Hartz IV und die Mittelschicht Das Märchen vom Absturz

Die Mittelschicht muss sich offenbar nicht sorgen: Laut einer Untersuchung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, ist die Furcht vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit weitgehend unbegründet. Die Ergebnisse der Studie sind auch politisch brisant.

Von Claus Hulverscheidt

Die angebliche Angst vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit ist offenbar weitgehend unbegründet. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Demnach erzielte statistisch betrachtet nur einer von tausend Hartz-IV-Empfängern vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ein monatliches Bruttogehalt von über 3500 Euro. Selbst der Anteil derer, die zuvor 1500 Euro und mehr verdient hatten, lag bei gerade einmal zehn Prozent.

"Ehemalige Durchschnitts- und Besserverdiener sind bei Hartz-IV nur ein Randphänomen", sagte der Direktor Arbeitsmarktpolitik des Instituts, Hilmar Schneider. Zwar sei der Anteil früherer Gutverdiener an der Zahl der Hartz-IV-Empfänger womöglich ein wenig höher, als das in der Statistik zum Ausdruck komme, weil mancher vor dem Sturz in die Arbeitslosigkeit einen schlecht bezahlten Aushilfsjob angenommen habe. "Das ändert aber nichts an der Grundaussage unserer Untersuchung", betonte er.

Die Ergebnisse der Studie sind auch politisch brisant, weil sowohl die Regierungsparteien CDU, CSU und FDP als auch die SPD die vermeintlich wachsende Furcht der Mittelschicht vor einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Absturz zum Anlass für Gesetzesänderungen genommen hatten.

So verlängerte die frühere große Koalition die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf bis zu 24 Monate, um zu verhindern, dass ältere, ordentlich verdienende Beschäftigte nach Jahrzehnten im Beruf binnen zwölf Monaten auf Hartz-IV-Niveau abrutschen können. Die neue schwarz-gelbe Regierung erhöhte zudem im letzten Herbst das sogenannte Schonvermögen. Das ist jener Teil des eigenen Kapitals, den ein Arbeitsloser nicht aufgebraucht haben muss, bevor er Hartz-IV-Leistungen erhält.

"Übrig bleiben die, die ohnehin schlechte Chancen haben"

In der Praxis befinden sich unter den Empfängern von Arbeitslosengeld-II aber kaum Menschen mit großen Vermögen. Das wird auch daran deutlich, dass laut IZA 80 Prozent der Betroffenen bei ihrer letzten Anstellung nicht einmal 1000 Euro im Monat verdient hatten. 50 Prozent mussten sich sogar mit einem Verdienst von weniger als 500 Euro zufrieden geben.

Zwar beruht die Untersuchung auf Zahlen des Jahres 2007, weil neuere nicht verfügbar sind. Es gibt aber bislang keinerlei Hinweise darauf, dass sich durch die jüngste Wirtschaftskrise in der Hartz-IV-Struktur etwas grundsätzlich verändert haben könnte.

Anders als beim Arbeitslosengeld-II sind unter den Empfängern von Arbeitslosengeld-I auch viele besser qualifizierte Gutverdiener vertreten. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) lag die Quote der Jobsuchenden, die über Abitur und/oder einen Hochschulabschluss verfügen, Ende vergangenen Jahres bei 20 Prozent. "Das sind aber diejenigen, die auch am ehesten und am schnellsten wieder einen neuen Job finden", sagte IZA-Direktor Schneider. "Übrig bleiben die, die ohnehin schlechte Chancen haben, eine Stelle zu finden, die sie wirtschaftlich besser stellt als das Hartz-IV-Einkommen."

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