Insolvente Fluglinie Bei Air Berlin beginnt das große Warten

Eine Maschine der insolventen Fluggesellschaft Air Berlinauf einer Parkposition am Flughafen Tegel

(Foto: dpa)
  • Die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin hat zum Ende der Angebotsfrist mehrere Offerten erhalten, die jetzt "sehr detailliert" ausgewertet werden müssen.
  • Eine Entscheidung, welches Angebot den Zuschlag bekommt, wird erst am 25. September getroffen.
  • Die fünf bestätigten Kaufangebote kommen von Lufthasa, Easyjet, Niki Lauda gemeinsam mit Condor, dem Logistikunternehmen Zeitfracht und dem Unternehmer Utz Claassen.

Mit dem Glockenschlag um 14 Uhr war die Frist abgelaufen: Bis zu diesem Zeitpunkt konnten Interessenten, die die Fluggesellschaft Air Berlin als Ganzes übernehmen oder Teile davon kaufen wollen, ein Angebot abgeben. Mehrere davon sind laut einem Air-Berlin-Sprecher eingegangen, jetzt müsse über mehrere Tage hinweg "sehr detailliert" ausgewertet werden.

Es steht viel auf dem Spiel: Die Offerten entscheiden nicht nur darüber, ob das weiß-rote Air-Berlin-Logo in Zukunft noch auf irgendwelchen Flughäfen dieser Welt in irgendeiner Form zu sehen sein wird. Sondern es geht auch um das Schicksal von etwa 8000 Mitarbeitern, um die bereits gebuchten Tickets von tausenden Passagieren und überhaupt um die Zukunft der Airline-Landschaft in Deutschland.

Doch mit dem Ende der Angebotsfrist beginnt für die Betroffenen vor allem die Zeit des Wartens. Der Gläubigerausschuss trifft sich zwar schon am 21. September, die Entscheidungen darüber, welche Teile von Air Berlin an wen gehen, wurde am Donnerstag jedoch kurzfristig auf den 25. September verschoben, also auf den Tag nach der Bundestagswahl. Die Gewerkschaft Verdi kritisiert die Verschiebung als verantwortungslos. "Diese Vertagung geht vor allem zu Lasten der Beschäftigten, die endlich Entscheidungen über ihre Arbeitsplätze und über ihre Zukunft wollen", sagt Verdi-Vorstandsmitglied Christine Behle.

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Wie geht es nach dem Ende der Angebotsfrist weiter?

Derzeit ist Air Berlin vor allem deshalb betriebsfähig, weil die Bundesregierung der Fluggesellschaft einen Überbrückungskredit in Höhe von 150 Millionen Euro gewährt hat. Experten gehen aber davon aus, dass diese Summe nicht reichen wird, um den Flugbetrieb bis zum Abschluss des Verkaufs zu gewährleisten. Dieser kann erst stattfinden, wenn die EU- Kommission ihn wettbewerbsrechtlich genehmigt hat - ein Prozess, der mehrere Monate dauern kann. Experten rechnen deshalb damit, dass potenzielle Käufer viele weitere Millionen aufbringen müssten, um den Flugbetrieb zu sichern. Dieser Kapitalbedarf wäre für den Verkauf eine große Hürde: Er müsste mit den Kosten gegengerechnet werden, wodurch der Kaufpreis sinken würde.

Das sind die potenziellen Bieter:

