Prozess um Hypo Real Estate Aufarbeitung eines Milliarden-Desasters

  • Die Hypo Real Estate war der größte deutsche Pleitefall in der Finanzkrise.
  • Der Bund sprang ein und steckte bis heute etwa 17 Milliarden Euro Steuergelder in den Immobilienfinanzierer, um einen möglichen Zusammenbruch des Finanzsektors zu verhindern.
  • Am Montag beginnt der Prozess gegen den damaligen Chef Georg Funke und den Ex-Finanzvorstand Markus Fell.
Von Stephan Radomsky

Acht Jahre, fünf Monate und zwölf Tage. Georg Funke hat viel Zeit gehabt, um nachzudenken: über den Kollaps der Hypo Real Estate (HRE), deren Chef er einst war; über seine eigene Rolle in diesem Drama, das sich über Monate immer weiter steigerte und am Ende Milliarden Euro vernichtete; und darüber, wer eigentlich die Schuld an alldem trägt. Am kommenden Montag nun, genau acht Jahre, fünf Monate und zwölf Tage nachdem Funke als HRE-Chef davongejagt wurde, ist Schluss mit Nachdenken. Dann beginnt in München der Strafprozess gegen den Ex-Banker - und nachdem er jahrelang aus der Öffentlichkeit abgetaucht war, will Funke dort reden, auf großer Bühne.

Damit beginnt endlich die strafrechtliche Aufarbeitung des größten deutschen Pleitefalls in der Finanzkrise, eines Kollapses bis dahin unbekannten Ausmaßes: Die erst 2003 entstandene HRE war in der Öffentlichkeit zwar weitgehend unbekannt, bis 2008 war sie aber mit einer Bilanzsumme von mehr als 400 Milliarden Euro zur drittgrößten Bank im Land herangewachsen und international extrem vernetzt. Mehr als 100 Milliarden Euro an Kapital und Garantien steckte der Bund deshalb in der Krise zwischenzeitlich in das Institut und übernahm es schließlich ganz, vor allem um einen möglichen Zusammenbruch des Finanzsektors zu verhindern. Unter dem Strich stecken heute noch 16,7 Milliarden Euro an Steuergeld in der HRE und ihren Überbleibseln. Und es wird weitere Jahrzehnte dauern, bis alle in der eigens gegründeten Bad Bank gesammelten Altlasten abgebaut sind - weitere Verluste nicht ausgeschlossen.

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Wer aber trägt Schuld am jähen Absturz der HRE? Wer ist verantwortlich für all die verbrannten Milliarden der Aktionäre und der Steuerzahler? Diese Frage steht, zumindest indirekt, im Zentrum des Verfahrens gegen Funke und den mit ihm angeklagten Ex-Finanzvorstand der Bank, Markus Fell.

Für Funke ist die Sache klar, schon seit Jahren: Er ist Opfer, nicht Täter in diesem Milliarden-Desaster. Die HRE war, so sieht Funke es, niemals marode. An ihm und der Bank sei im Aufruhr der Krise vielmehr ein Exempel statuiert worden. So hat er es immer gesehen, so wird er es in der für den zweiten Prozesstag angekündigten mehrstündigen Aussage wohl wiederholen.

Seit dem Zusammenbruch der HRE leidet Funke unter seinem Bild in der Öffentlichkeit: Als "Bankster" und das "Gesicht der Finanzkrise" wurde er oft porträtiert. Er wurde von Nachbarn und Fremden angegriffen, auch körperlich. Deshalb wanderte Funke mit seiner Familie nach Mallorca aus, wo er zwischenzeitlich Luxus-Immobilien makelte. Seine Firma dort ist inzwischen aufgelöst, wo Funke heute lebt, ist nicht bekannt - und er will es auch vor Gericht nicht öffentlich machen, aus Sorge. Zugleich streitet er noch immer mit der HRE um Geld aus seinem alten Vertrag: Dreieinhalb Millionen Euro an ausstehendem Gehalt und eine Rente von 47 000 Euro im Monat verlangt er in einem anderen Verfahren. Auch das trug zu seinem Ruf als "Gier-Banker" bei.

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Was ist nun wahr? Hat sich Funke bei der HRE schlicht verzockt? Oder konnte er gar nicht wissen, was da drohte und geriet in einen Strudel der Ereignisse, aus dem es kein Entkommen gab?

