Eigentlich muss erst verdient und dann verteilt werden. Die umgekehrte Reihenfolge erfordert von Kanzlerin Merkel höchstes politisches Geschick.
Das neue Jahr läuft gut an, scheinbar. Die deutschen Unternehmen geben sich selbstbewusst. "Wir werden 2010 der Konkurrenz enteilen", ist ein typischer Satz aus den Grußbotschaften der Konzernchefs, oder wenigstens: "Wir kommen kraftvoll aus der Krise." Auch viele Mittelständler strotzen vor Optimismus, zumindest im Vergleich zu der Verzagtheit, die vor einem Jahr geherrscht hat. Die Wirtschaft wird wieder wachsen, um ein, vielleicht sogar zwei Prozent.
Bundeskanzlerin Angela Merkel - ein verkorkster Start in die zweite Amtszeit. (© Foto: dpa)
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Auch die Bürger könnten sich nicht beklagen, heißt es. "Ab sofort hat jeder netto mehr", titeln die Boulevard-Medien, und sie haben recht beim Blick vor allem auf Kindergeld und Steuerentlastung. Es gibt 20 Euro mehr für jedes Kind, der Kinderfreibetrag steigt, auch der Steuer-Grundfreibetrag. Der Spitzensteuersatz (42 Prozent) beginnt bei einem etwas höheren Einkommen. Bei den Gesundheitskosten können höhere Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung als bisher von der Steuer abgesetzt werden. Wird also alles gut? Leider nicht.
Die Entlastung der Bürger fällt weit geringer aus, als sie verspricht. Sie summiert sich für die öffentlichen Haushalte zu Milliardenausfällen, bringt dem Einzelnen aber nur wenig. 20 Euro pro Monat und Kind, einige Dutzend Euro bei der Einkommensteuer, mehr ist es nicht. Im Gegenzug kündigen sich weit höhere Abgaben in anderen Bereichen bereits an. An der allgemeinen Situation, dass der Staat seit Jahrzehnten und immer unverfrorener vor allem bei der Mittelschicht und bei den Familien zugreift, ändert sich nichts.
Diese Situation wird dadurch verschärft, dass die volkswirtschaftliche Lage keineswegs so schön ist, wie manche sie reden. Die Krise ist keineswegs ausgestanden. Das zu erwartende bescheidene Wachstum setzt auf einem beispiellosen Einbruch 2009 auf.
Vielen, vor allem kleineren Firmen wird 2010 die Luft ausgehen, die Arbeitslosigkeit daher steigen. In diesen Zusammenhang passen düstere Worte der Bundeskanzlerin. In ihrer Neujahrsansprache hat Angela Merkel die Erwartungen auf eine baldige ökonomische Erholung gedämpft. "Wir können nicht erwarten, dass der Wirtschaftseinbruch schnell vorbei sein wird", prophezeite die Kanzlerin. "Manches wird gerade im neuen Jahr erst noch schwieriger, bevor es wieder besser werden kann."
Diese Worte mögen eine polit-taktische Motivation haben, um anhebende Unbekümmertheiten zu bremsen. Warum Maßhalten, wenn doch alles gut läuft? Am 13. Januar beginnen die Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen; gefordert werden in der Summe fünf Prozent; in guten Zeiten wäre das kein Problem.
Als unbekümmert gilt weithin auch die FDP, die partout nicht von Steuersenkungen lassen will. Dabei haben die Liberalen hier gute Argumente. Sie verweisen auf Wahlversprechen der Koalition, mehr noch auf die Motivationslage der Mittelschicht. In dieser Frage ist die Koalition allen Kritikern zum Trotz zum Erfolg verdammt. Steuersenkungen sind kein Allheilmittel, aber sie wären ein wichtiges Indiz dafür, dass die Koalition Mittelstand und -schicht wertschätzt und deren zentrale Rolle für den Erhalt des Wohlstandes im Land anerkennt.
Das Land braucht seine Leistungsträger erst recht dann, wenn ab 2011 parallel zur hoffentlichen Verfestigung des Aufschwungs die nächste Stufe der Regierungspolitik drankommt, die Konsolidierung der Haushalte. Ohne ausreichendes Wachstum wird das nicht gehen, aber auch nicht ohne Sparen. Dabei sind Verteilungskämpfe programmiert, die eine klare Prioritätensetzung erzwingen. Gefördert werden muss alles, was helfen kann, mehr Leistung und Wirtschaftswachstum zu generieren.
Deutschland ist ein Sozialstaat und wird das bleiben, um seines Selbstverständnisses willen und zur Sicherung des inneren Friedens. Das war schon Ludwig Erhard wichtig, der aber auch wusste: Es muss erst verdient werden, was dann sozial verteilt werden kann. Diese Zusammenhänge politisch umzusetzen, erfordert die höchste Kunst des Regierungshandelns. Vielleicht auch deshalb klingt die Kanzlerin fast verzagt.
