IG Metall Metaller fordern mehr Geld und weniger Arbeit

Demonstrationen und Warnstreiks sind bei Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie gewissermaßen Teil der Tradition.

(Foto: dpa)
  • Die IG Metall fordert für die nächste Tarifrunde sechs Prozent mehr Geld und deutlich flexiblere Arbeitszeiten.
  • Die Mitarbeiter sollen ihre Arbeitszeit für zwei Jahre auf 28 Stunden pro Woche reduzieren können - und viele Schichtarbeiter dafür Lohnausgleich erhalten.
  • Die Forderung dürfte auf harten Widerstand der Arbeitgeber stoßen und könnte auch für die Gewerkschaft selbst problematisch werden.
Von Detlef Esslinger

Die IG Metall wird in der bevorstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie sechs Prozent mehr Geld fordern - sowie eine besondere Form der Arbeitszeitverkürzung. Das beschloss der Vorstand der Gewerkschaft am Dienstagvormittag. Vor allem um die Vorschläge zur Arbeitszeit ist mit besonders heftigen Auseinandersetzungen zu rechnen. Die Friedenspflicht für die 3,9 Millionen Beschäftigten endet am 31. Dezember.

Die Gewerkschaft verlangt, dass die Arbeitnehmer wählen können, ob sie die kürzere Arbeitszeit in Anspruch nehmen oder nicht. Damit sollen sie bis zu zwei Jahre lang ihre wöchentliche Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden reduzieren können. Sofern es sich bei ihnen um Schichtarbeiter handelt oder sie weniger arbeiten wollen, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, sollen sie dafür von der Firma einen Lohnausgleich erhalten. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann nennt das eine "moderne tarifliche Sozialleistung".

Die Arbeitgeber haben seit Wochen angekündigt, sich dieser Forderung heftig zu widersetzen. Sie fürchten die Arbeit im Betrieb nicht mehr bewältigen zu können, wenn jeder nur noch so viel arbeitet, wie er (oder sie) will. Außerdem sehen sie nicht ein, warum sie bezahlen sollen für ein privates Engagement ihrer Mitarbeiter, das sie zwar gesellschaftlich für lobenswert halten, von dem ihr Betrieb jedoch nichts hat - im Gegenteil.

Die IG Metall wittert im Thema Arbeitszeit eine Chance

Der Bezeichnung nach verabschiedete der IG-Metall-Vorstand am Dienstagvormittag lediglich eine "Forderungsempfehlung". Diese soll nun in den kommenden zwei Wochen in den Bezirken der Gewerkschaft diskutiert werden. Am 26. Oktober wird dann der Vorstand offiziell die Forderung beschließen, was aber eher zeremoniellen Charakter hat. Inhaltlich wird sich an der Forderungsempfehlung erfahrungsgemäß nichts mehr ändern.

Es kommt immer wieder vor, dass die IG Metall nicht allein mit einer Lohnforderung in die Tarifrunde zieht. Vor zwei Jahren setzte sie eine "Bildungsteilzeit" durch, die aber dem Vernehmen nach vom Gros der Arbeitnehmer kaum genutzt wird. Dass sie nun die Arbeitszeit verkürzen will, begründet sie mit dem Ergebnis ihrer Beschäftigtenbefragung vom Frühjahr: Mehr als 70 Prozent der 700 000 befragten Beschäftigten gaben dabei an, mit ihrer Arbeitszeit zufrieden zu sein - zugleich gaben aber 57,3 Prozent zu Protokoll, länger zu arbeiten, als es ihre vertragliche Arbeitszeit vorsieht. Und fast zwei Drittel der Teilnehmer sagten, sie würden ihre tatsächliche Arbeitszeit gern verkürzen.

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Für IG-Metall-Chef Hofmann heißt das, dass dieses Thema "hoch mobilisierungsfähig" ist, die Gewerkschaftsmitglieder also bereit wären, dafür zu streiken. Tarifrunden in der Metall- und Elektroindustrie werden grundsätzlich von Warnstreiks begleitet, das ist dort gewissermaßen Teil der Tradition, anders als beispielsweise in den Tarifrunden der IG Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE). Die hatte sich im Mai mit den Chemie-Arbeitgebern im Osten auf ein Modell zur Arbeitszeitverkürzung geeinigt - ganz ohne Streiks und deshalb ohne dass es die Öffentlichkeit groß mitbekommen hätte. Allerdings ist in diesem Modell nur für Schichtarbeiter und Arbeitnehmer, die mindestens 55 Jahre alt sind, ein Lohnausgleich vorgesehen.

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Die Lohnforderung von sechs Prozent für ein Jahr dürfte demgegenüber der vergleichsweise unkomplizierte Verhandlungsgegenstand sein. In der vergangenen Runde Anfang 2016 lag sie bei "4,5 bis 5 Prozent", heraus kamen 4,8 Prozent plus eine Einmalzahlung von 150 Euro, allerdings für 21 Monate. Dass die IG Metall nun mehr fordert als damals, begründet sie unter anderem mit gestiegener Inflation sowie einer noch besseren, stabileren Konjunktur als damals. Mit Letzterer begründet sie auch ihren Optimismus für die anstehende Runde, zumindest den zur Schau gestellten Teil. "In dieser Situation können sich die Arbeitgeber gar keine längere Auseinandersetzung leisten", sagt Gewerkschaftschef Hofmann.

Unter der Hand räumen manche Metaller allerdings ein: Sie können sich eine längere Auseinandersetzung, mit richtigen Streiks statt nur mit Warnstreiks, ebenso wenig leisten. Richtige Streiks, die Betriebe komplett lahmlegen, bedeuten immer auch heftige Konflikte mit den Arbeitnehmern, die nicht in der Gewerkschaft sind und deshalb kein Streikgeld bekommen. Auf die aber sind die Funktionäre spätestens im Frühjahr angewiesen: Dann stehen bundesweit die Betriebsratswahlen an, bei denen auch die unorganisierten Arbeitnehmer für die Kandidaten der IG Metall stimmen sollen. Die Tarifverhandlungen beginnen am 15. November.

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