Hayek-Gesellschaft Die Hayek-Gesellschaft - "Mistbeet der AfD"?

Prominente AfD-Politiker sind Mitglied in der liberalen Hayek-Gesellschaft. Sie nutzen den Einfluss der Stiftung. Dürfen sie das? Manche sagen: nein.

Von Katja Riedel und Sebastian Pittelkow

Zwei Männer ziehen einen Schlussstrich. Vater und Sohn versenden Mitte Juni wütende E-Mails an etwa 250 Mitglieder der liberal-konservativen Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, an Ökonomen und Familienunternehmer, an Publizisten und Politiker. Günter und Peer Ederer, Journalist der eine, Ökonom der andere, kündigen ihre Mitgliedschaft mit harschen Worten. Der Kreis sei zu einem "Mistbeet der AfD" verkommen, wettert Vater Günter. Das Vermächtnis des Namensgebers, des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich August von Hayek, werde "in einen nationalistisch-völkischen Sumpf gezogen", schreibt Sohn Peer.

Ein Jahr lang war Ederer junior Vorstand in der dazugehörigen Hayek-Stiftung, kümmerte sich um Finanzen. Die Gesellschaft hat viel Geld zur Verfügung: Trotz Nullzinsen kann sie jährlich, auch mithilfe zusätzlicher Spenden, etwa 450 000 Euro ausgeben. Die Hayek-Gesellschaft soll die Gedanken des 1992 verstorbenen Nationalökonomen in die Welt tragen, mit wissenschaftlichen Analysen und Vorträgen, mit Salongesprächen. Sie soll eine Plattform sein, die freiheitliches Denken befördert - und zwar überparteilich. Genau das aber sieht mancher in der Gesellschaft in Gefahr.

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Nicht alle sehen die Situation so dramatisch wie die Ederers. Doch es gibt Streit in der Gesellschaft darüber, wie konservativ Liberalismus sein darf. Eher auf FDP- oder auf CDU-Linie? Oder aber auch nahe am Wirtschaftsprogramm der AfD, die sich von einer Partei der Euroskeptiker zu einer rechten Populisten-Partei mit liberal-konservativen Einsprengseln entwickelt hat? Im Herbst werden vermutlich drei Hayek-Mitglieder für die AfD in den Bundestag einziehen, an herausragender Stelle: Spitzenkandidatin Alice Weidel, die Noch-Europaabgeordnete Beatrix von Storch und die Nummer zwei auf der bayerischen Landesliste, der Ökonom Peter Boehringer. Nach Ansicht der Ederers hat sich die Gesellschaft zu weit von Hayeks Freiheitsbegriff entfernt. Es gehe nicht nur um die insgesamt fünf AfD-Mitglieder in der Gesellschaft. Empörend sei, dass sich AfD-Politiker via Hayek als Liberale ausgeben könnten.

FDP-Chef Christian Lindner ist bereits vor zwei Jahren ausgetreten

Auch Geld spielt eine Rolle. Der 2016 verstorbene Papierindustrielle Edmund Radmacher hatte die Hayek-Stiftung mit drei Millionen Euro Kapital ausgestattet, seine Privatstiftung mit 20 Millionen Euro. Drei Viertel der Erträge aus Letzterer gehen ebenso an Hayek - doch nur, solange dort sein Vertrauter Gerd Habermann bestimmt: Auf Lebenszeit hat er dem Wirtschaftsphilosophen eine Schlüsselposition eingeräumt. Als Stifterwillen legte er fest: Nur solange Habermann die Stiftung leitet oder die Richtung diesem gefällt, fließt das Geld. Habermann stellt als Stiftungsvorsitzender monatlich 4500 Euro in Rechnung. Ohne ihn geht kaum etwas, was ihm innerhalb der Organisation auch erbitterte Gegner verschafft. Führende Mitglieder wollen, dass er "eingemauert" wird, so ist es in einer Mail aus Vorstandskreisen zu lesen. Wohin Habermann mit der Stiftung will und wie er zu der Kritik steht - darüber will er sich nicht öffentlich äußern.

Mit der Frage, wie rechts Hayekianer sein dürfen, rang die Gesellschaft bereits vor zwei Jahren, als die damalige Vorsitzende Karen Horn einen Machtkampf mit Habermann verlor und öffentlich beklagte, der Klub mache rechte Positionen salonfähig. Als Horn ging, nahm sie mehr als 50 Mitglieder mit. FDP-Chef Christian Lindner war darunter, der ehemalige EZB-Chefökonom Otmar Issing und der Wirtschaftsweise Lars Feld. Trotzdem blieben reichlich Prominente übrig: Hörgeräte-Hersteller Oliver Geers, Erich Sixt, Theo Müller (Müller-Milch), Melitta-Erbe Thomas Bentz oder Hans-Adam II. Fürst von Liechtenstein, geht aus der aktuellen Mitgliederliste hervor. Auch Neueintritte gibt es. Etwa der Münchner Unternehmer Siegfried von Hohenhau, ein Kritiker der Euro-Rettungspolitik. Zu den zwei Bürgen, die jeder Neuaufgenommene bekommt, zählt bei Hohenhau AfD-Bundestagskandidat Peter Boehringer. Wie die AfD halte er die Euro-Politik für hochgefährlich, schreibt Hohenhau auf Anfrage.

