Indien im Ausnahmezustand: Landesweit streiken die Bürger gegen eine staatlich verordnete Erhöhung der Benzinpreise. Doch Premier Singh schreckt das nicht, er hält an seinem Sparkurs fest.
An einen geregelten Tagesablauf war am Montag in Indien nicht zu denken. Im ganzen Land protestierten die Menschen gegen Preiserhöhungen bei Diesel und Benzin, die die Regierung von Premierminister Manmohan Singh verordnet hat. Vielerorts blieben Unternehmen, Geschäfte und Schulen geschlossen, der Nahverkehr kam fast vollständig zum Erliegen. Dutzende Zugverbindungen und mehr als hundert Inlandsflüge mussten storniert werden.
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Proteste gegen Preiserhöhung: Die Menschen in Indien machen ihrem Ärger Luft. (© dpa)
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Besonders betroffen waren die Finanzmetropole Mumbai und die ostindische Millionenstadt Kalkutta sowie weitere von den Oppositionsparteien kontrollierte Gebiete. Diese hatten landesweit zu dem eintägigen Streik aufgerufen. In Neu Delhi blockierten Anhänger der hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP) und kommunistischer Parteien Straßen. Im westindischen Pune gingen mehrere Busse in Flammen auf. In den nördlichen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Bihar wurden mehrere Demonstranten bei Straßenschlachten mit der Polizei verletzt. Ein BJP-Sprecher sagte, man protestiere gegen die Wirtschaftspolitik der regierenden Kongresspartei, die sich "gegen das Volk" richte.
Das Kabinett hatte Ende Juni eine Erhöhung der staatlich kontrollierten Spritpreise um umgerechnet fünf Cent pro Liter beschlossen. Neben Benzin und Diesel gilt die Preiserhöhung auch für Kerosin - und das trifft vor allem Millionen ärmerer Inder hart, die Kerosin zum Kochen verwenden. Die Maßnahmen sind ein weiterer Schritt im Sparkurs von Premier Manmohan Singh, der so Subventionen zurückführen und vor allem den Staatshaushalt sanieren will. Die Opposition wirft der Regierung allerdings nicht nur die neue Spritpreiserhöhung vor, sondern macht sie außerdem für Preissteigerungen bei Lebensmitteln und in anderen Bereichen verantwortlich.
Singh verteidigt seinen Kurs
Indien hat bereits seit Längerem wirtschaftlich zu kämpfen: Nach Angaben des Handelsministeriums lag die Inflation im Mai bei einem Zwei-Jahres-Hoch von 10,2 Prozent. Die Reserve Bank of India (RBI) überraschte den Markt am Freitag mit der Erhöhung ihres Basiszinses. Es ist bereits die dritte in diesem Jahr. Im Sommer vergangenen Jahres litt das Land unter einer Dürre, die sich ebenfalls negativ auf die Lebensmittelpreise auswirkte. In diesem Jahr befürchtet die Regierung aufgrund des anhaltenden und heftigen Monsunregens deutliche Einbußen in der noch immer wirtschaftlich wichtigen Landwirtschaft.
Mit dem Streik will die Opposition auch Druck auf die Regierung ausüben, damit diese über eine Rücknahme der Erhöhungen des Benzinpreises nachdenkt. Premier Singh allerdings schließt das trotz des Streiks bislang aus. Er hält an seinem Kurs fest, die Sozialausgaben zu erhöhen und den Haushalt zu sanieren.
Zudem stellt er die Öffnung des Versicherungs- und Bankensektors in Aussicht, die die Regierungsgegner erneut auf den Plan rufen könnte. Den Oppositionsparteien indes dürfte auch in Hinblick auf die bevorstehenden Kongresswahlen an einer möglichsten breiten Protestfront gelegen sein. Trotz des Aufstandes begrüßten allerdings längst nicht alle Bürger den Streik, dessen Kosten sich Schätzungen zufolge auf rund 640 Millionen Dollar belaufen dürften.
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(SZ vom 06.07.2010/mel)
Machtkampf in der Linken
Na das ist aber schade, dass mal ein Land nicht ihren Vorstellungen entspricht, sie nicht von den wahrlich beeindruckenden Kostenunterschieden nicht auch noch profitieren können, indem sie ihre Geschäftstätigkeit nach Indien outsourcen, sie aber zu den gleich hohen Preisen in Europa verkaufen.
