Die Finanzkrise hat auch Hedgefonds entzaubert - einen weiteren Beweis dafür liefern die grotesken Kursausschläge der Volkswagen-Aktie. Viele haben sich bei VW mit Wetten auf fallende Kurse eine blutige Nase geholt.
Sie selbst beschreiben ihre Zunft gern als Königsdisziplin der Kapitalanlage. Doch jetzt hat die Finanzkrise auch die Hedgefonds entzaubert. Einen weiteren Beweis liefern die grotesken Kursausschläge der Volkswagen-Aktie: Binnen zwei Tagen hat sich der Börsenwert zeitweise vervierfacht, mehr als 1000 Euro kostete vorübergehend eine Aktie des Autoherstellers.
Volkswagen: Die VW-Aktie sorgt für Wirbel an der Börse (© Foto: Reuters)
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Doch Hedgefonds haben dabei ungeheure Beträge verloren, von mehr als 15 Milliarden Euro ist die Rede. In diesem Lehrstück über Fehlspekulation zeigen sich einige Probleme, die der gesamten Branche zusetzen und zahlreiche Pleiten auslösen dürften.
"Sehr beliebte Wette"
"Vor allem in schlechten Zeiten zeigt sich, dass nicht alle Hedgefonds-Manager Genies sind", sagt der Londoner Hedgefonds-Berater Jacob Schmidt ironisch. Hedgefonds unterscheiden sich von gewöhnlichen Aktienfonds vor allem in dreierlei Hinsicht:
Sie können erstens völlig frei in alle möglichen Wertpapiere anlegen, von Aktien über Anleihen und Währungen bis hin zu Rohstoffen. Zweitens erhöhen sie Gewinnchancen und Verlustrisiken dadurch, dass sie zusätzlich zu ihrem eigenen Geld Kredite für ihre Spekulationsgeschäfte aufnehmen. Und drittens spekulieren einige von ihnen über Leerverkäufe auch auf fallende Kurse.
Vor allem die dritte Strategie brach einigen dieser Spekulanten das Genick. Seitdem der Sportwagenhersteller Porsche 2005 seinen Einstieg bei VW angekündigt hatte, war der VW-Kurs stark gestiegen.
Immer weniger hatte das mit dem eigentlichen Geschäft von VW zu tun, und immer mehr Hedgefonds liehen sich deshalb VW-Aktien, um über Leerverkäufe auf einen fallenden Kurs zu setzen. "Das war eine sehr beliebte Wette", sagt ein Hedgefondsmanager.
Doch am vergangenen Wochenende kündigte Porsche an, nicht nur eine einfache Mehrheit an VW erwerben zu wollen sondern mindestens 75 Prozent. 42,6 Prozent halte man bereits, weitere 31,5 Prozent kontrolliere man über Optionen. Gut 20 Prozent der Aktien liegen fest in den Händen des Landes Niedersachsen.
Panik unter Hedgefonds-Managern
Als klar war, dass nur noch 5,9 Prozent der VW-Aktien zu haben waren, brach Panik aus unter den Hedgefonds-Managern. Wer auf einen fallenden VW-Kurs gesetzt hatte, musste nun hastig Aktien kaufen, um sie den Verleihern - meist Fondsgesellschaften oder Banken - zurückzugeben.
Doch mit jedem Euro, den die VW-Aktie stieg, vervielfachte sich der Verlust der Leerverkäufer. "Ich vermute sogar, dass sich jetzt auch andere Hedgefonds gegen die Leerverkäufer gestellt haben und VW-Aktien kaufen, um von deren Klemme zu profitieren", sagt Hedgefonds-Berater Schmidt.
Es gehöre zu den einfachsten Grundregeln der Geldanlage, nicht bei Unternehmen auf fallende Kurse zu spekulieren, bei deren Aktien es nur einen sehr geringen Streubesitz gebe.
Wer die Verlierer sind? Hunderte der weltweit mehr als 9000 Hedgefonds spekulieren am Aktienmarkt und kommen prinzipiell als VW-Verlierer in Frage. Viele kleinere angelsächsische und schweizer Fonds haben sich beispielsweise in den vergangenen Jahren auf deutsche Aktien spezialisiert, Marktbeobachter vermuten hier große Verluste. Doch selbst die Münchener Rück wird als möglicher Leerverkäufer von VW-Aktien genannt. Ein Gerücht, das der Rückversicherer nicht kommentieren möchte.
