Hewlett-Packards Weg aus der Krise 27.000 Entlassungen und viele verpasste Chancen

Der PC-Hersteller Hewlett-Packard steckt tief in der Krise. Seine Produkte kommen nicht mehr an. Alle Sanierungspläne sind bislang gefloppt. Jetzt kündigt die neue Konzernchefin einen radikalen Befreiungsschlag an: Zehntausende Mitarbeiter sollen gehen.

Von Bastian Brinkmann

Es ist leider nicht bekannt, wie Hewlett-Packard-Chefin Meg Whitman ihr Memo geschrieben hat. Klar ist aber die Kernaussage: "27.000 Mitarbeiter werden HP verlassen." Hatte sie auf einem iPad notiert, was sie den Analysten gesagt hat? "Das entspricht etwa acht Prozent der Belegschaft." Oder las sie die Notizen in der Telefonkonferenz von ihrem Smartphone ab? "Je nach Land variieren die Einschnitte, abhängig von den Gesetzen und den lokalen Arbeitnehmergremien." Oder hatte sie ihren Rettungsplan auf einem Desktop-PC erarbeitet und mit einem HP-Gerät ausgedruckt? "Das soll etwa drei Milliarden Dollar im Jahr einsparen."

Es ist eigentlich auch egal, mit welchem technischen Spielzeug Whitman den Plan erarbeitet hat, der Hewlett-Packard nach chaotischen Jahren jetzt sanieren soll. Doch es zeigt das Dilemma auf, in dem der Elektronikhersteller steckt. Denn die Ausrüstung der Arbeitswelt wandelt sich. Laptops und PCs sind nicht mehr die Geräte der Zukunft, sondern alter Alltag. Großes Wachstum kann der Drucker-, Laptop- und PC-Hersteller in seinen Märkten also nicht mehr einfahren. Ab Herbst könnte es Microsofts Software Office für das iPad geben, was die Verbreitung von Tablets in Büros weiter antreiben könnte. Ähnlich sieht es bei den Privatkunden aus: Wer heute einen neuen Apparat kauft, setzt oft eher auf ein mobiles Gerät, wie Apples jüngste iPhone-Verkaufszahlen zeigen.

HP und seine - noch - 350.000 Mitarbeiter haben diesen Wandel bisher nicht in den Griff bekommen. Chefin Whitman kündigte nun einen Umbau an, der Jahre dauern soll. "Wir haben noch nicht die Kurve gekriegt", sagte sie den Analysten. "Aber wir machen Fortschritte." Wachsen will sie mit "organischer Innovation". Große Firmenübernahmen stünden nicht zur Debatte, stattdessen soll die Entwicklungsabteilung deutlich ausgebaut werden.

Ein Flop kostete 99 Euro, ein zweiter 7,2 Millionen Dollar

Whitman, die früher erfolgreich Ebay leitete, hat im September 2011 den Chefposten bei HP übernommen. Sie ist bereits die siebte Managerin, die innerhalb von zwölf Jahren HP führt.

Es gab bereits Versuche, die Unternehmensstrategie von HP zu ändern. Doch diese sind bisher gescheitert. Whitmans Vorgänger Léo Apotheker hatte kein Glück. Während seiner nur elf Monate kurzen Amtszeit verlor die HP-Aktie fast die Hälfte ihres Wertes. Apotheker versuchte radikale Reformen. Er wollte HP zu einem stärker auf Dienstleistung und Beratung ausgerichteten Konzern umbauen, IBM ähnlicher werden.

Doch Apotheker setzte auf ruckartige Entscheidungen, statt den Konzern behutsam umzubauen. So wollte er das Betriebssystem namens WebOS, das sich HP mit einer Milliardenübernahme gesichert hatte, erst auf PCs, Druckern und Kameras installieren. Dann stoppte er das Projekt, WebOS verschwand vom Markt.

Anfang 2011 stellte Apotheker mit großem Tamtam ein Tablet vor, das "Touchpad". Es sollte Apples iPad-Erfolg kopieren. Doch schon im Sommer des gleichen Jahres kam der Rückzieher: HP verkündete, aus der Smartphone- und der Tablet-Produktion komplett auszusteigen. Das existierende Touchpad wurde verramscht, von einem Tag auf den anderen fiel der Preis von 400 auf 99 Euro. Auch Smartphones wurden zu Billig-Preisen feilgeboten. Wenigstens beim Ausverkauf interessierten sich die Kunden für die HP-Produkte.

Im August 2011 kündigte Apotheker an, dass sich HP vom PC-Segment trennen wolle, das nur eine bescheidende Rendite ausweist. Doch die Pläne stießen auf Kritik: Desktop-Computer sind das Kerngeschäft von HP und tragen mit Abstand am meisten zum Umsatz bei.

Der Verwaltungsrat zog dann die Notbremse und setzte Apotheker mit einer Abfindung von 7,2 Millionen Dollar vor die Tür. Für Apotheker ist es nicht das erste Mal, nur kurz Chef zu sein. Bevor er zu HP kam, musste er beim Softwarekonzern SAP gehen, ebenfalls nach nur einem Amtsjahr. Apotheker wurde für die schlechte Stimmung im Unternehmen verantwortlich gemacht. Lediglich 50 Prozent der SAP-Angestellten hatten in einer Mitarbeiterumfrage dem Vorstand ihr Vertrauen ausgesprochen.

Auch Apothekers Vorgänger, Mark Hurd, hat HP nicht gut getan. Er hatte Forschung und Entwicklung zusammengestrichen, um die Gewinne zu steigern. Dann stolperte er über die Beziehung zu einer ehemaligen Mitarbeiterin und unklare Spesenabrechnungen.

9000 sollen schon dieses Jahr gehen

Die neue Chefin Whitman stoppte Apothekers Umbaupläne. Sie will nun auf eine langfristige Strategie setzen. Der größte Stellenabbau in der Geschichte des Konzerns ist ein erster Schritt. Er soll bis Oktober 2014 abgeschlossen sein, 9000 Mitarbeiter sollen schon dieses Jahr gehen. Neben den Entlassungen sollen weitere Sparmaßnahmen zusätzlich die Kosten um 500 Millionen Dollar drücken.

Die Nachricht von der Umstrukturierung überschattet die Quartalszahlen von HP. Von Februar bis April ging der Umsatz um drei Prozent auf 30,7 Milliarden Dollar zurück, der Gewinn gab im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 31 Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar nach. Im vorangegangenen Weihnachtsquartal war der Rückgang allerdings noch drastischer ausgefallen. Nur das Software-Segment wuchs deutlich, doch es ist recht klein.

Whitmans Umbaupläne kamen an der Börse gut an. Die HP-Aktie stieg nachbörslich um sechs Prozent.