Hugo Boss Hohe Löhne als Risiko

Verfechter der nachhaltigen Unternehmensführung kritisieren den schwäbischen Modekonzern. Ihnen fehlen so einige Angaben.

Von Caspar Dohmen, Berlin

Jeder Aktionär hat das Recht, bei einer Hauptversammlung Fragen beantwortet zu bekommen. Fast immer geht es um die Geschäftsentwicklung. Mancher kauft Anteile eines Unternehmens aber ganz bewusst, weil er etwas über kritische Geschehnissen wissen will, etwa Arbeitsrechtsverletzungen oder Umweltskandale. Die Idee zu diesem kritischen Aktionärstun stammt aus den USA und aus der Zeit des Vietnamkrieges. In Deutschland verfolgt vor allem der Dachverband der kritischen Aktionäre den Ansatz, den nun auch Verfechter des Ansatzes einer Gemeinwohl-Bilanz bei Unternehmen nutzen, erstmals bei der Hauptversammlung von Hugo Boss am Donnerstag in Stuttgart.

Ein Quartett um den Berater und Forscher Gerd Hofielen hat den Textilhersteller ausgesucht, wegen der generellen Bedeutung der textilen Lieferkette für eine ökosoziale Wirtschaftsweise. Als weitere Termine stehen in ihrem Kalender die Hauptversammlungen der Deutschen Bank und von BMW. Alle drei Konzerne haben sie aus eigenen Stücken nach dem Bewertungsansatz der Gemeinwohl-Bilanz untersucht. Positiv bewertet werden hier nicht Eigenkapitalrendite, Dividende und Zinsertrag, sondern etwa ökologische Nachhaltigkeit oder demokratische Mitbestimmung. Punkte gibt es dabei nur, wenn Firmen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus nachhaltig agieren.

"An Allgemeinheit und Umwelt ausgelagerte Kosten sind nicht transparent dargestellt."

"Natürlich ist unser Bild lückenhaft", sagt Hofielen, weil man als Grundlage die Nachhaltigkeitsberichte genommen habe, die jedoch keineswegs alle Informationen enthalten müssten. Aspekte, die für die Gemeinwohl-Bilanz wichtig seien, spielten bei Hugo Boss schon heute eine Rolle, etwa Umweltrisiken. Viele wichtige Aspekte fehlten aber, etwa Angaben über nicht existenzsichernde Löhne bei Lieferanten und Sublieferanten. "Im Gegenteil, die Wahrscheinlichkeit höherer Löhne wird als Risiko dargestellt, dem mit einer konsequenten Umsetzung der Preispolitik zu begegnen ist", heißt es in einem Gegenantrag zur Hauptversammlung. Generell fordern die kritischen Aktionäre mehr Informationen darüber, welche ökologischen und sozialen Kosten der Modehersteller abwälzt, die an "die Allgemeinheit und Umwelt ausgelagerten Kosten" seien im Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht "nicht transparent dargestellt".

Ursprünglich hatten die Gemeinwohl-Bilanz-Anhänger den direkten Austausch mit dem M-Dax-Konzern gesucht, aber abschlägige Antwort aus der Abteilung für Unternehmensverantwortung erhalten: "Zum jetzigen Zeitpunkt stehe das Thema nicht auf unserer Agenda."

Für Berater der Gemeinwohl-Bilanz würde es freilich ein Geschäft darstellen, sollten Konzerne ihre Expertise nachfragen. Die Beratungsfirma von Hofielen ist allerdings als gemeinnützige GmbH organisiert, weswegen ihre Erträge dann für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. Bei der eigenen Gemeinwohl-Bilanz kommt die Firma übrigens auf 466 von 1000 Punkte, hat also selbst noch Verbesserungsbedarf.