. Es gibt zu wenig Technik-Unterricht an den Schulen, auch das Thema Wirtschaft wird nicht genügend behandelt. Es kann nicht angehen, dass man in einer Marktwirtschaft über die Funktion von Preisen nicht mehr genau Bescheid weiß. Es kann nicht sein, dass in der Politik abstruse Entscheidungen getroffen werden, über die jeder wirtschaftlich denkende Mensch nur den Kopf schütteln kann. Wir driften in die falsche Richtung ab. Viele der Reformen in der Bildungspolitik und im Steuerrecht sind eben nur gut gemeint, sie sind es aber nicht.
- Konjunktur Robuste Wirtschaft 16.04.2008
- Frühjahrsgutachten Deutsche Wirtschaft schwächer, aber robust 16.04.2008
- Weltwirtschaft IWF reduziert Wachstumsprognose 04.04.2008
(SZ vom 19.04.2008/hgn)
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"Wir haben vor Jahren Verträge auf Basis von 1,20 Dollar geschlossen. Eine Währungsklausel, die Veränderungen des Wechselkurses berücksichtigt, war da nicht hineinzubekommen. Solche Verträge können wir heute nur mit Verlust erfüllen. Erfüllen müssen wir sie trotzdem, weil das Investitionsgütergeschäft auf Vertrauen beruht."
Besonders der zweite Satz dürfte für mittelständische Unternehmen viel häufiger zutreffen, als beruhigende Berichte von gewissen grossen Autobauern vermuten lassen.
Interessant, weil Ökonomietheoretiker uns seit Monaten immer wieder einzureden versuchen, dass der Dollarkurs deutschen Unternehmen (und besonders DEN DEUTSCHEN MASCHINENBAUERN) nichts anhaben kann, sondern im Gegenteil ein Segen ist ("billig ne Hose in New York kaufen") und ausserdem die USA sowieso kaum noch eine Rolle spielen. Offenbar sind die von den Unternehmen gefühlten Realitäten andere, auch was die immer so leicht hingeschriebene Wechselkursabsicherung betrifft.
"Ein schwacher Dollar ist ein deutlicher Wettbewerbsvorteil für unsere Konkurrenten in Amerika. Das Gleiche gilt im Übrigen für unsere Konkurrenten in Japan wegen des schwachen Yen."