ICE Deutsche Bahn lässt Siemens zappeln

Neue Hiobsbotschaft für den krisengeschüttelten Siemens-Konzern: Die Bahn überlegt, einen Auftrag für Hochgeschwindigkeitszüge erstmals an den französischen Konkurrenten Alstom zu vergeben.

Von Thomas Fromm

Die Deutsche Bahn erwägt, erstmals Hochgeschwindigkeitszüge im Ausland zu kaufen. Der französische Alstom-Konzern hat offenbar Chancen auf einen Auftrag für bis zu 15 Schnellzüge. Dem Siemens-Konzern, der den ICE baut, droht damit eine neue Schlappe.

ICE

Bahnchef Mehdorn lässt Siemens zappeln.

(Foto: Foto: dpa)

Der Konkurrent für den ICE, die neueste Variante des Hochgeschwindigkeitszugs TGV namens "Automotrice Grande Vitesse" (AGV), soll an diesem Dienstag im französischen La Rochelle Weltpremiere feiern. Neben Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Alstom-Chef Patrick Kron wird auch Karl-Friedrich Rausch teilnehmen, der Chef der Personenverkehrssparte der Deutschen Bahn. Derzeit läuft die Ausschreibung der Bahn für die neuen Züge.

Die Bahn verfügt über 236 Schnellzüge des Typs ICE und baut ihr Hochgeschwindigkeitsnetz weiter aus. Bislang hat der deutsche Staatskonzern sämtliche Schnellzüge bei Siemens geordert. Die ausländischen Konkurrenten Alstom und Bombardier waren allenfalls als Konsortialpartner mit im Boot.

Eine Bahnsprecherin warnte davor, aus Rauschs Anwesenheit in La Rochelle Schlüsse auf das Auswahlverfahren zu ziehen. "Das wäre falsch". Ohnehin habe Alstom der Bahn bislang noch kein Angebot unterbreitet, hieß es aus Kreisen des französischen Unternehmens. Unklar sei, ob Teile des Zuges im Alstom-Werk Salzgitter gebaut werden können. Für einen Auftrag dürfte dies aus politischen Gründen ein wichtiges Argument sein. Alstom stellt in Deutschland vor allem Regionalzüge und Komponenten her.

Sollten die Franzosen den Zuschlag bekommen, wäre dies ein herber Rückschlag für den bisherigen Bahn-Ausrüster Siemens. Eine Bahn-Sprecherin bestätigte, das Unternehmen werde verschiedene Angebote prüfen. Mit einer Entscheidung werde bis zum Sommer gerechnet.Der Auftrag gilt als Weichenstellung für den Schienenverkehr in Europa mit Tempo 300 und mehr. Alstom ist Weltmarktführer und will mit seinem neuen Schnellzug Automotrice Grande Vitesse (AGV) vor allem in Frankreich, Belgien und den Niederlanden fahren. Der Zug gilt als vierte Generation des Hochgeschwindigkeitszuges TGV. Die Antriebe verteilen sich über alle Achsen. Auch lagern jeweils zwei Waggons an den Kupplungen auf einem einzelnen Drehgestell. Der Zug kommt dadurch mit weniger Achsen aus und ist leichter. Die Betriebsgeschwindigkeit liegt bei maximal 360 Stundenkilometern.

Das Know-how, auch mit den unterschiedlichen nationalen Oberleitungssystemen fahren zu können, spricht nach Meinung von Bahnexperten für den französischen Zug. Erst vor einigen Wochen hatten die Franzosen 25 Züge im Wert von 650 Millionen Euro (ohne Wartung) nach Italien verkauft und dem deutschen Konkurrenten eine Niederlage zugefügt.

"Wir sind ganz klar in einem Prozess der Liberalisierung, sehen diesen aber nicht als Bedrohung für uns an", so Ansgar Brockmeyer, zuständiger Leiter des Siemens-Geschäftsgebiets Transportation Systems Trains, zur Süddeutschen Zeitung. Allerdings werde man nun "ganz genau beobachten, was die französische Staatsbahn SNCF in diesem Jahr an Projekten ausschreibt". Der französische Schienenmarkt gilt als weitgehend abgeschottet für ausländische Lieferanten wie Siemens.

Experten werten das Interesse an einem französischen Angebot auch als taktisches Manöver der Bahn, mit dem Siemens auf einen Preispoker eingestimmt werden soll. Dabei dürfte es für den Konzern schwierig sein, sich dem Druck seines potentiellen Auftraggebers zu beugen. "Wer bei Geschäften mit Schnellzügen auf höhere Margen setzt, riskiert politische Probleme mit öffentlichen Auftraggebern", heißt es konzernintern.

Für das Zuggeschäft von Siemens wäre ein Lieferantenwechsel der Bahn verheerend. Schon heute gilt das Verkehrstechnikgeschäft bei Siemens als unprofitabel. Immer wieder wurde spekuliert, dass sich der Konzern von dieser Sparte trennen könnte, um sich auf die Bereiche Medizin, Energie und Industrie zu konzentrieren. Die Verkehrstechnik gehört zu den schwächsten Einheiten im Konzern. Mit seinen Zügen setzt der Konzern 1,5 Milliarden Euro im Jahr um und rangiert nach Alstom und Bombardier unter den weltweit größten Anbietern auf dem dritten Platz.