Überraschend deutlich stimmen die Aktionäre von Infineon gegen Willi Berchtold, den Aufsichtsratskandidaten der rebellischen Investoren.
Es schneit an diesem Donnerstag in München, so stark wie lange nicht. Viele Straßen sind am Morgen noch nicht geräumt. Nicht alle Aktionäre von Infineon erreichen das Internationale Congress Centrum pünktlich. Die Hauptversammlung des Münchner Chipherstellers beginnt später. Auch Willi Berchtold kommt erst kurz vor zehn Uhr in den großen Saal des Kongresszentrums.
Bild vergrößern
Klaus Wucherer, der frühere Siemens-Vorstand und langjährige Infineon-Kontrolleur, soll Aufsichtsratschef werden. (© Foto: Reuters)
Anzeige
Wenige Minuten später werden die Frontlinien deutlich: Berchtold steht auf und begrüßt Max Dietrich Kley, Noch-Aufsichtsratschef von Infineon und Versammlungsleiter an diesem Morgen. Doch Kley schaut ihm nicht mal in die Augen, die Hände berühren sich nur flüchtig, schon sind die Herren aneinander vorbei. Auf dem Weg zu seinem Platz fasst Berchtold dann Infineon-Chef Peter Bauer vertraut am linken Arm. Es soll wohl eine aufmunternde Geste sein. Berchtold will mit seiner Kandidatur für den Aufsichtsrat das Kontrollgremium erneuern, nicht das Management. Das Vertrauen der Aktionäre konnte er nicht gewinnen.
Klare Ausgangslage
Klaus Wucherer, der frühere Siemens-Vorstand und langjährige Infineon-Kontrolleur, wurde schon im vergangenen Herbst von der Verwaltung für die Nachfolge von Kley nominiert. Der 65-Jährige galt als Kandidat des scheidenden Aufsichtsratsvorsitzenden - deshalb die Abneigung von Kley gegenüber Berchtold.
Der 59-jährige Berchtold, noch bis Sommer Finanzchef des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen, wurde dagegen erst dreieinhalb Wochen vor der Hauptversammlung von Investoren rund um den britischen Fonds Hermes ins Rennen geschickt. Im Vorfeld des Aktionärstreffens gab es Gespräche um einen Konsens, doch beide Kandidaten blieben standfest. So ist es am Donnerstag zu einer Kampfabstimmung um den Einzug in den Aufsichtsrat von Infineon gekommen - ein Novum bei einem Dax-Konzern. Beobachter werten den Vorgang als wichtigen Schritt, für eine lebhaftere Aktionärskultur in Deutschland.
Um viertel vor sechs am Abend dann der Paukenschlag: Nur 27,4 Prozent des anwesenden Grundkapitals stimmten dafür, dass Berchtold in den Aufsichtsrat von Infineon einzieht. Die Präsenz der Aktionäre war mit 50,1 Prozent deutlich höher als im vergangenen Jahr. Der Saal schweigt, als Versammlungsleiter Kley das Ergebnis verkündet. Wucherer wirkt erleichtert. Später kommen die Kollegen aus dem Aufsichtsrat und gratulieren ihm. Berchtold bleibt ungerührt auf seinem Stuhl sitzen, spricht mit seinen beiden Beratern, die ihn den ganzen Tag schon begleiten. Die Kampagne um die Erneuerung des Aufsichtsrates bei Infineon ist gescheitert. Die Wahlen zum Aufsichtsratsvorsitz fanden erst nach der Hauptversammlung statt: Es gilt als mehr als wahrscheinlich, dass mit Wucherer der Kandidat der Verwaltung den Vorsitz des Gremiums führt.
Immer wieder große Gesten
Die Rivalen hatten gleich zweimal die Gelegenheit, sich den Aktionären vorzustellen: einmal morgens mit den übrigen Aufsichtsratskandidaten, dann nur Wucherer und Berchtold gegen Abend. Kurz vor halb elf am Morgen rief Versammlungsleiter Kley die Kandidaten dem Alphabet nach auf: Berchtold hatte also als erster das Wort. Vor seinem Auftritt schüttelte er Wucherer die Hand. Wieder so eine Geste. Es gehe ihm nicht um Personen, es gehe um die Sache, hatte es zuvor geheißen. Seine Rede vor den Aktionären nutzte er, um Infineon in das große Bild einzubeziehen: "Wir brauchen in Deutschland und in Europa eine erfolgreiche Halbleitertechnologie", sagte er. "Deshalb engagiere ich mich für ein starkes Infineon." Seine Argumente haben ihm letztlich nichts genutzt, zu vage blieb in den Augen vieler Investoren seine Strategie.