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(SZ vom 04.01.2010/mel)
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Frau Merkel hat in diesem Beitrag nur die Aufhängerrolle. Kernthema ist die Anklage, dass der Staat seine Leistungsträger angeblich nicht genügend wertschätzt und ihre zentrale Rolle für den Wohlstand nicht sehen will. Statt dessen würde der Staat unverfroren bei der Mittelschicht und bei den Familien zugreifen. Nur zur Klarstellung: Der Staat zahlt einer Familie mit zwei Kindern, die über ein Einkommen von 100.000 Euro verfügt, monatlich 368 Euro Kindergeld und gewährt zusätzlich einen Steuerfreibetrag von 7008 Euro. Doch nicht schlecht, nicht wahr? Nun wäre es allerdings sehr interessant zu erfahren, was Herr Beise unter Mittelschicht und Leistungsträgern wirklich versteht. Meint er die Reinigungskraft, die im Krankenhaus für Hygiene sorgt; die aufopfernd tätige Pflegekraft in einem Altenheim; die unterbezahlte Kindererzieherin, die auch das behütete Aufwachsen der Kinder von Ober- und Bonusschichten begleitet; die Polizisten, die für Recht und Ordnung sorgen und dafür, dass Fußballmillionäre unbeschadet von Gewalt ihren Sport ausüben können; die Soldaten, die im Hindukusch ihr Leben lassen, damit Hedgefondsmanager und Börsenzocker unbehelligt in Freiheit ihren Geschäften nachgehen können?
Bevor solche Fragen beantwortet sind, geht Herr Beise erneut zum Angriff über. In einem gestern ganzseitig in der Printausgabe der SZ veröffentlichten Interview unter dem unfassbaren Titel Wider die Verteufelung der Leistungsträger (leider online bis zur Absendung dieses Forenbeitrages nicht veröffentlicht) werden jetzt sogar philosophische Weihen eingefordert. Der Philosoph Peter Sloterdijk, vielen Lesern aus der ZDF-Talksendung Philosophisches Quartett bekannt, wo er als Gesprächsleiter der Runde sicher ein bekömmliches Zubrot einstreicht, fordert eine Debatte über die neue Rolle des Staates und die Abschaffung der Zwangssteuern. Dieses Interview sollte jedermann/frau gelesen haben und erkennen, wie geschickt man ein Zwiegespräch lenken kann. Immer wieder versucht Beise Sloterdijk in die gelbe Ecke zu stellen (Muss jemand, der so denkt, wie Sie, FDP wählen?). Es ist halsbrecherisch, was in diesem Interview abgeht. Natürlich hören wir auch wieder die bekannten Floskeln von den oberen 20%, die 70% der Einkommenssteuern aufbringen müssen. Weder Philosoph noch Wirtschaftskundiger unternehmen indes auch nur ansatzweise den Versuch, die Gründe für dieses Ungleichgewicht aufzuzeigen und Lösungen zu benennen, wie eine gerechtere Gesellschaft möglich wäre
die Gehälter und vor allem die üppigen Pensionen der Beamten und damit der Politiker und politischen Spitzenbeamten einzufrieren?
Einen nennenswerten Teil der möglichen Einsparungen kann der Staat dann ausgeben, um die nach TVÖD ziemlich gebeutelten Kollegen aufzustocken. Alleine den Unterschied zwischen Pension und Rente auszugleichen kostet den Angestellten etwa 4000 p.a. über volle 40 Arbeitsjahre.
Merkel folgt lediglich einer bis dato erfolgreichen Route von Nick Leeson bis Bernie Madoff oder Ackermann bis Goldman Sachs: Mit den Werten anderer Leute wird jongliert, bis eine schöne schillernde Seifenblase entsteht, ein Hologramm, so greifbar wie das flüchtigste Gas dieser Erde.
Die die Muße haben, das zu bewundern, werden noch nicht mal so schlecht unterhalten - die die Energie dazu zu liefern haben, dürfen reinhauen, daß die Schwarte knackt. Die ganz unten haben zu all dem nicht mal Zutritt. die dürfen sich für einen Euro im Monat was zusammenträumen von einem besseren Jenseits. Die sind dann auch noch Freiwild für die, die von unzivilisiertem Pack schwadronieren.
Im übrigen: Sprechen Sie von sich in der dritten Person? Und dann noch im Plural? Na servas.
Von welchem Kasernenhof sind Sie denn ausgebrochen? Sie sind ein Kandidat dafür, das Rufzeichen aus der Tastatur zu bombardieren.
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