Interview: Markus Balser

Infineon-Aufsichtsratschef Kley über gescheiterte Fusionsgespräche, das Fiasko um Qimonda und angebliche Umsturzpläne unter den Kontrolleuren.

Zehn Jahre nach der Gründung schlittert Deutschlands letzter Chipkonzern Infineon in seine tiefste Krise. Anleger geben Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley, 68, die Schuld an der Misere. Vor der Hauptversammlung des Konzerns am Donnerstag spricht der Chefkontrolleur im Interview mit der Süddeutschen Zeitung erstmals über die Gründe der Qimonda-Pleite, einen Partner für Infineon und den Kampf gegen die drohende Finanzklemme.

Infineon in der Krise: Seit dem Börsengang 2001 ist der Kurs um 99 Prozent gefallen. (© Foto: ddp)

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SZ: Herr Kley, seit Jahren gilt Infineon als Skandalfirma der deutschen Wirtschaft. Milliardenverluste, Personalpossen um Top-Manager, Schmiergeldaffäre. Wenn so viel schief geht: Wann muss ein Aufsichtsratschef zurücktreten?

Kley: Seinen Rücktritt sollte man nie ausschließen. In einer außerordentlich schwierigen Zeit wie jetzt kann ich mich aber nicht aus der Verantwortung stehlen. Wenn der Aufsichtsrat aber zum Ergebnis kommt, wir suchen einen neuen, habe ich damit kein Problem. Der Job bei Infineon ist sicher eine meiner schwierigsten Aufgaben.

SZ: Tatsächlich brodelte es im Kontrollgremium. Ein Zirkel mit Umsturzplänen hat sich juristisch beraten lassen, wie man Sie ablösen kann. Der Plan verschwand in der Schublade - die nötige Drei-Viertel-Mehrheit stand nicht. Überrascht?

Kley: Nie gehört. Ich weiß nicht, auf welche Informationen Sie sich da stützen. Mich hat deswegen niemand angesprochen. Und ich kenne die Aufsichtsräte alle sehr gut. Manche habe ich selbst in den Aufsichtsrat geholt. Meine Erfahrungen sind ganz andere.

SZ: Welche?

Kley: Nach dem Ausscheiden von Vorstandschef Wolfgang Ziebart im vergangenen Jahr bin ich öffentlich angeschossen worden. Dabei müsste ein Aufsichtsratschef doch einen Schlag auf die Schulter bekommen, wenn er handelt, weil es so nicht weitergeht. Der Aufsichtsrat hat mir dann einstimmig das Vertrauen ausgesprochen und den Rücken gestärkt. Sicher auch, weil ich hier entschlossen, energisch agiert habe.

SZ: Auf der Infineon-Hauptversammlung am Donnerstag werden Sie offene Kritik hören. Seit dem Börsengang 2001 ist der Kurs um 99 Prozent abgestürzt - ein beispielloses Desaster. Fürchten Sie Turbulenzen?

Kley: Ich erwarte sehr verärgerte Aktionäre: Ein zertrümmerter Aktienkurs, die Pleite unserer Tochter Qimonda, heftige Einbrüche auf den Märkten, Personalabbau und Kurzarbeit - kein gutes Szenario.

SZ: Warum ging bei Infineon im vergangenen Jahr in rasantem Tempo so viel zu Bruch?

Kley: Der Geschäftsverlauf war in Ordnung. Knackpunkt war, dass wir nicht in der Lage waren, die Qimonda-Beteiligung zu verkaufen. Wir hatten Interessenten. Aber die wurden mit der eskalierenden Finanzkrise selbst schwächer und schwächer. Hinzu kam die dramatische Krise auf dem Markt für Speicherchips, die Qimonda voll getroffen hat.

SZ: Dabei haben viele die Qimonda-Bücher intensiv geprüft. Danach aber wollte sich keiner binden. Wo lag das Problem?

Kley: Bei den ohnehin grauenhaft fallenden Marktpreisen - zeitweise um 80 Prozent - bleibt Ihnen nur eine Chance: Sie müssen auch die Produktionskosten rasant senken. Doch das gelang Qimonda nicht ausreichend. Folge: Monat für Monat musste Qimonda Bares auf verkaufte Chips legen. Das lässt sich nicht lange durchhalten.

SZ: Erst in letzter Minute ist das Rettungspaket geplatzt. Warum?

Kley: Qimonda hatte erste Gelder aus dem Paket schon für Dezember eingeplant. Aber es floss nicht, weil die Verhandlungen andauerten. Für jeden Tag Verspätung im Januar brauchte Qimonda dann weiteres Geld. Als der Konzern in der entscheidenden Sitzung im Januar in Berlin weitere 300 Millionen forderte, war das Vertrauen weg. Und da kann ich die Sicht der Regierungsstellen in gewisser Weise verstehen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Qimonda noch eine Chance hat.

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