Höhenflug der Finanzmärkte Zu schön, um wahr zu sein

Börsen im Höhenflug: Die Dax-Kurve in Frankfurt am Main

(Foto: dpa)

Regelmäßig jubeln Anleger über neue Börsenrekorde. Es drohen gefährliche Blasen, doch die Notenbanken, die ja gegensteuern könnten, schauen tatenlos zu. Wird sich die Finanzkrise wiederholen?

Ein Kommentar von Nikolaus Piper

Wird sich die Finanzkrise wiederholen? Die Frage treibt die Welt um, seit im September 2008 Lehman Brothers zusammenbrach und dabei das globales Finanzsystem mit sich zu reißen drohte. Manche der Warnungen vor einer Finanzkrise II beruhten auf populistischen Missverständnissen oder auf Unkenntnis dessen, was bei Vermögensverwaltern und in den Handelssälen der Banken passiert. Inzwischen allerdings gibt die Entwicklung auf den Finanzmärkten tatsächlich Anlass zur Sorge.

Börsen bilden nicht die Wirklichkeit ab, sondern das Bild, das sich die Marktteilnehmer von der Wirklichkeit, genauer: der künftigen Wirklichkeit, machen. Und das Bild, das die Börsen derzeit zeichnen, ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Die Aktienkurse in New York, Frankfurt und London haben historische Höchststände erreicht, Anleihen haben ebenfalls extrem hohe Preise, die Renditen sind entsprechend niedrig. Immobilien werden immer teurer - Miethäuser in Deutschland ebenso wie Wolkenkratzer in New York. Kapital ist regelrecht auf Jagd nach Anlagechancen.

An den Börsen bilden sich schon gefährliche Blasen

Man kann darauf hoffen, dass damit einfach ein neuer Boom vorweggenommen wird. Man muss aber befürchten, dass diese Hoffnung auf Illusionen baut und dass diese Illusionen demnächst mit einem großen Knall platzen werden.

Das eigentliche Problem dabei sind nicht einmal so sehr die Rekorde am Aktienmarkt. Zwar haben in diesem Monat der Dow Jones und der Dax symbolische Marken von 17 000 und 10 000 Punkten überschritten. Damit sind Anteile an Unternehmen zwar nicht mehr billig, aber auch nicht irrational teuer. Ein gutes Maß dafür ist das Verhältnis von Kursen zu Gewinnen. Beim heutigen Stand bräuchte man im Durchschnitt 19 Jahre, um den Kauf eines Standardwertes im amerikanischen S&P 500 Index aus den Gewinnen zu finanzieren. Im Januar 2013 waren es noch 17 Jahre, Anfang 2000, kurz vor dem Platzen der Internetblase, aber 29 Jahre. Die Zahlen zeigen, dass die Entwicklung hier nicht völlig außer Kontrolle ist.

Bedenklicher ist, dass die Kurse seit Langem so wenig schwanken. Geringe Kursschwankungen bedeuten, dass sich alle Marktteilnehmer über die Bewertung der nahen Zukunft einig sind. Vor der Finanzkrise war es genauso: Alle dachten, es sei alles in Ordnung, und übersahen die gigantischen Risiken, die das Finanzsystem angehäuft hatte. Bedenklich auch, dass sich die Leerverkäufer vom Markt zurückgezogen haben: Niemand traut sich mehr, auf fallende Kurse zu wetten.

Eindeutig ist die Lage bei Anleihen. Dank der Politik von Fed und Europäischer Zentralbank liegen die Renditen sehr sicherer Papiere - also vor allem amerikanischer und deutscher Staatsanleihen - real nahe null. Wer sein Geld dem Bundesfinanzminister für zehn Jahre leiht, der bekommt heute gerade einmal 1,2 Prozent - ein Indiz dafür, wie begehrt Bundesanleihen sind. In jüngster Zeit sind aber nicht nur sichere Papiere gefragt. Auf der Suche nach Erträgen fließt Kapital jetzt auch in wesentlich riskantere Anlagen, wodurch hier ebenfalls die Kurse steigen und die Renditen sinken. Die Anleihen Spaniens - das Land galt bis vor Kurzem noch als einer der Herde der Euro-Krise - haben heute kaum noch einen Risikoaufschlag gegenüber amerikanischen. Das ist schön für den spanischen Finanzminister, der viel Geld in seinem Haushalt spart. Aber er sollte gewarnt sein: Die Meinung der Märkte, dass Spanien praktisch kein Risiko mehr darstellt, kann sich über Nacht ändern, mit verheerenden Konsequenzen. Auch andere Vermögenswerte sind extrem teuer und bringen nur noch geringe Erträge: Unternehmensanleihen, Anleihen von Schwellenländern und Immobilien.

Die Geldpolitiker der Welt sind bei dem Thema tief gespalten. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, eine Art Club der Zentralbanken, hat sich dafür ausgesprochen, die Zinsen zu erhöhen, um die Euphorie an den Märkten einzudämmen. Die neue Chefin der Federal Reserve in Washington, Janet Yellen, lehnt dies explizit ab. Sie räumt zwar ein, dass es in Teilmärkten heute Finanzblasen gibt, hält Zinserhöhungen aber für eine "stumpfe Waffe" im Kampf gegen diese Blasen, wie sie kürzlich sagte.

Noch immer ist eine Wiederholung der Ereignisse von 2008 unwahrscheinlich. Eine scharfe Korrektur der Entwicklung aber wird immer wahrscheinlicher. Die würde dann, wie bei ähnlichen Anlässen früher, zu einer Umkehr der Kapitalströme, also zur Flucht aus riskanten Anlagen und zu stark steigenden Renditen führen. Darauf sollte die Politik vorbereitet sein. Wenn alle denken, es passiere nichts, dann passiert meist etwas.