Seit der Tschnobyl-Katastrophe haben fast alle großen Industriestaaten auf den Bau neuer Kernkraftwerke verzichtet. Laut dem Direktor der Internationalen Energie-Agentur steht jedoch ein Comeback kurz bevor.
Im Abschluss-Kommunique des Weltwirtschaftsgipfels von Gleneagles in der vergangenen Woche steht - möglicherweise wegen deutscher Empfindlichkeiten - kein Wort davon.
Blick auf die Kuehltuerme des Kernkraftwerks Philippsburg in Baden-Württemberg. (© Foto: AP)
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Doch in der internen Diskussion ließen die meisten der Staats- und Regierungschefs keinen Zweifel daran, wie sie längerfristig dem Klimawandel und den hohen Öl-Preisen beikommen wollen: "Sie haben sehr offen über das Thema Atomenergie gesprochen", sagte Mandil in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.
Mandil hatte auf Einladung der Regierungschefs an den Diskussionen zum Thema Klimawandel teilgenommen.
China und Indien als vorreiter
Von China und Indien, die zeitweise an den Gesprächen beteiligt waren, sei bekannt, dass sie in den nächsten Jahren Atomkraftwerke in beträchtlicher Zahl bauen wollten.
Aber auch Frankreich, die USA sowie Großbritannien und mit Einschränkungen auch Italien hätten in Gleneagles erkennen lassen, dass die Kernenergie in ihren Augen künftig eine wichtigere Rolle spielen werde.
Energieerzeugung soll sauberer werden
Natürlich sei es unumgänglich, Energie effizienter zu verwenden, Kohlekraftwerke "sauberer" zu machen und nicht zuletzt die Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien auszuweiten. Schließlich stammten derzeit 80 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen aus der Energie-Erzeugung oder dem Energie-Verbrauch.
Die IEA, eine Dachorganisation großer Verbraucher-Staaten, habe bei dem Gipfeltreffen das Mandat erhalten, ihre Tätigkeit auf diesen Gebieten auszuweiten. Die Atomkraft sei auch keineswegs die "Silberkugel", die alle Energieprobleme löse.
Aber für eine Teillösung der Energie- und Abgas-Probleme spiele die Atomtechnik eine Schlüsselrolle. "Wenn wir akzeptables Wirtschaftswachstum haben wollen, werden wir sie brauchen, wir brauchen alle Technologien", sagte Mandil.
Zögerliche Investitionen
Nach Darstellung Mandils seien sich die Regierungschefs auch bewusst, dass die gesetzlichen Vorschriften zum Betrieb von Öl-Raffinerien in den großen Industriestaaten reformiert werden müssten. "Die Vorschriften müssen nicht lockerer werden, aber das regulatorische Umfeld für die Betreiber muss berechenbarer und konsistenter werden."
Entgegen vielen Erwartungen sei die Öl-Verarbeitung mittlerweile in der Tat zu einem Engpass in der Versorgung geworden. Nachdem es in den achtziger Jahren hohe Überkapazitäten bei den Raffinerien gegeben habe, hätten sowohl die Öl-Multis als auch die Politik zu lange ignoriert, dass die Verarbeitung zu einem Knackpunkt geworden sei.
Enge Kooperation mit der OPEC
Mit der Opec arbeite die IEA auf dem Gebiet des Datenaustausches inzwischen eng zusammen. "Es wäre unfair, der Opec vorzuwerfen, dass sie Daten zurückhält", sagt Mandil. Weitere Verbesserungen der Datenlage, speziell durch die Einbeziehung, erwartet er sich auf Grund der Gipfelbeschlüsse.
Vor allem Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte darauf gedrängt. Die Bundesregierung erhofft sich davon das Eindämmen spekulativer Öl-Nachfrage und damit niedrigere Preise. Als "zu ängstlich" kritisierte Mandil die Investitionsentscheidungen der großen westlichen Öl-Konzerne.
Sie gingen immer noch von einem Öl-Preis in der Größenordnung von 25 Dollar pro Barrel (159 Liter) aus. Doch diesen Preis "werden wir für geraume Zeit nicht wieder sehen", sagte er.
(SZ vom 12.07.2005)
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