Von Marc Beise

Bei dieser IG Metall-Führung fällt mittlerweile Höflichkeit richtig schwer. Was der designierte Vorsitzende der größten Einzelgewerkschaft der Welt, Jürgen Peters, zur Bewältigung der tief greifenden Krise des deutschen Wirtschafts- und Sozialstaates beizutragen hat, sprengt jedes Maß.

(SZ vom 13.05.2003) — Angesichts eines überschuldeten und finanziell kaum noch handlungsfähigen Staates, der Wirtschaft und Bürger über Steuern und Abgaben zunehmend hilflos strangulierend, fallen Peters nur folgende Sätze ein: "Wenn der Staat dabei bleibt, dass er einseitig bei den arbeitenden Menschen zulangt und die Chefs einseitig von Belastungen frei stellt, können die Gewerkschaften gar nicht anders, als den Ausgleich für diese Politik bei den nächsten Tarifrunden zu versuchen."

Anzeige

Und an anderer Stelle: "Wir müssen die Erwartungen unserer Mitglieder erfüllen, und die wollen tarifliche Wiedergutmachung für das, was ihnen diese Regierung androht."

Nicht nur, dass Peters Äußerungen jedes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge vermissen lassen - der IG Metaller baut bei seinen Anhängern auch eine Erwartungshaltung aus, die er um keinen Preis der Welt wird einlösen können.

Peters mag von den seligen Zeiten träumen. Im Februar 1974 hatte sich der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker in den Tarifverhandlungen des öffentlichen Dienstes schadlos gehalten für die Unbotmäßigkeit eines SPD-Kanzlers namens Willy Brandt, der angesichts der wirtschaftlichen Probleme das Füllhorn des Staates partout nicht mehr für übergezogene Gewerkschaftsforderungen hatte öffnen wollen.

Elf Prozent Lohnsteigerung konnte Kluncker damals herausholen, mit bösen wirtschaftlichen Folgen. Ist das Peters Messlatte?

Der Industrie-Gewerkschafter Peters und sein Bruder im Geiste Frank Bsirske, der Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, glauben quasi im Alleingang die Restrukturierung Deutschlands aufhalten zu können,die sich auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) nach langem Zaudern endlich auf die Fahnen geschrieben hat.

Sie schaden mit ihrem Crash-Kurs nicht nur ihren eigenen Verbänden, die immer mehr Mitglieder verlieren werden. Sie desavouieren auch das Gewerkschaftslager insgesamt, für das beim DGB oder mit der IG Bergbau Chemie Energie (IG BCE) viele rechtschaffene Menschen tätig sind.

Sie schaden der ihr traditionell verbundenen SPD und ihrer Regierungsfähigkeit. Und sie schaden, aber das wird sie noch am wenigsten interessieren, Deutschland insgesamt.

Leser empfehlen