Na, Gott sei Dank, denn darauf kann Indien nun wirklich verzichten, dass europäische Altkolonialisten Indien ihre Sichtweise aufdrücken wollen.
... @ladinea: "... der unzutreffende Eindruck erweckt die Bürger Indiens hätten gestreikt. Dem war aber nicht so. Es handelte sich um einen "Bandh", den als "Streik" zu übersetzen Unrecht getan wird. "Bandhs" sind keine zulässigen demokratischen Mittel, sondern seit 1998 illegal, denn es sind erzwungene Streiks. ..."
Wusste ich nicht, herzlichen Dank indes f.d. Erhellung 'ladinea', und wie gut, dass es bisweilen erhellende Kommentatoren zu geben scheint.
Gleichwohl bestaerkt mich Ihr Hinweis -abermals und erneut- in meinen unternehmerischen Abneigungen, in einem solchen Land zu investieren. Inkl. der gesammelten Vororterkenntnisse, wie auch vorab geschr. Erfahrungsgruende.
Indiens Fortschritte und Vorteile werden m.A.n., eins um andere, durch seine diversen Standortnachteile konsumiert. Diese Nachteile -mglw.- umgehen zu wollen, ist indes zu kostenintensiv.
...die Bürger Indiens hätten gestreikt. Dem war aber nicht so. Es handelte sich um einen Bandh, den als "Streik" zu übersetzen Unrecht getan wird. Bandhs sind keine zulässigen demokratischen Mittel, sondern seit 1998 illegal, denn es sind erzwungene Streiks. Die Opposition hat zu diesem Bandh aufgerufen. Geschäfte, öffentliche und private Einrichtungen, Firmen und Schulen etc. sollten geschlossen bleiben; der öffentliche Verkehr sollte still gelegt werden. Bei Zuwiderhandeln drohten Racheaktionen der streikenden "Bürger", wobei es sich lediglich um von den Oppositionsparteien angestachelte Mobs bzw. Parteimitglieder handelte. Keine "Bürger". Die Bürger blieben aus Angst vor Angriffen nämlich zu Hause. Wer dennoch seiner Arbeit nachgehen wollte und dabei erwischt wurde, der wurde verletzt und bedroht. So wurden z.B. Tagelöhner, Rickshaw- und Taxifahrer angegriffen und ihre Fahrzeuge demoliert. Das ist kein Streik als solcher, sondern eine von Parteien ohne echter Agenda angezettelte Geißelnahme einer ganzen Nation. Das angebliche Programm, von wegen Preiserhöhung und Deregulierung der Benzinpreise (da hat Kommentator Helmut übrigens ganz recht!!) standen doch nur im Hintergrund. Man brauchte lediglich einen Grund, um mal wieder Krach zu machen. In dieser Hinsicht zeichnet der Bericht einen völlig falschen Eindruck von dem, was wirklich stattfand.
... mehr als:
"Erhöhung der staatlich kontrollierten Spritpreise um umgerechnet fünf Cent pro Liter ",
nämlich der Hinweis, was Benzin derzeit dort kostet:
lt. http://benzinpreis.de/international.phtml 79 Cent.
.... macht in letzter Zeit, aus unternehmerischer Sicht, doch Sorge.
Da sind ganze Landstriche in Haenden der massakrierenden Maoisten oder anderen Extremisten, der Staat gefaellt sich, bzgl. brandnotwendiger Infrastrukturmassnahmen im Nichtstun oder in ueblicher Korruption, die Strafrechtspflege kommt gegen den Anstieg der Kriminalitaet schon lang nicht mehr an, Bauern sorgen dafuer, dass Grossinvestitionen durch gewalttaetige, sicher begruendbare Aussschreitungen gar nicht erst genutzt werden koennen (s. Tata), und die zarten Reformpolitikansaetze, die nur ein wenig an dem veraendern und davon abbauen, was wie Blei an den Gliedern des Landes zu haengen scheint, wird niedergestreikt. Last but not least, ist die ungehemmte Bevoelkerungsvermehrung zwar kurzfristig unternehmerisch interessant, als Talentpool, aber mittel- u. langfristig werden die Probleme das Land zusaetzlich ins Verderben fuehren.
Da nenn mir mal einer Gruende, warum man frischen Mutes nun gerade in Indien investieren sollte, und positiv in indiens Zukunft schauen sollte.