Hollywood Lust auf die Erotik des Geldes und der Macht

Die Helden von "The Big Short" (mit Hauptdarsteller Ryan Gosling rechts im Bild) sind gleichzeitig die größten Absahner.

(Foto: Jaap Buitendijk/Paramount Pictures/AP)

Ade Pretty Woman: Seit dem großen Crash 2008 erlebt das Subgenre des Wall-Street-Films ein Comeback. Doch mit anderen Vorzeichen als früher.

Von David Steinitz und Jörg Häntzschel

Systemkrise, Bankensturm, Anarchismus - und schuld daran ist ein freundliches britisches Fräulein mit Regenschirm. Eine der legendärsten Kapitalismuskritiken der Filmgeschichte ist im Disney-Klassiker "Mary Poppins" aus dem Jahr 1964 zu sehen. Das zauberhafte Kindermädchen und ihr kleiner Schützling wehren sich gegen ein paar raffgierige Banker, die dem Kleinen sein Erspartes abluchsen wollen - doch Mary und der Junge bescheren den sinistren Anzugträgern stattdessen eine Massenpanik in den Kassenräumen, Menschliches siegt über Monetäres.

Dass ausgerechnet das urkapitalistische Hollywood den Kapitalismus anprangert, hat eine lange Tradition, die bis zu den Ursprüngen des Kinos zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreicht: Liberalismus und Profitgier wurden schon im Stummfilm-Slapstick von Charlie Chaplin parodiert und kritisiert. Die Rollenverteilung war dabei lange Zeit klar: auf der einen Seite die bösen Banker, auf der anderen die integren Helden - ein dramaturgisches Korsett, das sich im Lauf der Jahre ziemlich abgenutzt hat.

Geändert hat sich das erst in den Achtzigerjahren, als das Subgenre des Wall-Street-Films aufkam, in dem der Zuschauer nicht mehr durch eine eindeutige Moral geködert, sondern auch mit der Erotik des Geldes und der Macht verführt werden soll - was bis heute blendend funktioniert.

Vor allem der Regisseur Oliver Stone hat die Verknüpfung von Systemkritik und Versuchung ganz meisterlich vorgeführt, in seinem Klassiker "Wall Street" von 1987. Michael Douglas spielt darin den skrupellosen Finanzinvestor Gordon Gekko. Dessen berühmter Monolog über Gier ("Sie ist gut, sie ist richtig, sie funktioniert!") ist ein Musterbeispiel für die Auflösung klassischer Hollywood-Rollenmodelle durch Filme über die Hochfinanz. Gekko ist Schurke und Held in Personalunion, widerlich und faszinierend zugleich, und genau das entpuppte sich als großes Erfolgsrezept - der Film wurde zum Riesenerfolg.

Vorübergehend in Vergessenheit geraten

Stone sagte dazu später: "Als wir ,Wall Street' drehten, dachte ich ganz und gar nicht, dass Gier gut ist. Aber ich habe dabei gelernt, dass die Menschen Geld wirklich mögen. Sie lieben es, Geld zu machen. Sie werden sogar den Bösewicht bewundern, wenn er Geld macht - selbst wenn er dafür das Gesetz brechen muss."

Zur Entstehungszeit des Films endete in Hollywood endgültig die Ära der mächtigen alten Westküsten-Produzenten. Viele Filmstudios gingen in Wall Street-dotierten Medienkonglomeraten auf, die Filme mehr nach Jahresbilanzen denn nach künstlerischen Innovationen beurteilten. Der Wahn, vor allem Fortsetzungen von erfolgreichen Filmen zu produzieren, der Hollywood bis heute prägt, nahm damals seinen Anfang. Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, dass viele Hollywoodkünstler gerade ab den Achtzigern anfingen, die Finanzjongleure von der Ostküste zum tragikomischen Thema ihrer Filme zu machen: "Die Glücksritter", "Fegefeuer der Eitelkeiten" oder "Pretty Woman" umkreisen Charaktere, die in der Finanzwelt tätig sind.

In den Nullerjahren war das Genre dann für einige Zeit in Vergessenheit geraten, Hollywood beschäftigte sich lieber mit den neuen Möglichkeiten der digitalen Tricktechnik und zauberte gewaltige Effektabenteuer - bis im Anschluss an die Pleite der US-Investmentbank Lehman der große Crash von 2008 kam und der Wall Street-Film ein veritables Comeback feierte. Dieses fand nicht direkt im Anschluss an die Krise statt, weil die Produktion eines Hollywoodfilms vom Drehbuch bis zum Schnitt in der Regel locker zwei Jahre in Anspruch nimmt. Aber etwa seit 2010 kommen diverse Filme ins Kino, die sich mit der Krise und ihren Ursachen und Auswirkungen beschäftigt.

Diese Filme geben durch ihre prominenten Hauptdarsteller der Krise eine Form und ein Gesicht, was sie für so viele Zuschauer interessant macht, auch wenn sie nicht jedes wirtschaftliche Detail akkurat erklären können. Und sie machen auch keinen Hehl aus der Monsterparty, die viele Verursacher der Krise gefeiert haben, bevor der große Kater einsetzte, und auch das ist für die Zuschauer immer noch sehr verlockend. Wie gut Spekulanten als Identifikationsfiguren funktionieren können, obwohl sie auf den ersten Blick sprödere Protagonisten als etwa Superhelden sind, beweist am eindrucksvollsten Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street". Darin spielt Leonardo DiCaprio den Börsenspekulanten Jordan Belfort, der Ende der Achtziger als Aktienhändler viel Geld verdiente - dann aber in einem Strudel aus Wertpapierbetrügereien und ausufernden Orgien unterging.

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte, der 53-Jährige arbeitet heute als Motivationstrainer. Aber damals, in den überdrehten Achtzigern, war das große Vorbild des realen Jordan Belfort der fiktive Gordon Gekko aus "Wall Street" - womit das Kino die Wirklichkeit und diese nun wiederum das Kino inspiriert hat.