Interview mit Bsirske "Wenn sich Dinge zuspitzen, kommen die Leute"

Verdi-Chef Bsirske bekämpft in seiner Gewerkschaft den Mitgliederschwund. Ein Gespräch über krawallige Zeiten, sein Verhältnis zur Regierung - und sein letztes Gespräch mit Rainer Brüderle.

Interview: Detlef Esslinger

Am 4. Februar beginnt die Tarifrunde für die Beschäftigten der Bundesländer. Die Gewerkschaften haben fünf Prozent mehr Geld gefordert. Wie viel sie durchsetzen werden, hängt immer auch von der Entschlossenheit der Beschäftigten zum Arbeitskampf ab - was das betrifft, hat es Verdi-Chef Frank Bsirske, 58, bei den Ländern mit schwierig zu führenden Truppen zu tun. Und das nicht nur dort.

SZ: Herr Bsirske, das wichtigste für Gewerkschaften sind Mitglieder, und seit Jahren kämpfen Sie gegen Mitgliederschwund. Wie viele haben Sie zu Beginn des neuen Jahres?

Bsirske: Wir haben jetzt 2,094 Millionen Mitglieder. Das sind 2,05 Prozent weniger als im Vorjahr.

SZ: Sie kriegen also die Entwicklung nicht in den Griff.

Bsirske: Im Gegenteil. Der Rückgang ist vor allem auf Austritte von Rentnern und Arbeitslosen zurückzuführen. Von besonderer Bedeutung ist aber die Entwicklung bei den Erwerbstätigen. Und dort haben wir im dritten Jahr hintereinander Zuwachs: 89.300 Eintritte und 86.700 Austritte, also ein Plus von 2600. Im Vorjahr hatten wir ein Plus von fast 8000, im Jahr 2008 sogar von 30.000. Das liegt daran, dass wir in diesen Jahren die Tarifrunden bei Bund und Kommunen, bei Post und Lufthansa hatten, jeweils mit vielen Warnstreiks und Streiks. Das schlägt sich natürlich positiv in der Mitgliederentwicklung nieder.

SZ: Mit anderen Worten: Eine Gewerkschaft braucht von Zeit zu Zeit Krawall.

Bsirske: Wenn sich Dinge zuspitzen, steigt die Bereitschaft der Beschäftigten zum Eintritt in die Gewerkschaft spürbar. Das ist seit langem so, weshalb in einem Jahr wie 2010, in dem es keine spektakulären Auseinandersetzungen gab, die Zahl der Eintritte nicht so hoch war.

SZ: Nun steht die Tarifrunde bei den Ländern an. Da haben Sie in der Hinsicht vermutlich wenig Schwung zu erwarten.

Bsirske: Warten wir mal ab. Richtig ist, dass das Gros der Länder-Beschäftigten zurückhaltend ist, was gewerkschaftliche Organisierung angeht...

SZ: ... viele Beamte, höhere Verwaltungsangestellte und Lehrer, die auch, sofern sie Angestellte sind, nicht gerne streiken...

Bsirske: ... ja, abgesehen von Hochburgen wie etwa Straßenämter, Küstenschutz oder Unikliniken. Aber auch die angestellten Lehrer haben schon gezeigt, dass mit ihnen zu rechnen ist.

SZ: Ist das der Grund, warum Sie nur fünf Prozent fordern, also weniger als die Industriegewerkschaften?

Bsirske: Die Situation der Länder ist ja eine andere als die Gewinnsituation in der Chemie- oder Stahlindustrie. Aber wir werden 2011 weitere Tarifrunden haben: Handel, private Abfallentsorgung, Telekom, Versicherungen oder auch bei RWE, wo wir gerade Warnstreiks hatten - die ersten seit 1919. Und außerdem in der Druckindustrie sowie für Menschen wie Sie, Redakteure bei Zeitungen.

SZ: Die streiken ja nie.

Bsirske: Diese Tarifrunde hat zusammen mit der in der Druckindustrie das Zeug zur großen Auseinandersetzung. Die Arbeitgeber wollen das Gehalt aller Redakteure um fünf Prozent kürzen, indem sie das Urlaubsgeld streichen. Und für Neueinsteiger und Arbeitsplatzwechsler wollen sie das Tarifniveau um 25 Prozent senken. Das sucht wirklich seinesgleichen.