Der Fall VW zeigt jedoch wie unter einem Brennglas, welche Probleme die globale Finanzkrise den Hedgefonds bereitet. Viele unerfahrene Manager hatten im Boom der vergangenen Jahre mit Hedgefonds ihr Glück versucht. Sie bekamen von den Banken billig Kredit und hatten bei steigenden Aktienkursen und Rohstoffpreisen leichtes Spiel.
"Viele Fonds, die in den vergangenen fünf Jahren eingestiegen sind, hatten kein Geschäftsmodell, sie handelten rein opportunistisch", sagt Hedgefonds-Experte Sy Schlüter. "Jetzt haben viele Fonds keine andere Wahl, als ihre Positionen aufzulösen." Die Investments verlören an Wert, Investoren zögen Geld ab, Banken verlangten zugleich höhere Sicherheiten für ihre Kredite. "Eine Spirale, die sich jahrelang in eine Richtung drehte, kehrt sich nun um."
"Hunderte Hedgefonds werden in den nächsten Monaten schließen müssen", erwartet Schlüter. Auch Schmidt rechnet mit einer Flurbereinigung. "Vor allem kleinere Hedgefonds bekommen jetzt existenzielle Probleme."
Dort ziehen Banken und andere Investoren ihre Mittel ab. Zudem haben wegen der Bankenkrise viele Regierungen Leerverkäufe von Finanzaktien vorübergehend verboten. Finanzminister Peer Steinbrück möchte daraus ein dauerhaftes Verbot von Leerverkäufen machen. Im Fall von VW hätte er damit manchen Hedgefonds vor großem Schaden bewahrt.
(SZ vom 29.10.2008/hgn)
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Hab' den Fehler zu spät bemerkt!
Wobei der Rückkauf aufgrund der vorher eingegangenen Verpflichtung (Option) zwingend erfolgt.
Das ist ja noch irgendwo nachvollziehbar, auch wenn es Nicht-Finanzlern ziemlich suspekt sein dürfte.
Das wahrhaft Perverse ist aber die Version auf dem amerikanischen Markt, naked short selling genannt. Da hat man nicht mal Aktien selbst konkret verfügbar, wie beim Leihverhältnis, sondern man tut so, als hätte man Aktien, verkauft die mit dem Rückkaufversprechen zu einem bestimmten Zeitpunkt, und hofft, dass der Kurs nach unten geht. (Ich hab' mal in einer Erklärung gelesen: "Man fälscht gewissermaßen Aktien") Wenn man die nicht vorhandenen Aktien zurückerworben hat, passt's ja wieder und man hat Gewinn gemacht. Falls der Kurs aber steigt wird's ganz übel. Da bei naked short gar keine real vorhandenen Aktien gehandelt werden, könnten sogar mehr Aktien gehandelt werden, als je von der Firma ausgegeben wurden! Für mich als Normalsterblichen eine klare Sache: A Bschiess.
Aber Mathematiker haben damit kein Problem. Wenn da in einem Haus vier Leute sind und fünf das Gebäude verlassen, muss einer reingehen, damit keiner drin ist. *bg*
Natürlich ist klar, dass naked short selling zu noch wüsteren Effekten führen kann, als das bei uns übliche, insbesondere wenn auch noch viele Leute die Optionen auf Pump (Kredit) kaufen. Aus meiner Sicht sollten long und short selling untersagt werden, insbesondere in der "naked" Version. Aber das wird wohl nicht klappen, weil die Finanz-Lobby damit so schön Geld machen kann. Wenn man's in relevantem Umfang verliert, hilft ja der Staat.
Die Idee des leer verkaufens:
Du leihst Dirz.B. 100 Aktien für eine Woche aus, verkaufst diese an der Börse zum Betrag von 100 Euro. Der Kurs sinkt in den nächsten Tagen auf 90 Euro und da kaufst Du wieder und gibst die Aktien fristgerecht an den Verleiher zurück. Dein Gewinn: 10 Euro pro Aktie, also 1000 Euro abzüglich einer kleinen Gebühr für's leihen.
Doof nur, wenn der Kurs exorbitant steigt, denn dann verlierst Du eben viel Geld.
Leerverkauf
ich würde mich nicht dazu versteigen, diese ganzen anlage-, geschäfts- und steuersparmodelle als 'produkte' zu bezeichnen, roulette wird in einer spielbank auch nicht euphemistisch als produkt verkauft. dabei wird nichts produziert (abgesehen von blasen und heißer luft), mehrwert kann nur in industrieller oder handwerklicher produktion entstehen, aber nicht, wenn man wetten verkauft, oder man selber wettet.
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