  • Lufthansa: Der deutsche Marktführer hat schon im Frühjahr - und damit weit vor der Insolvenz - sein Interesse bekundet. Die Lufthansa gilt auch als Favorit der Politik, was Konkurrenten wie die irische Ryanair heftig kritisieren. Lufthansa hat bereits bestätigt, ein Angebot abgegeben zu haben. Aus Verhandlungskreisen war zuvor verlautet, dass die Lufthansa für 70 bis 90 Maschinen einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag biete. Darin eingeschlossen sind bereits die 38 Flugzeuge, die Lufthansa von Air Berlin für seine Billig-Tochter Eurowings und die Austrian Airlines gemietet hat. Für attraktiv hält die Lufthansa vor allem Start- und Landerechte in Berlin, in Düsseldorf und auf Mallorca.
  • Condor und Niki Lauda: Der Unternehmer Niki Lauda will nach eigenen Worten zusammen mit Thomas Cook und Condor "um die 100 Millionen" Euro für Teile von Air Berlin bieten. Am Freitag bestätigte er, ein Angebot abgegeben zu haben, nannte aber keine Details. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister ist dem Vernehmen nach an der Übernahme der ursprünglich von ihm gegründeten Air-Berlin-Tochter Niki und an weiteren Flugzeugen interessiert. An einem Konsortium mit Thomas Cook und Condor will Lauda nach eigenen Angaben 51 Prozent der Anteile halten.
  • British Airways: Auch British Airways äußert sich nicht offiziell zum Interesse an Air Berlin. Die British-Airways-Mutter IAG gehört aber nach Ansicht von Branchenexperten und Analysten zusammen mit der Lufthansa zu jenen Airlines in Europa, die am ehesten eine große Übernahme stemmen könnten.
  • Easyjet: Die britische Billigfluglinie hält sich nach außen größtenteils bedeckt. Am Freitag teilte sie mit, Teile des Kurzstreckenangebots übernehmen zu wollen. Easyjet schließt 2018 seine Basis in Hamburg und will sich offensichtlich auf Berlin konzentrieren. Insidern zufolge könnte Easyjet an mehreren Dutzend Flugzeugen interessiert sein.
  • Hans Rudolf Wöhrl: Der Unternehmer bietet bis zu einer halben Milliarde Euro für Air Berlin. Seine Firma Intro will zusammen mit Investoren oder zusammen mit anderen Fluggesellschaften die insolvente Airline übernehmen. Eine erste Rate von 50 Millionen Euro wäre am Übernahmetag fällig, weitere Tranchen von bis zu 450 Millionen Euro macht Wöhrl aber vom Ergebnis abhängig - was von Experten scharf kritisiert wird.
  • Zeitfracht: Das Berliner Logistikunternehmen hat ebenfalls ein Angebot abgegeben. Zeitfracht sei interessiert an der Leisure Cargo GmbH, der Regionalflugtochter Walter (LGW) und der Air Berlin Technik, heißt es an einem Brief an die Mitarbeiter von Freitag. Ob das Angebot vorsieht, weitere Flugzeuge oder Destinationen (Slots) zu übernehmen, war zunächst unklar. Man wolle durch den Teilkauf etwa 1000 Arbeitsplätze der insolventen Fluglinie sichern, so ein Sprecher. Über den angebotenen Kaufpreis schweigt das Unternehmen.
  • Link Global Logistics: Die Betreibergesellschaft des Flughafens Parchim in Mecklenburg Vorpommern, Link Global Logistics, wollte laut Berichten ein Angebot für Air Berlin abgeben. Offenbar hat das aber wohl nicht mehr geklappt. Kurz nach Ende der Frist bat der chinesische Unternehmer Jonathan Pang über seinen Anwalt Helmut Naujoks um eine Fristverlängerung bis 22. September. Wegen der nötigen Übersetzung der Vertragsunterlagen ins Chinesische habe man die Frist nicht einhalten können. Naujoks zufolge sei die Fristverlängerung bis zum 21. September gewährt worden. Unklar ist allerdings, wie eine Übernahme durch Link Global Logistics mit dem EU-Recht vereinbar wäre: Das sieht vor, dass die Mehrheit des Eigentums und die Kontrolle europäischer Airlines von Europäern gehalten werden.
  • Utz Claassen: Der ehemalige EnBW-Chef interessiert sich einem in Verhandlungskreisen bestätigten Medienbericht zufolge ebenfalls für Air Berlin. Demnach habe Claassen ein 17-seitiges "Angebot zur Komplettübernahme und expansiven Sanierung der Air Berlin" vorgelegt. Der Kaufpreis betrage 100 Millionen Euro, bis zu 600 Millionen Euro wolle Claassen zusätzlich an Liquidität zur Verfügung stellen. An diesem Angebot sollen auch weitere Investoren aus den USA, Großbritannien, Singapur und Deutschland beteiligt sein.

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