Die Mittelschicht muss sich offenbar nicht sorgen: Laut einer Untersuchung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, ist die Furcht vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit weitgehend unbegründet. Die Ergebnisse der Studie sind auch politisch brisant.
Die angebliche Angst vieler Durchschnittsverdiener vor einem Absturz in die Langzeitarbeitslosigkeit ist offenbar weitgehend unbegründet. Das geht aus einer Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.
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(© SZ-Graphik)
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Demnach erzielte statistisch betrachtet nur einer von tausend Hartz-IV-Empfängern vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ein monatliches Bruttogehalt von über 3500 Euro. Selbst der Anteil derer, die zuvor 1500 Euro und mehr verdient hatten, lag bei gerade einmal zehn Prozent.
"Ehemalige Durchschnitts- und Besserverdiener sind bei Hartz-IV nur ein Randphänomen", sagte der Direktor Arbeitsmarktpolitik des Instituts, Hilmar Schneider. Zwar sei der Anteil früherer Gutverdiener an der Zahl der Hartz-IV-Empfänger womöglich ein wenig höher, als das in der Statistik zum Ausdruck komme, weil mancher vor dem Sturz in die Arbeitslosigkeit einen schlecht bezahlten Aushilfsjob angenommen habe. "Das ändert aber nichts an der Grundaussage unserer Untersuchung", betonte er.
Die Ergebnisse der Studie sind auch politisch brisant, weil sowohl die Regierungsparteien CDU, CSU und FDP als auch die SPD die vermeintlich wachsende Furcht der Mittelschicht vor einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Absturz zum Anlass für Gesetzesänderungen genommen hatten.
So verlängerte die frühere große Koalition die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes auf bis zu 24 Monate, um zu verhindern, dass ältere, ordentlich verdienende Beschäftigte nach Jahrzehnten im Beruf binnen zwölf Monaten auf Hartz-IV-Niveau abrutschen können. Die neue schwarz-gelbe Regierung erhöhte zudem im letzten Herbst das sogenannte Schonvermögen. Das ist jener Teil des eigenen Kapitals, den ein Arbeitsloser nicht aufgebraucht haben muss, bevor er Hartz-IV-Leistungen erhält.
"Übrig bleiben die, die ohnehin schlechte Chancen haben"
In der Praxis befinden sich unter den Empfängern von Arbeitslosengeld-II aber kaum Menschen mit großen Vermögen. Das wird auch daran deutlich, dass laut IZA 80 Prozent der Betroffenen bei ihrer letzten Anstellung nicht einmal 1000 Euro im Monat verdient hatten. 50 Prozent mussten sich sogar mit einem Verdienst von weniger als 500 Euro zufrieden geben.
Zwar beruht die Untersuchung auf Zahlen des Jahres 2007, weil neuere nicht verfügbar sind. Es gibt aber bislang keinerlei Hinweise darauf, dass sich durch die jüngste Wirtschaftskrise in der Hartz-IV-Struktur etwas grundsätzlich verändert haben könnte.
Anders als beim Arbeitslosengeld-II sind unter den Empfängern von Arbeitslosengeld-I auch viele besser qualifizierte Gutverdiener vertreten. Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) lag die Quote der Jobsuchenden, die über Abitur und/oder einen Hochschulabschluss verfügen, Ende vergangenen Jahres bei 20 Prozent. "Das sind aber diejenigen, die auch am ehesten und am schnellsten wieder einen neuen Job finden", sagte IZA-Direktor Schneider. "Übrig bleiben die, die ohnehin schlechte Chancen haben, eine Stelle zu finden, die sie wirtschaftlich besser stellt als das Hartz-IV-Einkommen."
(SZ vom 18.02.2010/jcb/mel)
Gysi gegen Lafontaine
Wer über Fünfzig findet denn noch einen passabel bezahlten Job falls die Firma in Insolvenz geht. Das man nicht gleich in HIV landet könnte ja auch daran leigen daß zuerst Vermögen aufgezehrt werden muss.
Und wer erst einige Zeit ohne Beschäftigung war gilt für viele Personaler doch nicht mehr als ernstzunemehmender Kandidat für eine Stellenvergabe (was andere nicht wollen brauchen wir auch nicht).
Das IZA arbeitet mit ähnlicher oder gleicher Zielrichtung wie die INSM. Nach dem Motto, getrennt Marschieren, vereint Siegen.
Das IZA lehnt einen flächendeckenden Mindestlohn ab. Naja, es kommt noch viel besser: Das IZA propagiert eine weitere Anhebung des Rentenalters und eine weitere Lockerung (sprich faktische Aufhebung) des Kündigungsschutzes. Der IZA-Direktor für Arbeitsmarktpolitik, Hilmar Schneider, hat die Idee einer Arbeitslosen-Auktion, bei der Unternehmen Arbeitskräfte ersteigern können. Dem Vernehmen nach soll er bei der betreffenden Aussage zwar gut gelaunt, aber nüchtern gewesen sein.
Alles klar?
