Hier nun sitzen die hoch platzierten Kriminellen. Während an der Basis der "mortgage fraud" (Kreditbetrug) grassierte, wucherte in den Chefetagen der Groß- und Investmentbanken der "corporate fraud", Delikte wie Bücherfälschung und Insidergeschäfte. "Etliche mittlere und höhere Führungskräfte haben die Katastrophe kommen sehen, sie wussten, dass die Dominosteine fielen", sagt Mines. Ihren Aktionären und der übrigen Außenwelt machten sie aber vor, dass alles zum Besten stehe, während sie selbst ihre Bankaktien verkauften, weil der Absturz bevorstand. So wie die beiden Bear-Stearns-Manager Ralph Cioffi und Matthew Tannin, die im Sommer verhaftet wurden.

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Die Suche nach den Tätern

Die Täter sind leicht zu überführen. "Sie haben eine Papierspur hinterlassen", sagt Mines. Viele Mitarbeiter seien bereit auszusagen, dass sie auf Anweisung des Chefs Zahlen geschönt und Bücher gefälscht hätten. Die im US-Recht sehr großzügige Kronzeugenregelung bewegt die Bankangestellten dazu, auszupacken. Nicht alle Bankmanager, die die Krise vertuschten, wollten sich bereichern, manche wollten nur ihr Versagen oder das Ausmaß der Katastrophe so lange wie möglich verheimlichen. "In der Regel aber haben die Verantwortlichen gleichzeitig ihre eigenen Aktien verkauft. Nach außen haben sie die eigene Bank hochgeredet, insgeheim aber versuchten sie, so viel Geld herauszuholen wie möglich." Hätten die Banker früher gestanden, wären etliche Anleger nun zumindest weniger Geld los.

Schon vor vier Jahren warnte FBI-Vize-Direktor Chris Swecker den US-Kongress: "Wenn der Kreditbetrug sich weiter so systematisch verbreitet und wir ihm nicht Einhalt gebieten, wird es am Ende die Geldinstitute gefährden und sich auf die Börse niederschlagen." Damals mögen im Parlament viele gedacht haben, die Polizei solle sich lieber um die Terroristen kümmern. Bis heute ist nicht klar, wie US-Parlament und Regierung das Immobilien- und Bankengeschäft künftig kontrollieren möchten. Die Banken dürften nun vorsichtiger sein - wenn sie überhaupt noch Kredite vergeben. Davon abgesehen aber könnte es sinnvoll sein, glaubt Mines, "die Gutachter für Immobilien einer staatlichen Aufsicht zu unterwerfen".

In diesen Tagen freuen sich die Betrüger aber schon auf ganz neue Geschäfte, glaubt der FBI-Mann. Die US-Regierung wird jetzt die 700 Milliarden Dollar aus ihrem Rettungspaket über das Land verteilen. Das Geld stützt nicht nur Großbanken, sondern auch kleine Immobilienfinanzierer und Familien in Not. Mines fühlt sich da an die Zeit nach dem Hurrikan Katrina erinnert, als der Staat viel Geld ins Katastrophengebiet von New Orleans schickte. In der Krise aber ging alles schnell und unkontrolliert, und plötzlich tauchten allerhand neue Baufirmen auf, die Vorschüsse von den Behörden annahmen, um aufzuräumen und aufzubauen. Es dauerte freilich nicht lange, bis die vermeintlichen Firmengründer mit Tausenden Dollar verschwunden waren. Das FBI hat daraus gelernt und verbreitet die Lehre der Finanzkrise bei staatlichen und lokalen Behörden: mehr Kontrolle, mehr Misstrauen, mehr kritische Fragen. "Auch diesmal", sagt Mines, "werden wieder dubiose Gesellschaften aus dem Boden schießen. Wenn 700 Milliarden in eine Stadt in ihrer Nähe kommen, dann sind auch die Betrüger nicht weit weg."

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(SZ vom 13.11.2008/mel)