SZ: Sie rufen nach dem starken Staat?

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Thomas: Die gegenwärtige Krise konnte nur entstehen, weil die Staaten versagt haben. Jetzt müssen sie wieder für Ordnung sorgen. Aber ihre Rolle ist nicht, die Wirtschaft zu lenken. Denn der Staat ist ein schlechter Manager.

SZ: Trifft die Krise Hermès hart?

Thomas: In unseren Geschäften verkaufen wir weiterhin gut. Wir haben eine große Produktpalette und sind nicht nur auf Uhren oder Parfums spezialisiert. Geht der Verkauf an einer Stelle runter, geht er an einer anderen hoch. Außerdem sind wir überall auf der Welt etwa gleich stark vertreten. Vor allem aber sind wir nicht zu schnell gewachsen. Wir streben nicht den größtmöglichen Umsatz an. Das widerspräche dem Prinzip, exklusive und qualitativ hochwertige Ware herzustellen. Analysten warfen uns deswegen früher vor, uns nicht schnell genug zu entwickeln. Wir wollten aber unser Geld für Krisenzeiten aufbewahren. Jetzt halten uns die Kritiker von damals für vorbildlich.

SZ: Geld zusammenhalten können andere auch. Was kommt bei Ihnen hinzu?

Thomas: Das Besondere von Hermès ist, immer etwas Neues zu kreieren, aber dennoch unverwechselbar zu bleiben. Hermès ist weder konservativ noch futuristisch, sondern zeitlos. Unseren Bestseller erfanden wir 1927: die Handtasche, die später als Kelly-Bag berühmt wurde.

SZ: Weitere Klassiker entstanden in den 30er Jahren: das Seidentuch und die Ankerkette. Werden in rauen Zeiten eher mythische Objekte geschaffen?

Thomas: Solche Klassiker entstehen erst mit der Zeit. Man kann sie nicht erschaffen. Es sind unsere Kunden, die sie dazu machen.

SZ: Nicht das Marketing oder die Mithilfe bekannter Werbeträgerinnen?

Thomas: Nein, es geht darum, den richtigen Zeitpunkt zu treffen.

SZ: Wie findet man den?

Thomas: Darauf gibt es keine Antwort. Niemand kann ihn vorhersagen.

SZ: Wie helfen Sie dem Glück nach?

Thomas: Hermès ist eine wunderbare Ideenwerkstatt. 85 Designer arbeiten unablässig an neuen Kreationen. Ein winziger Teil davon wird umgesetzt und kommt in die Geschäfte. Aber doch so viele, dass wir alle sechs Monate Neuheiten lancieren. Finanziell, sagt man uns, ist das der komplette Wahnsinn. Diese Kreativität ist aber unsere Stärke. Hermès München hat nicht das Angebot von Hermès Paris, und in drei Monaten ist es auch dort nicht mehr dasselbe. Wenn unsere Kunden nur Kelly-Bags in unseren Läden fänden, kämen sie nicht.

SZ: Was macht ein Produkt zum Hermès-Produkt?

Thomas: Da kommt vielerlei zusammen: Qualität, Verarbeitung, Stil. Nicht aber das Logo, das ist kaum zu finden. Unsere Produkte verkörpern einen wichtigen Wesenszug der Familie: Sie sind diskret. Unter Protestanten in Frankreich spricht man nicht über Geld. Hermès ist eine Lebenseinstellung.

SZ: Mit Hermès kann man nicht angeben?

Thomas: Das hängt von der Person ab. Wer aufschneiden will, kann das tun, mit welchem Produkt auch immer.

SZ: Was zeichnet Ihre deutschen Kunden aus?

Thomas: Sie wollen Qualität und Haltbares. Darin sind sie Weltmeister. Unsere Handtaschen begeistern sie noch mehr als andere.

SZ: Und dennoch muss man bis zu einem Jahr auf eine Kelly-Bag warten, deren günstigste Version fast 4000 Euro kostet?

Thomas: Das stimmt nicht. Gut, wir erhalten manchmal nicht die gewünschte Qualität beim Krokodilleder etwa, dann kann das manchmal zwei, drei Jahre dauern. Aber wir sind eben sehr anspruchsvoll. Wir nehmen nur Leder, das keinen einzigen Fehler aufweist. Beim Krokodil ist das sehr schwierig, weil es beißt und selber gebissen wird, was Narben hinterlässt.

SZ: Was machen Sie dagegen?

Thomas: Wir züchten jetzt unsere eigenen Krokodile. Unser Schönstes, das Crocodylus Porosus, das größte lebende Salzwasserkrokodil, züchten wir selber in Australien und ziehen es einzeln auf, damit es nicht gebissen werden kann.

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(SZ vom 04.06.2009/lauc/tob)