Immobilien Der Immobilienboom erreicht die Mittelstädte

Die Tübinger Altstadt von oben: Wohnen ist hier in den letzten Jahren besonders teuer geworden.

(Foto: dpa/dpaweb)
  • Nicht nur in großen, sondern auch in kleineren Städten wird Wohnraum immer teurer.
  • Viele Menschen ziehen dorthin, weil sie sich in Städten wie Neuss oder Rosenheim Eigentum noch leisten können, im Gegensatz zu Düsseldorf oder München.
  • Allerdings kommt es mit der wachsenden Bevölkerung auch dort immer öfter zu Wohnungsmangel.
Von Catherine Hoffmann und Benedikt Müller

Krasser kann eine Zugfahrt durch die grünen Wiesen des Allgäus nicht enden als am Hauptbahnhof von Kempten: Der Bahnhofsvorplatz ist eine Zumutung aus Asphalt und Beton. Die scheußliche Bahnhofstraße lässt nichts vom Charme der Patrizierhäuser mit ihren Gauben und Türmen erahnen, die entlang der mittelalterlichen Straßen der Altstadt stehen. Und doch kostet hier, nahe der Hochschule, eine winzige Studentenbude 4000 Euro aufwärts pro Quadratmeter.

"In Kempten etwas Vernünftiges in guter Lage und gutem Zustand zu finden, gleicht einem Sechser im Lotto", sagt Dieter Nikasch, Gutachter beim Staatlichen Bauamt. "So etwas gibt es nur noch unter der Hand." Das liegt auch an der Hochschule, die vor 15 Jahren noch 2500 Studenten zählte, heute sind es 6000 - und es wird über einen neuen Bauabschnitt nachgedacht, um Platz für weitere 1000 Studenten zu schaffen.

Hier wird der Nachwuchs für die vielen prosperierenden Mittelständler in und um Kempten herum ausgebildet, die der Stadt einen beachtlichen Wohlstand und viele Arbeitsplätze bringen. Wer hier geboren ist, bleibt gerne, die Allgäuer sind heimattreu. Andere ziehen wegen der Jobs zu. Es dürfte ihnen nicht schwer fallen, angesichts der großartigen Freizeitmöglichkeiten, die Alpen und Seen bieten.

Preise für Immobilien im Umland großer Städte steigen extrem

Teilweise sind Häuser und Wohnungen doppelt so teuer wie noch vor ein paar Jahren. Ein Grund dafür sind Familien, die aus den großen Städten flüchten - ausgerechnet vor zu hohen Preisen. Von Benedikt Müller mehr ...

Das Beispiel Kempten zeigt, dass der Immobilienboom in Deutschland längst nicht mehr an den Grenzen der großen Metropolen haltmacht. Eigentumswohnungen haben sich in der ehemaligen Reichsstadt innerhalb von zwei Jahren um 28,8 Prozent verteuert, berichtet das Forschungsinstitut F+B.

Wo Mittelständler Jobs schaffen und die Lebensqualität stimmt, steigen die Preise

Wie Kempten erleben derzeit viele mittelgroße Städte einen erstaunlichen Aufschwung, die Preise für Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser ziehen kräftig an. In Städten wie dem beschaulichen Konstanz oder in Landshut müssen Käufer im Schnitt 3000 Euro für den Quadratmeter zahlen, wenn sie eine Wohnung suchen; in Rosenheim, das von seiner Nähe zu München profitiert, sind es sogar knapp 3500 Euro. Es sind Universitätsstädte wie Gießen, Flensburg oder Tübingen, die dank steigender Studentenzahlen Tausende Einwohner hinzugewonnen haben. Es sind aber auch Oberzentren wie Schwerin, die das Umland mit Ausbildungsplätzen, Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten versorgen und deren Bevölkerung wächst - auch, weil ältere Menschen gern hierherziehen. Die Folge: Hier sind die Wohnungspreise innerhalb von zwei Jahren um 18 Prozent gestiegen.

Noch kann man sich in vielen mittelgroßen Städten Eigentum leisten

Allerdings boomen längst nicht alle 616 Mittelstädte, die es in Deutschland gibt. Ein starker Bevölkerungszuwachs ist eher die Ausnahme auf dem deutschen Immobilienmarkt, wo Stadt und Land häufig auseinandertriften: Wohnungsnot in den Ballungsräumen, Leerstand in der Provinz. Den stärksten Bevölkerungsanstieg verzeichneten zwischen 2010 bis 2015 die großen Großstädte mit über 500 000 Einwohnern mit einem Plus von knapp sechs Prozent. Die Bevölkerung in den Mittelstädten zwischen 20 000 und 100 000 Einwohnern wuchs dagegen nur um zwei Prozent. Und je nach Lage gibt es große Unterschiede: Mittelstädte in wirtschaftsstarken Ländern Bayern und Baden-Württemberg hatten im Schnitt mit vier Prozent die höchsten Bevölkerungsgewinne.

"Je weiter man sich von den großen Zentren entfernt, umso langsamer steigen für gewöhnlich die Immobilienpreise", sagt F+B-Geschäftsführer Manfred Neuhöfer. In seinem Wohnort Neuss am Rhein stehen Reihenhäuser noch für 320 000 Euro zum Verkauf. Im nahen Düsseldorf hingegen beginnen vergleichbare Objekte erst bei einer halben Million. Auch deshalb ziehen viele Menschen in mittelgroße Städte: Noch kann man sich dort Eigentum leisten und die Mieten sind niedriger als in der Großstadt. Allerdings verdienen die Menschen auch weniger.