Hilferuf von Windkraftfirma Prokon-Anleger zittern um ihr Geld

Windräder in Niedersachsen

Es geht um mehr als eine Milliarde Euro: In der Hoffnung auf hohe Renditen haben Zehntausende der Windkraftfirma Prokon Geld anvertraut. Verbraucherschützer warnen seit langem vor dem Unternehmen, das Anlegern nun mit der Insolvenz droht. Sonst, schreibt der Firmenchef, kämen die "Heuschrecken".

Bis zu 75.000 Menschen könnten Geld verlieren: Die umstrittene Ökostromfirma Prokon hat ihre Anleger in einem Schreiben vor der Insolvenz gewarnt - wenn sie nicht vorerst auf die Rückzahlung ihres Geldes verzichteten, sonst sei das Unternehmen bis Ende Januar zahlungsunfähig. Es wäre eine der größten Pleiten auf dem Grauen Kapitalmarkt.

Das Unternehmen von Carsten Rodbertus (die Welt hat ihm nachgespürt) sitzt in Itzehoe in Schleswig-Holstein. Es wirbt mit hohem Aufwand - online, mit Anzeigen und per Postwurf - und dem Anreiz hoher Renditen auf seine Genussrechte. Das sind Geldanlagen, für die Bürger der Firma ein Darlehen gewähren, allerdings ein unbesichertes. Mitspracherechte wie Aktionäre haben sie nicht. Für Januar 2014 hat Prokon der Stiftung Warentest zufolge 7 Prozent in Aussicht gestellt. Über die Jahre hat die Firma mit dieser Werbung nach eigenen Angaben 1,4 Milliarden Euro eingesammelt. Damit baute das Unternehmen vor allem Windparks und verkaufte den Strom, es investiert auch in Biodiesel und Biomasse.

Seit langem kritisieren Anleger- und Verbraucherschützer, Medien und Staatsanwälte die Geschäfte von Prokon. Der Verdacht stand im Raum, dass die Firma die hohen Renditeversprechen nicht halten könnte und das Geld der Anleger möglicherweise in den Projekten versenkt werde. Kritiker fragen, wo denn die Gewinne erwirtschaftet würden, die an Anleger ausgezahlt worden sind. Jetzt könnten sich die Befürchtungen in Teilen erfüllen.

Der Konzern will Aufschub, er will die Millionen bei denen abstottern, die ihm vertraut haben. Sonst gehe er unter, heißt es in dem Brief an die Anleger. Das Schreiben hat eine Dramaturgie, die einiges verrät. Auf der ersten Seite steht noch eine nüchterne Bitte:

"Eine Planinsolvenz kann nur verhindert werden, wenn wir für mindestens 95 Prozent des Genussrechtskapitals die Zusage erhalten, dass Sie uns Ihr Kapital mindestens bis zum 31.10.2014 nicht entziehen werden und einer Auszahlung innerhalb von 12 Monaten, die auch in Raten erfolgen kann, zustimmen."

Am Ende des Anschreibens, gleich über der Unterschrift von Firmenchef Rodbertus, eskaliert diese Bitte zum offenen Hilferuf:

"Lassen Sie nicht zu, dass es zu einer Planinsolvenz kommt! Lassen Sie nicht zu, dass sich Heuschrecken und Energiekonzerne für wenig Geld ein Vorzeigeunternehmen mit im Kapitalmarkt einmaliger, fairer Philosophie unter den Nagel reißen! Wir können es schaffen, aber das kann nur mit Ihnen gemeinsam gelingen, wenn Sie uns jetzt nicht noch mehr Kapital entziehen!"

Interessant ist die vorgegebene Wortwahl in dem Antwortschreiben, mit dem Anleger zusagen sollen, ob sie ihr Geld abziehen oder nicht. Wer ankreuzt, dass er sein Geld sofort wiederhaben möchte, segnet damit auch den Satz ab: "Mir ist bewusst, dass ich mit der Entscheidung für eine Planinsolvenz entscheidend zur Vernichtung eines zukunftsfähigen und nicht systemkonformen Unternehmens mit über 1300 Arbeitsplätzen beitrage." Das soll wohl den Anreiz verringern, dort sein Kreuz zu setzen.

Manche Beobachter dürften nicht besonder überrascht sein über die Schieflage. Allein im Dezember hatte die Stiftung Warentest zweimal vor der Firma gewarnt, weil deren Verluste fast 200 Millionen Euro betragen könnten. Genussscheine als Anlage seien riskant, sagen die Verbraucherschützer, denn sie seien vom Gewinn der Firma abhängig. Geht die Firma pleite, bekommen Anleger ihr Geld auch erst nach den meisten anderen Gläubigern zurück - wenn davon dann noch etwas da ist. Dazu könnte es nach der Warnung von Prokon nun kommen.

Das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein bescheinigte Prokon 2012 "irreführende Werbung", weil Prospekte die Anlage in den Genussscheinen als ebenso sicher wie ein Sparbuch erscheinen lassen könnten. Doch die Anlage sei zum damaligen Zeitpunkt keineswegs durch die Windkraftanlagen abgesichert gewesen, wie Anleger hätten denken können. Die Anlagefirma des Konzerns habe lediglich Kredite an andere Unternehmensteile der Prokon-Gruppe für deren Investitionen vergeben und Zinsen dafür bekommen. Das Unternehmen spricht seit Monaten nicht mehr mit den Medien. Die Frage ist nun, ob die Kunden Rodbertus' Hilferuf erhören oder in Panik alles Geld abziehen.

Der Tagesspiegel hat mit einer Prokon-Anlegerin gesprochen, die Probleme hat, an ihr Geld zu kommen.

Die Einschätzung einer Anwaltskanzlei, die auf Geldanlage spezialisiert ist, zu einer Geldanlage bei Prokon findet sich hier.