Ein Institut mit solchem Menschenbild (Menschenverachtung wäre treffender) würde zur Not wahrscheinlich auch Statistiken vollständig kreieren (künstlerisch erschaffen). Das ist in diesem Falle aber nicht notwendig gewesen. Da hat man die vorhandenen Zahlen nur kreativ ausgewertet.
Vielen Dank für die Hintergrundinformation. Ich frage mich immer und immer ärgerlicher, wie es möglich ist, dass "Wissenschaftler" so einfältig und eindimensional argumentieren können, wie dieser Professor Zimmermann. Ich gehe davon aus, dass Hulverscheidt das richtig aufgeschrieben hat. Ich erinnere mich, dass Robert Feynmann , Nobelpreisträger für Physik derartige Wissenschaften als absolut untragbar und verlogen gegeißelt hat.
Der Artikel ist nicht seriös, sondern wirkt wie bestellt und ist es wohl auch.
Sog. Aufstocker, die neben ihrem Einkommen Ergänzende Harz4-Leistungen erhalten, weil von ihrer Arbeit nur ihr Arbeitgeber, nicht aber sie selbst leben können, sind offenbar nicht berücksichtigt. Das ein Gutverdiener im gehobenen Segment mit 50+ noch einen "richtigen" Job findet, widerspricht völlig meinen bisherigen Erfahrungen. Über 50-jährige IT-Spezialisten oder andere gutdotierte Arbeitnehmer im gleichen Alter geraten im Falle von Arbeitslosigkeit an den Rand der Gesellschaft. D.h., sie fallen aus der "normalen" Arbeitswelt heraus. Ihnen bleiben nur schlecht bezahlte Tätigkeiten oder kurzzeitige Anstellungen "auf Probe", welche die Arbeitsämter einige Zeit lang bezuschussen. Häufig werden sie letztendlich von ihren Fallmanagern in eines der Arbeitsverhältnisse gezwungen, von denen man nicht leben kann, auch nicht sehr bescheiden. Ich selbst bin im betreffenden Alter und kenne eine Reihe von ehemaligen Kollegen mit dieser Art von "Karriere", welche bei Arbeitsplatzverlust die Regel und nicht die Ausnahme ist. Bereits über 45-jährige zählen in bestimmten Branchen zum Alten Eisen. Einmal arbeitslos geworden, haben auch ehemalige Führungskräfte kaum noch eine Chance. Wer nicht unbedingt muss tut sich den Harz-4-Horror wahrscheinlich nicht an. Erst wird das Ersparte aufgezehrt und dann ab in die Frührente. Diese ist dann erheblich niedriger als geplant und das Depot und die Sparbriefe sind dann weg, die Lebensversicherung beliehen und Frau und Kinder mussten ebenfalls Federn lassen. Wer keine größeren Rücklagen hat, findet sich dann als sog. 1-Jobber wieder. Als 1-Jobber sind -meinem Empfinden nach- in München mehr Akademiker unterwegs als BMW beschäftigt hat.
Da dieser Personenkreis nicht als arbeitslos gezählt wird, kommt er auch nicht in die ALG-II-Statistik hinein. Da sind keine Aufstocker oder geringfügig Beschäftigten mitgezählt, sondern nur die, die garnichts tun. Man braucht nur die bereits vom Gesetzgeber "ver"fälschten Statistiken mit einem klaren Ziel "auszuwerten", dann bekommt man das gewünschte Ergebnis.
Dieses wird gebraucht, denn hat nicht das Bundesverfassungsgericht soeben jedem Bundesbürger Menschenwürde zugestanden?
Ausdrücklich sogar auch ALG-II (Hartz-4)-Empfängern? Das war ein Schlag ins Gesicht für die FDP, die INSM und den Wirtschaftskreis der CDU/CSU. Da musste man gegenhalten. Und wenn's mit einer derartigen Studie ist, die besagt: Es geht nicht um Dich, lieber Normalbürger, sondern nur um die Asozialen (die OHNE Geld in der Schweiz). Und in deren Situation kommst du, als normaler Arbeitnehmer, NIE. Wer länger als ein Jahr arbeitslos ist war schon immer asozial oder ist beschränkt. Zumindest nach dieser Studie.
Der Präsident dieses Instituts (IZA) ist übrigens der uns allen bekannte Klaus Zumwinkel. Interessanter aber ist der CEO und Direktor Klaus F. Zimmermann, der zugleich auch Präsident des DIW in Berlin ist. (Das DIW ist also personell mit dem IZA verbunden.) Zimmermann ist 2009 bei einer Buchprüfung des Landesrechnungshofes Berlin der Fehlverwendung öffentlicher Mittel beschuldigt worden. Jetzt braucht Herr Zimmermann Verbündete in der derzeitigen Bundesregierung ....
Ein Schelm, der Böses dabei denkt!
Der Artikel zur Studie könnte auch von Marc Breise, einem bewährten neoliberalen Kampfschreiber der SZ, sein.(Herr Hulverscheidt war mir bisher noch nicht unangenehm aufgefallen)
Paging