Insolvenz des Buchverlags Warum die Weltbild-Sanierung gescheitert ist

Eine Filiale der kirchlichen Verlagsgruppe Weltbild. Das Unternehmen ist am Ende und viele Mitarbeiter müssen sich neue Jobs suchen.

Hohe Verluste, leere Kassen, fehlende Strategie: Weltbild muss Insolvenz anmelden. Erst im November hatte der Buchhändler aus Augsburg einen erfahrenen Sanierer angeheuert - ohne Erfolg. 6800 Mitarbeiter fragen sich nun, wie ihre Zukunft aussieht. Manche warnen schon vor einem "Schlecker 2".

Von Caspar Busse, Christian Krügel und Katja Riedel

Josef Schultheis, 48, ist ein erfahrener Sanierer. Der gelernte Wirtschaftsingenieur wird dann engagiert, wenn es ernst ist. "Wir sind keine Schönheitschirurgen, sondern Notärzte", lautet das Motto seiner Berliner Beratungsfirma. Wenn Schultheis kommt, gehe es um Herzmassage, nicht darum, die Lippen voller zu machen, sagt ein Insider. Und Schultheis hat schon viel erlebt: Er hat für den Handelskonzern Arcandor die Insolvenz mit betreut, dabei das Warenhausunternehmen Karstadt verkauft und den Versender Quelle abgewickelt. Er war bei der Pleite der Baumarktkette Praktiker dabei, er hat der Gewerkschaftsholding BGAG bei der Bereinigung riskanter Engagements geholfen.

Insofern war es ein deutliches Zeichen, als Schultheis im November beim schwer angeschlagenen Buchhändler Weltbild in Augsburg anheuerte. Er wurde als Geschäftsführer bestellt und soll seitdem die Sanierung leiten, neben der bestehenden Geschäftsführung unter Carel Halff. Denn es steht schon länger schlecht um das Unternehmen, das vollständig der katholischen Kirche gehört. Hohe Verluste, leere Kassen, fehlende Strategie - der erfahrene Sanierer hatte einen neuen, sehr schwierigen Job angetreten. Noch Mitte dieser Woche zeigte sich Schultheis aber im kleinen Kreis "überwiegend optimistisch", dass bis Ende März eine vorläufige Lösung gefunden wird.

"Notarzt statt Schönheitschirurg": Bereits im November wurde ein erfahrener Sanierer engagiert

Doch seit diesem Satz ist viel passiert bei Weltbild. Denn am Dienstag dieser Woche hatten die Gesellschafter erfahren, dass sie nicht 60 Millionen Euro, sondern mehr als doppelt so viel Geld zuschießen sollten, nämlich 130 Millionen Euro. Ihre Zustimmung, so erfuhren die Kirchenmänner, brauche man bis zu diesem Freitag, anderenfalls müsse man Insolvenz anmelden, drohte die Geschäftsführung den Bistümern. 130 Millionen, bei 190 Millionen Schulden. Zu viel Zeitdruck, zu viel Geld für diejenigen, deren Glauben an die Zukunft ihres Medienhauses die Botschaft wohl tief erschütterte. So sehr, dass sie dem Unternehmen in der Nacht zum Freitag den Geldhahn zugedreht haben.

Die Geschäftsführung musste also zum Amtsgericht in Augsburg gehen und stellte dort den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. "Jetzt droht Schlecker 2", heißt es warnend aus Verhandlungskreisen, und so steht es auch wörtlich in einem Sanierungsgutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, das Weltbild im Spätsommer mit heißer Nadel hatte stricken lassen und das tief greifende Veränderungen vorgesehen hatte. Pläne, die nun mit diesem Freitag erst einmal obsolet geworden sind. Fast 7000 Mitarbeiter stehen vor dem Nichts. Bei der Drogeriekette Schlecker waren es mehr als 20.000 Beschäftigte und ein bundesweites Filialnetz. Anfang 2012 war Schlecker spektakulär insolvent, wurde abgewickelt.

