HNA-Konzern Der rätselhafte Job des Herrn Rösler

Auf dem Weg von Genf nach New York: Der frühere FDP-Chef Philipp Rösler.

(Foto: Sergei Konkov/Imago)

Für den chinesischen Konzern HNA soll der frühere Vizekanzler und FDP-Politiker künftig eine Stiftung leiten - doch ihr Zweck ist noch unklar.

Von Caspar Busse und Christoph Giesen, München/Peking

Eigentlich hatte sich Philipp Rösler, 44, in Genf gut eingerichtet - privat und beruflich. Als Vorstand beim Weltwirtschaftsforum, zuständig für Regierungskontakte, hat er nicht nur ein tolles Büro mit weitem Blick über den Genfer See. Der ehemalige deutsche Vizekanzler hat auch Kontakt zu den Wichtigen und Mächtigen der Welt. Er ist zwar - wie in seinem Job als deutscher Politiker - viel unterwegs, aber er sagte mal: "Wenn ich hier in Genf zu Hause bin, bin ich auch richtig da. Abendbrot, vorlesen - was man so macht." Seine Frau arbeitet in Genf als Ärztin, seine Kinder gehen in die Schule. Bis zuletzt machte er den Eindruck, als sei er sehr zufrieden in der Schweiz beim Weltwirtschaftsforum.

Doch jetzt wechselt er überraschend den Job, noch dazu in die Sphären eines Unternehmens, das derzeit so umstritten ist wie kaum ein anderes auf der Welt: Rösler zieht es dienstlich nach New York, dort soll er künftig die Hainan Cihang Charity Foundation leiten, das Gehalt soll sehr gut sein. Privat wollen die Röslers in die deutschsprachige Schweiz nach Zürich umsiedeln. Die Stiftung ist mit 29,5 Prozent der größte Aktionär von HNA, jenem chinesischen Mischkonzern, der durch eine ungezügelte Einkaufstour beinahe im Wochentakt für Schlagzeilen sorgt.

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Mehr als 40 Milliarden Dollar hat HNA zuletzt im Ausland investiert. Der Regionalflughafen Hahn im Hunsrück gehört dazu, genauso wie eine Beteiligung an den Hilton-Hotels. 6,5 Milliarden Dollar für 25 Prozent. 2016 übernahm das Unternehmen den US-IT-Großhändler Ingram Micro. Kostenpunkt: sechs Milliarden Dollar. Seit ein paar Monaten ist HNA auch Großaktionär bei der Deutschen Bank. Mit jedem Deal, mit jeder Übernahme kommt immer wieder und immer lauter die Frage auf, wer wirklich hinter HNA steckt? Wem gehört dieses nimmersatte Unternehmen?

Internationale Kontakte und ein guter Ruf für das umstrittene Unternehmen

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Dafür jede Menge Gerüchte. Seit dem Frühjahr meldet sich ein chinesischer Milliardär aus dem Exil in New York zu Wort. Miles Kwok nennt er sich, auf Chinesisch heißt er Guo Wengui. Kwok behauptet, HNA werde von Wang Qishan, einem der mächtigsten Männer Chinas, gesteuert. Wang war bis vor Kurzem der oberste Korruptionsjäger des Landes und ein enger Vertrauter von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Für Kwoks Behauptungen gibt es keine konkreten Belege. HNA hat ihn deshalb in New York wegen Verleumdung verklagt. Auffällig ist dennoch, wie munter Anteile verschoben werden - und das bei einem Konzern, der ähnlich viel umsetzt wie BMW oder Siemens.

Als HNA etwa im Frühjahr 2016 ein Angebot für den Schweizer Flugcaterer Gategroup abgab, hielt eine Stiftung in China 22,75 Prozent der Anteile. 29,75 Prozent waren im Besitz zweier Männer: Bharat Bhisé, ein amerikanischer Staatsbürger, und Guan Jun, ein Chinese. Die restlichen 47,5 Prozent waren laut Angebotsprospekt im Besitz der Mitarbeiter des Unternehmens, wobei angeblich keiner der Angestellten mehr als drei Prozent der Anteile hielt.

Inzwischen soll alles ganz anders sein. HNA-Gründer Chen Feng gehören jetzt 14,98 Prozent der Aktien, genauso wie Wang Jian, einem Kompagnon der ersten Stunde. Der ominöse Großaktionär Guan Jun konnte sogar aufstocken. 29,5 Prozent hielt er alleine. Fährt man zu der in offiziellen Dokumenten angegebenen Adresse von Guan Jun, landet man im Süden Pekings. Ein Wohnsilo, leere Plastiktüten, die im Wind durch staubige Gassen treiben. Lebt hier wirklich der größte Aktionär?

Im Sommer dann die Kehrtwende. Der geheimnisvolle Guan Jun, teilte der Konzern plötzlich mit, habe sich von seinen Anteilen wieder getrennt. Überschrieben wurden die Aktien an eben jene Stiftung in New York, die Rösler künftig leiten soll. Im Übrigen habe Guan Jun die Anteile nie wirklich besessen, sondern nur "für uns gehalten", sagte Adam Tan, der Vorstandsvorsitzende von HNA. Aber wer ist "uns"? HNA teilt schriftlich lediglich mit: "Guan Jun ist nicht mehr Aktionär der Gesellschaft, und wir können nicht in seinem Namen sprechen."

Warum HNA überhaupt eine Stiftung in den Vereinigten Staaten gegründet hat, erschließt sich nicht. Laut dem letzten Geschäftsbericht hat HNA einen Buchwert von 61 Milliarden Dollar. Die New Yorker Stiftung hält demnach Anteile im Wert von mindestens 18 Milliarden Dollar. Und genau das ist der Haken. Das amerikanische Recht kennt nur gemeinnützige Stiftungen. Die Gesetze sehen vor, dass mindestens fünf Prozent des Vermögens jährlich ausgegeben werden müssen. 900 Millionen Dollar an Spenden? Und das bei einer Firma, die Milliarden an Schulden aufgehäuft hat? Sollen Anteile abgestoßen werden? Rätsel über Rätsel. Mittendrin der smarte Rösler, mit seinen internationalen Kontakten und dem guten Ruf.

Er habe in seinem Job aber nichts mit dem operativen Geschäft von HNA zu tun, heißt es.

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