Wucherer kam als letzter an die Reihe, vor ihm stellten sich die anderen, neuen Aufsichtsratskandidaten vor: Hans-Ulrich Holdenried, Ex-Deutschlandchef von Hewlett-Packard, Manfred Puffer, ehemaliger Banker bei der WestLB, sowie Jürgen Scholz, neuer Vertreter der Arbeitnehmer im Gremium. Wucherer sprach dann deutlich länger als sein Rivale. Ihm sei es eine "Herzensangelegenheit, Infineon zu begleiten". Er bezog sich mehrfach auf den "Neuanfang" - einen Begriff, den die aufständischen Aktionäre im Gegenantrag benutzen. "Das vergangene Jahr markiert trotz Krise einen Neuanfang", erklärte Wucherer beispielsweise.
Umstrittene Wahl
Bei den Aktionären war die Wahl der Kontrolleure heftig umstritten, besonders die späte Nominierung von Berchtold war vielen ein Dorn im Auge. So sprach sich Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) für Wucherer aus, den Kandidaten der Verwaltung. "Der Gegenantrag kam nicht früh genug", sagte er. Ähnlich Ingo Speich, Manager bei der Fondsgesellschaft Union Investment: "Jetzt etwas anders zu machen, hieße nicht unbedingt, es besser zu machen", sagte er. Auch er wollte für Wucherer votieren, allerdings nur für die Amtszeit von einem Jahr. "Dann muss Schluss sein." Wucherer hatte diesen Kompromiss vorgeschlagen, um in der Zeit bis zur nächsten Hauptversammlung "einen profilierten Nachfolger" zu suchen.
Hermes-Vertreter Hans-Christoph Hirt ließ die Kritik am zu späten Aufstellen des Gegenkandidaten nicht gelten. Er habe vor anderthalb Jahren erstmals das Gespräch mit dem Aufsichtsrat von Infineon gesucht. "Wir haben konkrete Vorschläge gemacht, wodurch Infineon das Vertrauen der Investoren hätte zurückgewinnen können", sagte er. Auf der Hauptversammlung im vergangenen Jahr schon sei die Entlastung des Aufsichtsrates mit etwas mehr als 50 Prozent der Stimmen "ein klares Misstrauensvotum der Aktionäre gegenüber der Arbeit des Aufsichtsrates" gewesen. Auch anschließend habe er Kontakt mit dem Kontrollgremium gesucht. "Wir sprechen also seit 18 Monaten mit Infineon und haben immer wieder auf unsere Bedenken und Anliegen hingewiesen", erklärte er.
Das Management von Infineon kam in diesem Jahr gut weg. Kritik gab es von allen Seiten an Versammlungsleiter Kley, der seit 2002 dem Aufsichtsrat von Infineon vorsaß. Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) warf ihm vor, dass er die "Schlammschlacht" der beiden Kandidaten vor der Aufsichtsratswahl nicht verhindert habe. "Ich werde für Ihre Entlastung nicht stimmen können", sagte sie. Kley ließ die Kritik nicht gelten: Er habe in zwei Briefen an die Aktionäre den Vorschlag von Wucherer erklärt. "Mehr haben wir nicht gemacht."
Wie viel ist uns die Umwelt wirklich wert? Eine Suche nach dem Preis der Natur. Jetzt lesen ...
- Infineon: Eklat um Chefkontrolleur Neuanfang - jetzt! 11.02.2010
- Aktionärsdemokratie Wer hat, muss handeln 20.01.2010
- Infineon "Was ist schlimm an einer Siemens-Vergangenheit?" 01.02.2010
- Telekom Goodbye, New York 21.04.2010
- Infineon Eine Aktie wie ein Wurfgeschoss 15.04.2010
- Infineon-Streit: Hermes-Vertreter Hirt Götterbote mit lauter Stimme 19.01.2010
(SZ vom 12.2.2010/vw)
Umstrittenes Anti-Piraterie-Abkommen