Boehringer war schon lange vor seiner Zeit bei der AfD in der Hayek-Gesellschaft. Ein weiteres AfD-Mitglied, Beatrix von Storch, kam zu Hayek auf Betreiben Habermanns und noch vor der Spaltung und dem Rechtsruck der AfD im Sommer 2015; viele Liberale verließen die Partei. Beatrix von Storch blieb, in Partei und bei Hayek, fiel immer wieder durch provokante Positionen auf. Immerhin rang man sich bei Hayek nach langem Streit durch, Storch um ihren freiwilligen Austritt zu bitten. Sie blieb - und antwortete, dass sie Einladungen zu Vorträgen "unter dem Hayek-Schirm" abgelehnt habe, um kein Öl ins Feuer zu gießen. "Im Hinblick auf meine Person scheint ein verzerrtes Medienbild zu existieren", schreibt sie. "Es wäre daher besser gewesen, meine Positionen durch Vorträge bei Hayek-Veranstaltungen darzustellen". Inzwischen lässt sie die Mitgliedschaft ruhen - und beantwortet Fragen zu ihrer Mitgliedschaft nicht, genauso wenig wie Alice Weidel. Mit der AfD-Spitzenkandidatin, die ihr heutiger Kritiker Günter Ederer einmal selbst vorgeschlagen hatte, hat man bei Hayek trotz ihrer neuen Position kein Problem: Man zolle Weidel natürlich Respekt, heißt es seitens der Gesellschaft.

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Streit gibt es bei der Gesellschaft auch um die "Juniorenkreise Politik" - Veranstaltungen, in denen Studierende an Hayek herangeführt werden sollen. Manch ein Besucher berichtete irritiert, dass dort AfD-Inhalte statt Hayeks Gedanken vermittelt würden. An der Organisation des Juniorenkreises ist Dirk Friedrich beteiligt, der Brüssler Büroleiter von Beatrix von Storch. In eine interne Juniorenkreis-Chatgruppe stellte er schon mal eine Rede von AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen. Ein ehemaliger Teilnehmer beklagte in einem Brief an Habermann, er habe in dem Kreis AfDler angetroffen, die "rassistisch mit Begriffen wie biodeutsch argumentierten"; Versammlungsleiter Friedrich stelle die Nato-Mitgliedschaft infrage und setze auf eine Annäherung an Russland - auch dies AfD-Positionen, schreibt der Mann.

Auch wegen der Kritik an den Juniorenkreisen wurde deren Budget für 2017 gekürzt, sagt Peer Ederer. Habermann stimmte zunächst zu, organisierte jedoch dann 50 000 Euro, bei mindestens zwei Spendern, so zeigen es Mails Habermanns an Vorstandskollegen. Habermann habe ihm die Namen zweier prominenter Industrieller aus dem Hayek-Kreis als Spender genannt. Beide äußern sich auf Anfrage nicht. Genauso wenig wie Friedrich. Auch er bürgt für Neumitglieder. Früher hat er für den FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler gearbeitet. Während sein Parteichef Lindner ging, ist Schäffler bei Hayek geblieben.

Immerhin distanzierte er sich öffentlich von der Zeitschrift eigentümlich frei, für die er früher regelmäßig schrieb und bei der Habermann im Redaktionsbeirat saß und als Autor geführt ist. Mit AfD-nahen Themen befeuere das Magazin des Publizisten André Lichtschlag zunehmend den Kurs der Neuen Rechten, befindet der Rechtsextremismus-Forscher Alexander Häusler von der Hochschule Düsseldorf. Die Zeitschrift sei "die Schnittstelle und der Multiplikator der Neuen Rechten hinein ins bürgerlich-liberale Spektrum", die Kernzielgruppe der Hayek-Gesellschaft.

Im Redaktionsbeirat von eigentümlich frei sitzt auch der Wirtschaftsphilosoph Hardy Bouillon, dem Haberland ein Stipendium aus Hayek-Mitteln hat zukommen lassen. Für einen hohen fünfstelligen Betrag verfolgt Bouillon jetzt ein Buchprojekt "zur Theorie negativer Selektion bei Hayek und Popper". Das Thema sei dem Antragsteller beim Verfassen seines letzten Buches gekommen, heißt es im Förderantrag. Seine Gedanken stünden aber erst "im Anfangsstadium ihrer Entwicklung". Nicht nur die Ederers finden es rätselhaft, warum ausgerechnet dieses Projekt gefördert werden soll. Bouillon will sich auf Nachfrage nicht äußern.

Peer Ederer bleiben viele Zweifel, auch nach seinem Austritt. Die Mitgliedschaft beendet er mit dem Satz: "Mit den Führungsgremien der Hayek-Gesellschaft verbindet mich kein gemeinsames Verständnis dessen, was Einsatz für die Freiheit bedeutet".

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