Hilfe bei Beschwerden und Klagen Diese Firmen suchen den Streit

Illustration: Sie sind gekommen, um Beschwerden und Klagen zu übernehmen, wenn der Zug zu spät, der Flug gestrichen, die Miete zu hoch ist.

(Foto: imago/Ikon Images; Bearbeitung SZ)
  • Kunden versuchen häufig nicht, ihre Rechte gegenüber Firmen durchzusetzen. Sie fürchten sich vor Aufwand und Kosten.
  • Hier setzen so genannte Legal-Tech-Unternehmen an: Sie bieten an, Beschwerden und Klagen gegen Vermieter, die Bahn oder eine Fluggesellschaft zu übernehmen.
  • Die Kunden tragen dabei kein Risiko und zunächst auch keine Kosten. Sie zahlen nur im Erfolgsfall eine Provision an den Anbieter. Die Legal Techs sind damit eine ernsthafte Konkurrenz für klassische Anwaltskanzleien.
Von Felicitas Wilke und Benedikt Müller

Wenn das Flugzeug von Palma nach München mit drei Stunden Verspätung abhebt, könnte das ziemlich teuer werden für die Fluggesellschaft: 250 Euro Entschädigung stehen jedem Passagier laut EU-Fluggastverordnung zu, wenn nicht gerade höhere Gewalt die Verspätung verursacht hat. Doch allzu oft kommen die Airlines günstiger weg: Schätzungen zufolge macht nur ein Zehntel der Fluggäste seine Rechte bei Verspätungen und Ausfällen geltend. Viele kennen ihre Ansprüche gar nicht; andere scheuen den Aufwand, sich mit ihrer Airline anzulegen.

Marek Janetzke und seine Mitarbeiter wollen diese Quote erhöhen - und damit Geld verdienen. Auf ihrer Website Flightright geben Passagiere die Flugnummer und das Datum ein; zwei Minuten später lesen sie, ob sie eine Chance haben, Geld von der Airline zu bekommen. Auf Wunsch übernimmt Flightright dann den Papierkram, den Rechtsstreit mit Fluggesellschaften und Reiseveranstaltern. Tausendfach einigt man sich außergerichtlich, immer wieder landen die Fälle aber auch vor Gericht. Inzwischen hat das Start-up 37 000 Prozesse europaweit geführt. 98 Prozent gewinne man, brüstet sich das Unternehmen. Dann behält Flightright ein Viertel der Entschädigung als Provision ein. Verliert die Firma den Streit mit der Airline, zahlen Verbraucher nichts. Nie war es so einfach für Passagiere, ihre Rechte gegenüber Airlines durchzusetzen.

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Nach dem Vorbild Flightright entstehen in Deutschland immer mehr Firmen, die Verbrauchern bei gängigen Rechtsstreitigkeiten beraten, sogenannte Legal-Tech-Unternehmen. "Legal-Techs wie Flightright haben einen völlig neuen Markt geschaffen", sagt Markus Hartung. Der Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession in Hamburg beobachtet, wie sich die Rechtswelt in Deutschland gerade ändert.

Bislang schrecken viele Verbraucher vor rechtlichen Schritten zurück, wenn sich etwa ihr Flug verspätet, ihre Wohnung viel mehr kostet als die ortsübliche Miete, oder das Knöllchen als zu hoch erscheint. Wer zum Anwalt geht und vor Gericht gewinnt, kann zwar einige Hundert Euro Entschädigung erstreiten. Doch wer verliert, muss die kompletten Prozesskosten tragen. "Das führt dazu, dass der Zugang zum Recht in Deutschland aus Kostengründen beeinträchtigt ist", sagt Hartung. Davon profitieren etwa Fluggesellschaften oder Vermieter: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Legal-Tech-Unternehmen wollen diese Hemmschwelle senken. Sie streiten im Auftrag des Verbrauchers - und wenn sie Recht bekommen, muss der Kunde einen Teil des Gewinns abgeben. Damit die Rechnung auch für die Legal-Techs aufgeht, spezialisieren sie sich bisher auf Streitsachen, deren Rechtsprechung überschaubar und gefestigt ist, etwa die EU-weit einheitlichen Fluggastrechte.

