Ein Abschied von Hertie fällt vielen Kunden schwer.
Zurückhaltende Worte sind nicht das Ding von Hannelore Sattler. "Das wäre wirklich das Letzte", sagt die 65-jährige Dame, die gerade ihren Fuß vor die Tür der Hertie-Filiale an der Tegernseer Landstraße in München gesetzt hat.
Anzeige
Insolvenz in dem Kaufhaus, in dem sie zwei bis drei Mal die Woche Lebensmittel und Kleidung kauft, womöglich gar Schließung - unvorstellbar. "Das ist wirklich der einzige Ort, an dem wir hier einkaufen können", sagt sie.
Teil des Lebens
Hier, das ist der Münchner Stadtteil Giesing südöstlich des Stadtzentrums. Zumindest historisch ist das ein Arbeiterviertel. Hannelore Sattler lebt hier seit Jahrzehnten, und über all diese Zeit war das Geschäft, das seit Frühjahr 2007 Hertie heißt, Teil ihres Lebens.
Zuvor kaufte sie eben bei Karstadt ein. Eingeprägt hat sich bei ihr aber der erste Name, unter dem sie das Kaufhaus kennengelernt hat: "Früher hieß es Kepa", sagt sie und ergänzt: "Noch heute mach ich mit Bekannten aus: ,Treffen wir uns bei der Kepa". Hannelore Sattlers Worte zeigen, was das bedeutet: Ein Warenhaus als Stadtteilzentrum, das vielen Menschen aus einem gar nicht so kleinen Umfeld den täglichen Einkauf erleichtert. Als solche waren die Hertie-Häuser nach 2005 auch angepriesen worden.
Zu den regelmäßigen Besuchern gehört auch Günter Klinger, 62, der immerhin drei Trambahnstationen vom heutigen Hertie-Geschäft entfernt wohnt. "Eigentlich würde es mir nichts ausmachen, wenn der Laden weg wäre", sagt der Rentner zunächst. "Aber irgendwie wäre es schon traurig." Einen Augenblick denkt er nach.
"Dann müsste ich ja ins Pep fahren", stellt er fest. Pep, das ist ein Einkaufszentrum am östlichen Stadtrand Münchens. Keine schöne Vorstellung für Klinger, der schließlich sagt: "Das wäre schon ein Verlust für die Gegend hier."
Zu Gelassenheit mahnt ein Kunde, der mit seinen 84 Jahren noch als Steuerberater arbeitet und seinen Namen nicht nennen will. "Ich befürchte gar nichts", sagt er. "Es hängt halt jetzt davon ab, welcher Kapitalmensch da nun kommt."
Trotz der bekundeten Treue der Kunden wird ein möglicher Investor aber vor allem das Sortiment ändern müssen. "Mich wundern die Probleme bei Hertie nicht", sagt die 50-jährige Arzthelferin Brigitte Wilsch. "Die haben doch so viel unnützen Kleinkram."
- Thema
- Unternehmen RSS
- Einzelhandel Herties Erbe 31.07.2008
- Hertie Einfach verzockt 01.08.2008
- Hertie Eine Pleite mit Ansage 31.07.2008
- Hertie in Not "Da bleibt nicht mehr viel übrig" 21.07.2008
- Interview: Beiersdorf-Chef Quaas "Die Haut ist doch überall gleich" 17.05.2010
- Luxuskonzerne Italienischer Chic für China 15.05.2010
- Wirtschaft kompakt Verseuchter Käse: Ermittlungen gegen Lidl 15.05.2010
(SZ vom 01.08.2008/hgn)
Neue Nutzungsbedingungen