Hersteller von Flipper-Automaten Pling, boing, flip

Ein Prototyp aus den Dreißigern - das Ding steht nun im Museum. Die heutigen Hightechmodelle finden weniger Absatz als ihre Vorgänger.

(Foto: imago)

Er spielte schon als Kleinkind. Mittlerweile ist Gary Stern 70 Jahre alt und der Chef des einzigen wichtigen Flipper-Herstellers der Welt.

Von Jürgen Schmieder und Kathrin Werner

Gary Stern kennt sie noch, die ganz alten Zeiten. Von den Erzählungen seines Vaters, dem großen Flipperautomaten-König Sam Stern. Und er hat sie selbst erlebt, die ganz alten und guten Zeiten. Schon als Kleinkind hat der heute 70 Jahre alte Stern mit Flipper-Kugeln gespielt, er hatte immer eine in der Schublade seines Kinderschreibtischs. Damals, als die Flipperbranche florierte, zockten die Leute nicht allein auf der Playstation oder dem Smartphone. Sie drückten in Kneipen an blinkenden Automaten herum.

150 Hersteller solcher Maschinen gab es, als Sam Stern in den 1930er Jahren in die Branche einstieg. Nur einer ist geblieben: Stern Pinball, die Firma von Sohn Gary. Als im Januar auf der größten Messe für Unterhaltungselektronik CES in Las Vegas mehr als 3800 Aussteller die Geräte der Zukunft vorstellten, waren aus einer Ecke diese vertrauten Geräusche zu hören: Pling. Boing. Flip. Da stehen doch, neben Fitnessarmbändern und Drohnen, tatsächlich Flipperautomaten. Einer thematisiert die Rockband Kiss, der andere die Fernsehserie Game of Thrones, der nächste den Comic-Helden Superman. Was machen Sie denn hier auf dieser Messe, Herr Stern? "Na hören Sie, wenn Flipper keine Unterhaltungselektronik sind, dann weiß ich auch nicht", sagt der Mann mit dem weißen Schopf und dem Hemd, auf dessen Brust eine Flipper-Kugel aufgenäht ist.

Stern Pinball ist der weltweit führende Hersteller von Flipperautomaten, oder wie Stern sagt: "Wir sind die Branche!" Er ist geblieben, als alle anderen gingen. Ende der Neunzigerjahre hat sein letzter großer Konkurrent Williams das Geschäft aufgegeben. Damals dachte jeder, dass die Zeiten der Flipper vorbei seien. Doch Stern hat noch einmal investiert und sämtliche Anteile an seiner Firma vom japanischen Videospielkonzern Sega zurückgekauft. Ein Kollege habe ihn deshalb für verrückt erklärt. Stern hält dagegen: "Im BWL-Studium bringen sie dir bei, dass du das Geschäft im Allgemeinen lieben musst, nicht speziell deine Branche. Ich verstoße gegen die Regel: Ich liebe Flipperautomaten."

Langsam wird seine Liebe belohnt, die für tot erklärte Branche wächst wieder. "Die Nachfrage steigt definitiv", sagt Stern. "Es ist die Wiederauferstehung des Flippers." Er verrät nicht, wie viele Geräte er pro Jahr verkauft. Es sind längst nicht mehr so viele wie in den goldenen Zeiten Anfang der Neunzigerjahre, sagt er, aber es werden jedes Jahr mehr. Es gibt eine Flipper-Liga, die International Flipper Pinball Association, in der im vergangenen Jahr 6492 Leute spielten; 2014 waren es erst 5403. In Städten wie New York eröffnen immer mehr Bars mit Flipperautomaten. "Wir sind nicht retro, ich mag das Wort nicht, weil wir ein modernes Spiel sind", sagt Stern. "Flipper sind cool."

Er verkauft seine Automaten an Zwischenhändler, die sie dann an Kneipen und Spielotheken verteilen, aber auch an private Sammler, die für limitierte Auflagen mehr zahlen. "Die Männer sagen dann der Mami, dass der Flipper für die Kinder ist. Zumindest in diesem Land kommt ja nichts ins Haus, was Mami nicht will." Drei neue Spiele bringt er jedes Jahr auf den Markt, die Entwicklung kostet rund eine Million Dollar. In den USA kostet das günstigste Modell 5600 Dollar. Die nummerierten Sammlereditionen kosten 8795 Dollar und kommen mit einem handsignierten Zertifikat. "Das Unterschreiben macht mir Spaß", sagt er. "Es ist mein Haupt-Job."