Flightright etwa kennt inzwischen fast jede Art von Verspätung - egal, ob die Technik, das Wetter oder das Catering verantwortlich waren. Die Kundendaten können direkt aus der Eingabemaske übernommen werden, die vorbereitete Klageschrift wird aus der digitalen Schublade geholt und je nach Fall nur leicht angepasst.

Die schnellen Abläufe machen es möglich, dass Legal-Techs mit wenigen Mitarbeitern große Fallzahlen bearbeiten können. Flightright führt derzeit in ganz Europa 7000 Verfahren. Sobald ein Fall vor Gericht kommt, arbeitet das Start-up mit Anwälten zusammen. Die Aufträge, die ohne Richter zum Abschluss gebracht werden, bearbeiten 100 Mitarbeiter. Die Masse an Fällen scheint die Fluggesellschaften zunehmend zu beeindrucken. "Anfangs musste fast jeder Fall vor Gericht", sagt Flightright-Chef Janetzke. Die Airlines hätten das Start-up mürbemachen wollen, vermutet er. Doch inzwischen zahlten die Fluggesellschaften die Entschädigung oft an Flightright aus, bevor sie verklagt werden. "So sparen sich die Unternehmen zumindest die Prozesskosten", sagt Janetzke.

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Legal-Techs leben aber auch von der Bequemlichkeit ihrer Kunden. Viele Verbraucher beauftragen die Dienstleister, obwohl sie ihre Rechte oftmals auch allein durchsetzen könnten. Fluggäste etwa können auf der Website der Airline ein Formular ausfüllen, sie müssen womöglich ein bisschen hinterhertelefonieren, wenn die Unternehmen nicht gleich zahlen wollen. Doch selbst dann können Kunden kostenlos zu ihrem Recht kommen: Die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr stellt bei 76 Prozent der Beschwerden eine Einigung her, ohne dass Kunden einen Teil der Entschädigung als Provision zahlen müssten.

Bei Flightright könne man sich schon fragen, warum Verbraucher 75 Prozent der Entschädigung akzeptieren sollten, wenn sie auch 100 Prozent bekommen können, sagt Michael Sittig von der Stiftung Warentest. Doch viele Menschen schrecken vor komplizierten Formularen und langen Auseinandersetzungen zurück.

Mittlerweile profitieren die Kunden auch vom Wettbewerb der Anbieter

Damit Rechtsdienstleister im Auftrag ihrer Kunden streiten dürfen, muss entweder ein Anwalt das Legal-Tech betreiben, oder das Portal beantragt eine Genehmigung nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz. Flightright tritt beispielsweise rechtlich als Inkasso-Unternehmen auf.

Im Bereich der Fluggastrechte haben sich inzwischen so viele Legal-Techs gegründet, dass Passagiere vom Wettbewerb der Dienstleister profitieren können. Auch Firmen wie Fairplane, Refund.me oder Airhelp buhlen um betroffene Fluggäste. Mittlerweile bieten die Portale Sofort-Entschädigungen an: Wenn die Rechtslage klar erscheint, bekommen die Nutzer sofort ihr Geld zurück, müssen dafür allerdings 40 bis 45 Prozent der Entschädigung abgeben - noch mehr als im Regelfall, bei dem sich Passagiere einige Monate gedulden müssen. Vor einem Monat ist auch Flightright in das Geschäft mit Sofort-Entschädigungen eingestiegen.

In Zukunft könnten Legal-Techs auch Kündigungsschutzklagen abwickeln oder Ehen scheiden. "Für alles, was sich standardisieren lässt, wird es künftig Legal-Techs geben", prognostiziert Hartung, der auch Rechtsanwalt und Mitglied im Deutschen Anwaltverein ist. Rechtsanwälte würden die Start-ups aber genauso wenig ersetzen wie die Fintechs bisher die Banken abgelöst hätten. Denn sobald die Scheidung nicht einvernehmlich sei, sobald die Fälle komplex würden und einer Verteidigungsstrategie bedürften, brauche man einen Rechtsanwalt. "Mit standardisierten Fällen werden Anwälte in Zukunft aber kein Geld mehr verdienen", sagt Hartung.

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