Auch bei Weltbild, das mit einem Jahresumsatz von 1,6 Milliarden Euro zu den größten Medienhandelsunternehmen in Europa zählt, droht ein ähnliches Szenario. Noch völlig unklar ist, wie es für die Töchter weitergeht. Das aus dem katholischen Zeitschriftenverlag Winfried-Werk hervorgegangene Unternehmen ist auf dem Buchmarkt mit rund 400 Filialen im deutschsprachigen Raum, dem Onlineshop weltbild.de und im Katalogversandhandel tätig. Gesellschafter sind zwölf katholische deutsche Diözesen, der Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) sowie die katholische Soldatenseelsorge Berlin. Seit 2006 liegt das stationäre Buchhandelsgeschäft von Weltbild in den Händen der Finanzholding DBH, die Weltbild gemeinsam mit Hugendubel betreibt und an der beide je die Hälfte der Anteile halten. Darin sind Buchhandlungen der Marken Hugendubel, Weiland, Weltbild-Plus, Jokers und Wohlthat gebündelt. Geplant war nach SZ-Informationen, die DBH zum 31. Januar aufzuspalten und Hugendubel aus dem Verbund herauszulösen. Welche Konsequenzen die Pleite eines ihrer Gesellschafter für die DBH haben wird, ist noch völlig unklar.

Querelen ohne Ende: Die Eigentümer sind sich nicht einig

Weltbild ist nicht nur durch die hauseigene Finanzkrise unter Druck. Der Buchhandel hat ohnehin zu kämpfen, immer mehr Kunden bestellen im Internet. Amazon beherrscht den Markt. Zudem wären bei Weltbild eigentlich hohe Investitionen nötig. Und ein neues Konzept.

Der Unterhalt eines großen Filialnetzes ist teuer, die Erträge sinken. Teil des Sanierungskonzeptes war darum laut Gutachten auch, sich bis 2016 von einem Großteil der Filialen zu trennen. Doch noch ist Weltbild ein Unternehmen, das vornehmlich aus dem Kataloggeschäft kommt und die Waren versendet, keine echte Online-Firma. Dazu kamen immer wieder Querelen unter den Eigentümern. Unter dem Eindruck einer öffentlichen Debatte über den Verkauf von Erotik- und Esoterik-Titeln hatten diese im November 2011 beschlossen, sich von Weltbild zu trennen. Ende Juni 2012 rückten sie davon wieder ab und entschieden, den Konzern in eine kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts zu überführen. Dies ist bis heute aber nicht umgesetzt. Mehrere Bistümer kündigten an, sich nicht mehr engagieren zu wollen, sagten aber noch eine einmalige Liquiditätshilfe von etwa 60 Millionen Euro zu. Im November 2013 wurde ein Kapitalschnitt eingeleitet und dann kam Schultheiß. Und mit Schultheiß kamen neue Berechnungen, am Ende neue, für die Eigentümer völlig überraschende Zahlen.

"Die Komplexität ist hoch", sagten Beteiligte zuletzt. Die vielen Gesellschafter seien sich bis zuletzt nicht einig gewesen. Dazu kommt, dass das Weihnachtsgeschäft 8 Millionen Euro unter den Erwartungen blieb. Wie viel Weltbild nach dem Insolvenzantrag noch wert ist und ob es einen möglichen Investor geben kann, ist zweifelhaft. Denn Schultheis selbst hat bei Quelle die Erfahrung gemacht, dass ein Versandhandelsgeschäft in der Insolvenz nur sehr schwer fortzuführen ist. Der Grund: Die Waren müssen vorfinanziert werden und werden erst später von den Kunden bezahlt. Fehlen aber die liquiden Mittel, ist eine Fortführung kaum möglich.

Wie es weitergeht, muss der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz entscheiden. Der hat übrigens auch schon die Schlecker-Insolvenz betreut.