Von K.-H. Büschemann, M. Hesse u. S. Weber

Geht Arcandor in die Insolvenz? Der Vorstand ringt mit den Eigentümern und Banken des Kaufhauskonzerns um ein neues Rettungskonzept - es bleibt nur wenig Zeit.

Nachdem die Bundesregierung die beantragte Rettungsbürgschaft vorläufig abgelehnt hat, rückt die Insolvenz für den Arcandor-Konzern immer näher. In Gesprächen mit Eigentümern, Banken und Vermietern will der Vorstand zwar sein Rettungskonzept nachbessern. Doch die Chancen schwinden. Schon an diesem Dienstag droht die Insolvenz.

Karstadt, Arcandor, ddp

"Und was wird aus uns?" Verkäuferin Nadine Kowalla am Montag während einer Mahnwache in Potsdam. (© Foto: AP)

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Der Handels- und Touristikkonzern bereitet sich auf eine mögliche Insolvenz vor. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung hat Vorstandschef Karl-Gerhard Eick den Düsseldorfer Insolvenzverwalter Horst Piepenburg als Berater gewonnen. Er gilt als Fachmann für ein so genanntes Insolvenzplanverfahren und hat vor kurzem die insolvente Modekette Sinn-Leffers saniert. Bei einem Insolvenzplanverfahren versucht das Management, unterstützt von einem Insolvenzverwalter, das gefährdete Unternehmen in wesentlichen Teilen zu erhalten und zu sanieren. Ein Antrag noch am Dienstag sei nicht auszuschließen, sagte eine mit den Plänen vertraute Person am Montagabend. Die entsprechenden Vorbereitungen liefen bereits. Das sei "eine realistische Option".

Stellt Arcandor den Antrag, wären unmittelbar auch die beiden hundertprozentigen Tochtergesellschaften Karstadt sowie die Versandhandelsgruppe Primondo mit der traditionsreichen Marke Quelle betroffen. Weniger tangiert wäre die Reise-Tochter Thomas Cook, an der Arcandor mit knapp 53 Prozent beteiligt ist. Wahrscheinlich ist, dass sich Arcandor von der Touristikgruppe trennen muss. Der zweitgrößte europäische Reiseanbieter ist seit längerer Zeit der einzige verlässliche Gewinnbringer. Der Branchendritte, die Rewe-Gruppe, hat bereits Kaufinteresse signalisiert.

Eine Pleite von Karstadt würde keineswegs zur Schließung sämtlicher Warenhäuser führen. Der Metro-Konzern zeigt seit langem Interesse, seine Warenhaustochter Kaufhof unter ein Dach mit Karstadt zu bringen. Eine Insolvenz des Konkurrenten würde Metro alle Trümpfe in der Hand lassen. Der Kaufhof-Mutterkonzern könnte sich die Filialen aussuchen, die er weiterbetreiben möchte und muss die Hauptverwaltung in Essen nicht übernehmen. Metro hat nur Interesse an 60 der 91 Karstadt-Häuser.

Der Primondo-Gruppe, zu der neben dem Universalversand von Quelle auch Spezialversender wie Baby Walz oder der Home-Shopping-Sender HSE 24 gehören, werden nach Einschätzung von Branchenkennern gute Chancen eingeräumt, als eigenständige Unternehmen weiterzubestehen. Der Hamburger Otto-Versand hat Interesse für einige Spezialversender angemeldet. Sein Augenmerk gilt auch den 28 Karstadt-Sport-Häusern, die als gute Ergänzung zur eigenen Sport-Scheck-Kette gilt.

Banken prüfen Verzicht

In Bankenkreisen hieß es am Montag, die Gläubigerbanken seien zu Zugeständnissen bereit. Sie seien gewillt, ein halbes Jahr auf Zinszahlungen von Arcandor zu verzichten. Allerdings ist dieses Zugeständnis an die Voraussetzung geknüpft, dass der Bund einen Notkredit gewährt. Ohne den staatlichen Überbrückungskredit seien derartige Zugeständnisse nicht sinnvoll. Die größten Gläubiger des Konzerns sind die BayernLB, die Commerzbank und die Royal Bank of Scotland. Am Abend herrschte offenbar auch bei den Banken Unsicherheit darüber, ob die Absage des Notkredits endgültig ist. Aus dem Kreise der Banken hieß es, man gehe davon aus, dass dies nicht das letzte Wort sei. Auch die Gewerkschaft Verdi sieht noch "eine kleine Tür offen". Die Finanzmärkte schrieben den Konzern dagegen ab. An der Börse gaben die Papiere 43 Prozent nach und kosteten nur noch gut einen Euro.

Neben den Banken kommen den Eigentümern und den Vermietern der Karstadt-Immobilien eine wichtige Rolle zu. Die Eigentümer um Madeleine Schickedanz und das Bankhaus Sal. Oppenheim hatten am Montag signalisiert, sie seien bereit, 150 Millionen Euro zusätzliches Kapital bereitzustellen. Auch die Eigentümer der Immobiliengesellschaft Highstreet, in der die Warenhaus-Immobilien gebündelt sind, zeigten Entgegenkommen. Zwar wollen die Investoren um die Investmentbank Goldman Sachs die Mieten nicht senken. Offenbar ist aber zumindest Goldman bereit, sich im Falle einer Restrukturierung am Eigenkapital zu beteiligen.

Der Arcandor-Konzern bewegt sich inzwischen allerdings auf einem juristisch heiklen Boden. Der Druck auf das Management wächst, die Insolvenz anzumelden. Nach dem Insolvenzrecht gilt ein Unternehmen als zahlungsunfähig, ,,wenn der Schuldner seine Zahlungen eingestellt hat''. Dieser Fall ist offenbar längst eingetreten. Unternehmenschef Eick hatte schon am Freitag erklärt, Arcandor habe Mietzahlungen eingestellt.

Doch Eick wartet mit dem letzten Schritt, weil er noch auf Hilfe vom Staat hofft. Wartet er nach dem Eintreten der Insolvenz mehr als drei Wochen mit dem Antrag, macht er sich der Insolvenzverschleppung strafbar. ,,Wer zahlungsunfähig ist, muss zum Insolvenzrichter'' sagt Daniel Berger, Geschäftsführer des Verbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands.

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(SZ vom 9.6.2009/mel)