SZ: Trotzdem sind die meisten Journalisten so von ihrem Job begeistert, dass sie wohl auch 1919 zuletzt streikten.

Bsirske: Okay. Sollen wir dann als Gewerkschaft auf den Abschluss eines Tarifvertrags verzichten? Mit der Folge, dass jeder neue Arbeitsvertrag freihändig ausgehandelt werden muss - mit allen Möglichkeiten, die die Arbeitgeber dann haben werden, Gehalt zu senken und Arbeitszeit zu verlängern. Oder sollen wir die Zumutungen der Arbeitgeber unterschreiben? Eine Chance, das zu verhindern, gibt es nur, wenn die Redakteure sich entscheiden und sagen: Das nehmen wir nicht hin! Und sie dann auch mit anderen zusammen aktiv werden, so wie kürzlich - mit Erfolg - bei der Frankfurter Neuen Presse. Andere Alternativen gibt es nicht.

SZ: Gescheitert sind Sie im vergangenen Jahr mit einer Regelung zum Gesundheitsschutz bei den Banken. Damit wollten Sie Vertriebsdruck von den Beratern nehmen. Inzwischen ist klar: Die Regelung war das Papier kaum wert.

Bsirske: Gescheitert ist sie nicht. Die Vereinbarung war zwar in der Tat nicht sehr konkret. Aber sie ist zum Beispiel in der Commerzbank oder der Hypovereinsbank Bezugspunkt für intensive Debatten über Verkaufsvorgaben und den Abbau psychischer Belastungen.

SZ: Mit den Mitteln einer Gewerkschaft ist hier kaum etwas zu ändern.

Bsirske: Das erste Mittel ist doch, öffentlich zu machen, was passiert. Das ist uns gelungen. Und immerhin gibt es eine gemeinsame Erklärung von Verdi und dem Sparkassenverband. Darin steht, dass es bei der Beratung um die Bedürfnisse des Kunden gehen und Kundenzufriedenheit ein Kriterium bei den Erfolgsprämien sein muss. Darauf können sich die Beschäftigten in der Auseinandersetzung mit Vorgesetzten nun berufen.

SZ: Berlin plant ein Berufsverbot für unseriöse Berater. Was halten Sie davon?

Bsirske: Gar nichts. Aber die Idee, Beratungsqualität zu überprüfen, ist richtig. Nur muss man sich ans Management halten. Das macht doch jene Vorgaben, die zu unseriöser Beratung führen.

SZ: Wie groß ist eigentlich generell Ihr Einfluss auf Union und FDP?

Bsirske: Schwarz-Gelb belastet unten und entlastet oben. Wir sehen das im Vermittlungsausschuss zu Hartz IV. Schwarz-Gelb schlägt vor, das Prinzip "gleiche Arbeit, gleiche Bezahlung" zwischen Leih- und Stammarbeitern erst anzuwenden, wenn ein Leiharbeiter zwölf Monate im Betrieb ist. Das ist eine Provokation, denn jeder achte muss mit Hartz IV aufstocken. Deswegen ist es richtig, dass die Opposition den Zusammenhang zwischen Hartz IV, Mindestlohn und Bezahlung von Leiharbeit herstellt.

SZ: Wann sprachen Sie zuletzt mit den Ministern von der Leyen und Brüderle ?

Bsirske: Mit von der Leyen: Mitte Dezember.

SZ: Und mit Brüderle?

Bsirske: Schon länger nicht mehr.

SZ: Reden Sie nicht mit Liberalen?

Bsirske: Natürlich. Was uns dort freilich begegnet, ist eine dogmatische Weltsicht, die an Realitätsverweigerung grenzt. Die geraten ja jetzt schon mit Arbeitgebern aneinander. Wir haben mit dem Bewachungsgewerbe einen Mindestlohn vereinbart. Die Firmen wollen, dass der Bund ihn für allgemeinverbindlich erklärt. Bis dato scheitert das an der FDP.