Jahrelang haben die Staatsanwälte ermittelt, jahrelang die Richter die Anklage geprüft. Vom einstigen Kernvorwurf gegen Funke und die anderen HRE-Vorstände ist danach jedenfalls nicht mehr viel übrig: In der Anklage ist keine Rede mehr davon, dass die Manager durch einen halsbrecherischen Expansionskurs Vermögen der Bank veruntreut hätten. Übrig geblieben ist nur der Vorwurf, sie hätten zwischen August 2007 und September 2008 die Lage der Bank in der Öffentlichkeit beschönigt. Fell soll zudem durch bewusst unrichtige Angaben den Kurs der HRE-Aktie manipuliert haben. Bis Mitte September sind für den Prozess zunächst 17 Verhandlungstage angesetzt. Dass die Angeklagten am Ende ins Gefängnis müssen, gilt selbst im Falle eines Schuldspruchs als unwahrscheinlich. Funke aber würde das wohl nicht reichen. Er will sich rehabilitieren.

Tatsächlich ist die Lage damals, in den Krisenjahren 2007 und 2008, extrem unübersichtlich. Anfang Oktober 2007 übernimmt die HRE den in Dublin ansässigen Staatsfinanzierer Depfa für 5,2 Milliarden Euro. Kurz darauf, am 15. Januar 2008, beginnt dann der Absturz der HRE und Funkes: Der Bankchef muss öffentlich einen Abschreibungsbedarf von 390 Millionen Euro auf Anlagen in den USA einräumen, wo die Banken- als Subprime-Krise ihren Ausgang nimmt. Das Problem daran ist weniger die Summe - die Verluste anderer Institute sind viel höher -, sondern dass Funke zuvor immer beteuert hatte, die Probleme in Amerika beträfen die HRE nicht. Was folgt, ist eine Panik der Anleger, in kürzester Zeit bricht die HRE-Aktie um 35 Prozent ein. "Es ist schlicht irrational, was hier an der Börse geschieht", sagt Funke wenige Tage später in einem Interview mit der SZ. Und: "Hypo Real Estate ist ein profitables und stabiles Unternehmen." Trotzdem hat Funke bei Aktionären und Geldgebern viel Vertrauen verspielt. Daran ändert auch nichts, dass das Management auch vier Monate später, auf der Hauptversammlung im Mai, verkündet: "Hypo Real Estate mit intakter Liquiditätssituation".

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Die hält auch nicht mehr lang: Die Lehman-Pleite am 15. September trifft die ohnehin angeschlagene HRE und vor allem ihre Tochter Depfa heftig: Sie verleiht Geld extrem langfristig, finanziert die Kredite aber kurzfristig am Finanzmarkt. Als sich Banken und Versicherer kaum noch Geld leihen und nur gegen hohe Sicherheiten, wird es eng für Funke und die HRE. Es droht die Pleite, und zwar sehr schnell.

Vor Gericht soll nun geklärt werden, ob die HRE-Manager die Gefahr kommen sahen und es in der Öffentlichkeit verschwiegen. Oder ob die Lehman-Pleite die eigentlich beherrschbaren Schwierigkeiten der Bank außer Kontrolle geraten ließ und Funke unschuldig ist. Davon geht sein Verteidiger Wolfgang Kreuzer aus: Es bestehe "eine realistische Chance, dass es für Herrn Funke einen Freispruch gibt", sagt er.

Fast noch wichtiger für Funke ist aber wohl, was nach dem Lehman-Desaster passiert ist. Am 23. September 2008 wendet er sich an Josef Ackermann und bittet den Chef der Deutschen Bank um Kredite über 15 Milliarden Euro, um die HRE am Laufen zu halten. Doch statt diskret eine Finanzierung zu organisieren, alarmiert Ackermann die Bundesregierung - gleichzeitig mit dem damaligen HRE-Aufsichtsratschef Kurt Viermetz. Es folgt das "erste Rettungswochenende" vom 26. bis 29. September, an dessen Ende Hilfe in Höhe von 35 Milliarden Euro für die HRE stehen.

Am Montag darauf aber tritt Finanzminister Peer Steinbrück vor die Presse und spricht nicht von Rettung, sondern von "geordneter Abwicklung" der HRE. Das sowieso schwer angeschlagene Vertrauen in Funke und die Bank ist endgültig dahin, niemand will den Münchnern mehr Geld leihen. Am 5. Oktober wird deshalb ein zweites Paket vereinbart, mit Hilfen und Garantien von nunmehr 50 Milliarden Euro. Am 7. Oktober 2008 muss Funke schließlich abtreten. Seitdem ist er überzeugt, dass Ackermann "die Probe aufs Exempel" machen wollte, ob der Staat eingreifen würde, falls eines der großen Institute kippt. Und dass Steinbrück aus politischem Kalkül den Kollaps herbeigeredet habe.

Acht Jahre, fünf Monate und zwölf Tage werden seitdem vergangen sein, wenn Funke zum ersten Mal auf der Münchner Anklagebank Platz nimmt. Viel Zeit, jetzt will er noch einmal angreifen.

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