Hohe Lohnkosten Bitte mehr Bescheidenheit

Die Arbeitskosten in Deutschland steigen stärker als im EU-Durchschnitt. Das bedeutet nichts Gutes für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und für die Beschäftigten. Denn der Trend gefährdet Deutschlands Stellung als Exportnation, von der bislang alle profitiert haben.

Ein Kommentar von Sibylle Haas

Manchmal lohnt es sich genauer hinzuschauen. So wie bei dieser Meldung, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden soeben veröffentlicht hat. Oft genug begnügen sich Statistiker mit Zahlen und Vergleichen, selten liefern sie eine Interpretation. Doch diese Nachricht muss aufhorchen lassen: Seit sieben Quartalen steigen die Arbeitskosten in Deutschland stärker als im Durchschnitt der EU. Das ist keine gute Meldung, weil sie nichts Gutes für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und für die Beschäftigten bedeutet.

Deutschland ist bislang glimpflich durch die Eurokrise gekommen. Die Unternehmen haben sich im globalen Wettbewerb gut behauptet, die Arbeitslosenrate ist vergleichsweise niedrig. Die Exportkraft der Firmen ist trotz kleiner Blessuren stark. Sie gründet auf der Innovationsfähigkeit in den Unternehmen, auf der guten Qualität der Produkte und auf dem technischen Fortschritt. "Made in Germany" ist in der Welt gefragt. Doch das allein ist nicht entscheidend. Es sind vor allem die Arbeitskosten, die darüber entscheiden, ob ein Land im Wettstreit mit anderen mithalten kann oder nicht. Natürlich werden die Arbeitskosten zu einem Teil von der Produktivität und deren Zuwachs kompensiert. Und ohne Frage ist die Produktivität in Deutschland nach wie vor hoch. Doch wenn die Kosten schneller steigen als die Leistungskraft, dann verringert sich der Vorsprung zwangsläufig. Eine solche Tendenz darf sich nicht verfestigen.

Deutschland war in den Neunzigerjahren in einer solchen Situation. Die Lohnkosten waren in die Höhe gestiegen. Denn für die Gewerkschaften war es lange leicht, ihre Lohnforderungen durchzusetzen. Der kalte Krieg hatte die Märkte abgeschottet. Die Konkurrenz durch Billiglohnländer war überschaubar. Die Nachfrage nach deutschen Qualitätsprodukten war im In- und Ausland hoch. Der Nachholbedarf der Deutschen, die Lust am Konsum nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hielt bis weit in die Achtzigerjahre an. Es lief also vieles fast von selbst.

Doch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der dann folgenden Öffnung der Grenzen änderte sich das schlagartig. Die deutsche Wirtschaft und mit ihr die Beschäftigten waren einem immer härteren Konkurrenzdruck ausgesetzt. Die benachbarten Betriebe konnten vieles billiger produzieren als die deutschen.

Und Deutschland? War inzwischen einer der teuersten Standorte der Welt.

Dass die deutsche Wirtschaft heute so gut da steht, ist ein Verdienst der Reform-Agenda 2010 der rot-grünen Koalition. Denn ein Ziel der Agenda war die Senkung der Arbeitskosten, um die Beschäftigung zu fördern. Die vergleichsweise gute Position Deutschlands hängt genau damit zusammen, während viele Länder Südeuropas durch den starken Anstieg ihrer Löhne immer tiefer in die Krise schlitterten. Dass sich im rezessionsgeplagten Spanien die Arbeit Ende 2012 erstmals seit zwei Jahren wieder verbilligt hat, ist gut für die spanische Wirtschaft.

Die Konjunktur ist immer noch labil

Denn Spanien steckt nach dem Platzen der Immobilienblase tief in der Rezession, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie lange nicht. Sinkende Arbeitskosten werden auch dort die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhöhen und das Land leichter aus der Krise führen.

Den Zusammenhang von Arbeitskosten, Wettbewerbskraft und Beschäftigung dürfen auch die Tarifpartner hierzulande nicht aus den Augen verlieren. Sie haben in den vergangenen Jahren mit Augenmaß agiert, denn die Tarifabschlüsse waren moderat. Damit blieben die Lohnstückkosten seit mehr als zehn Jahren konstant. Die Reallöhne sind niedriger als zur Jahrtausendwende.

Schlägt das Pendel nun zurück? Es sieht so aus. Im vorigen Jahr stiegen die Tariflöhne im Schnitt um 2,7 Prozent, im Jahr 2011 waren es noch zwei. In den laufenden Tarifrunden fordern die Gewerkschaften in verschiedenen Branchen bis zu 6,6 Prozent mehr Geld. Die Begehrlichkeiten sind also da. Und sie werden von einigen Ökonomen, die starke Zuschläge fordern, sogar noch forciert. Es ist möglich, durch höhere Lohnabschlüsse den Konsum anzukurbeln und damit die Exportabhängigkeit zu verringern. Doch sinnvoll ist das nicht. Denn Deutschland ist eine Exportnation und davon haben bislang alle profitiert. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft darf nicht durch überzogene Lohnabschlüsse aufs Spiel gesetzt werden.

Denn die Konjunktur ist noch immer labil. Die Erfolge der Vergangenheit sind da schnell verspielt. Doch das Schicksal spanischer oder italienischer Beschäftigter kann den Deutschen erspart werden.