Das ist freilich Koketterie. Stern ist Außenminister und Verkaufschef, er fliegt pro Jahr 200 000 Kilometer, besucht Messen und Zwischenhändler, kennt die Spielautomaten-Vorschriften aller Länder. In Deutschland steht eine Gesetzesänderung an, die eine große Chance sein könnte: Spielotheken dürfen dann mehr Flipper pro Quadratmeter aufstellen. Die Hälfte seiner Maschinen verkauft Stern ins Ausland, viele davon nach Deutschland.

In jedem Flipper stecken 3500 Einzelteile und 400 Meter Kabel, doch vor Beginn der Produktion braucht es zunächst ein Motiv. Stern verhandelt diese Lizenzen höchstselbst mit Hollywood-Studios und Musikmanagern. "Wir mögen Rock'n'Roll, Filme und Fernsehshows", sagt er. "Manchmal machen wir Spiele zu Produkten, zum Beispiel für den neuen Ford Mustang. Dann muss ich mit Ford zusammenarbeiten." Bekannte Marken und Serienhits seien Lockmittel für die neue Spieler: "Wenn ich ein Spiel ,Rock'n'Roll der 80er' nenne, bestellt unser deutscher Importeur KMS zwei Maschinen", sagt Stern. "Wenn ich sage, wir machen einen Flipper zu Game of Thrones, überweist er gleich 300 000 oder 400 000 Dollar." Die Verhandlungen seien oft ganz schön kompliziert: "Als wir zum ersten Mal einen Automaten zu Batman gemacht haben, hat uns Kim Basinger ihre Beine neun Mal überarbeiten lassen."

Ab und zu versuchen sich auch neue Konkurrenten an der Flipper-Produktion. "Sie sind alle sehr nett. Aber das heißt nicht, dass sie effizient sind", sagt Stern. Man brauche die richtigen Leute, er hat die besten von seinen ehemaligen Rivalen übernommen. Ein paar hundert Designer, Software-Entwickler und Mechaniker arbeiten in der weltweit letzten großen Flipperfabrik in einem Vorort von Chicago.

Auf jedem neu entworfenen Gerät müssen alle Manager zum Testspiel antreten

Auf jedem neu erfundenen Gerät müssen alle Manager täglich mindestens 15 Minuten zum Testspiel antreten. "Wenn du nicht gern flipperst, solltest du nicht in einer Flipper-Firma arbeiten", sagt Stern: "Die Optik ist wichtig, aber das Spiel muss funktionieren." Im Moment habe er selbst keinen Flipper zu Hause, doch natürlich teste er selbst. "Ich bin alt und langsam und repräsentiere somit einen Spieler, der bereits eineinhalb Eimer Bier getrunken hat." Das sei wichtig, schließlich sollen nicht nur Profis flippern, sondern auch ganz normale Menschen in einer Kneipe.

"Ich bin 70 und sage immer, dass ich seit 68 Jahren im Geschäft bin", sagt Stern. Sein Vater hat als Automatenbetreiber angefangen, er ist von Kneipe zu Kneipe gezogen, hat die Flipper aufgestellt, in Stand gehalten und die Münzen eingesammelt: "Wenn mein Vater meine Mutter auf ein Date ausgeführt hat, hat er nebenbei noch ein paar Automaten geleert." Später wurde Stern senior Großhändler. Nach dem Tod seines Vaters gründete Gary Stern 1986 die jetzige Firma. "Die meisten meiner Kunden sind meine Freunde, ich bin einfach schon so lange dabei", sagt er.

Stern, der Mann mit der Flipperkugel auf dem Hemd, betrachtet genüsslich, was da in seiner Ecke der Messe in Las Vegas passiert: Natürlich sind die Menschen wegen der Fitnessarmbänder, Drohnen und 3-D-Drucker zur CES gekommen. Aber dann stehen sie Schlange, um an Sterns Geräten zu zocken und über die besten Flipperautomaten der Geschichte zu philosophieren. Pling. Boing. Flip. "Ich glaube an Flipper", sagt Stern. "Und daran, dass wir allein sind in der Branche."