Hartz-IV-Risiko für Jugendliche München und Dresden gut, Berlin schlecht

Das Hartz-IV-Risiko für Jugendliche in deutschen Großstädten ist sehr unterschiedlich: Besonders gering ist es in München und Dresden. Schlecht schneiden hingegen Berlin und Städte aus dem Ruhrgebiet ab.

Von Thomas Öchsner, Berlin

In Europa wird Deutschland beneidet: Nirgendwo ist die Jugendarbeitslosigkeit so niedrig wie in der Bundesrepublik. Trotzdem gibt es immer noch mehr als eine halbe Million 15- bis 24-Jährige, die ohne Grundsicherung (Hartz IV) nicht leben können, vor allem in Großstädten.

Das Risiko, von der staatlichen Hilfe abhängig zu sein, ist jedoch in den großstädtischen Regionen sehr unterschiedlich. Das geht aus einer Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hervor, die auf amtlichen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit beruht und der Süddeutschen Zeitung vorliegt. In München benötigen danach nur 5,1 Prozent dieser Altersgruppe Hartz IV. Keine andere Metropole schneidet so gut ab. Auf den Plätzen zwei bis vier folgen Dresden mit einer Quote von 9,6 Prozent, die Stadtregion Aachen (10,0) und Nürnberg (10,2 Prozent). In Berlin ist der Anteil der Jugendlichen im Hartz-IV-System dagegen besonders hoch.

Bundesweit waren Mitte diesen Jahres 8,8 Prozent aller Menschen von 15 bis 24 Jahren Hartz-IV-Empfänger. Von solchen Zahlen kann Berlin nur träumen: In der Hauptstadt bezog im Juli fast ein Fünftel (19,2 Prozent) der Jugendlichen Hartz-IV-Leistungen. An zweiter Stelle innerhalb von 14 untersuchten Städteregionen liegt Duisburg mit einer Hilfequote von 17,4 Prozent, noch vor Dortmund und Bremen. Wie düster es in Berlin aussieht, zeigt auch ein Blick auf die Kinder unter 15 Jahren: Hier waren im Juli 2012 sogar mehr als ein Drittel auf Hartz IV angewiesen.

Laut der DGB-Auswertung waren nicht alle 534.000 Hartz-IV-Bezieher im Alter von 15 bis 24 Jahren arbeitslos. Dies traf nur auf 300.000 zu. In der Untersuchung heißt es deshalb: "Das Verarmungsrisiko dieser Jugendlichen ist offensichtlich längst nicht immer Ausdruck nur eigener beruflicher Integrationsprobleme, sondern relativ oft auf das Fehlen existenzsichernder Arbeitsplätze der Eltern zurückzuführen." Hinzu kämen niedrigere Bildungschancen.

Drittel der jungen Hartz-IV-Empfänger hat Schulden

In der Analyse wird darauf hingewiesen, dass es an Hauptschulen dreimal öfter arme Schüler gebe. "Eltern armer Kinder entscheiden sich häufiger gegen weiterführende Schulen, weil ihre Kinder früher Geld verdienen sollen. Aber auch finanzieller Stress und familiäre Konflikte gehen schnell mit schulischem Versagen einher", schreibt DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy in der Studie. So hätten 17 Prozent der arbeitslosen Jugendlichen im Hartz-IV-System keinen Schulabschluss. Andere Untersuchungen zeigten, dass bereits ein Drittel der 18- bis 24-jährigen Hartz-IV-Empfänger Schulden habe.

Adamy ist deshalb überzeugt: "Erfolgsmeldungen beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit spiegeln die sozialen und beruflichen Herausforderungen der Jugendlichen nur unzureichend wider." Er fordert "neue Formen von Arbeiten und Lernen, die auch schulmüden Jugendlichen Mut machen können". Außerdem sei es nötig, solche jungen Leute bei Fördermaßnahmen kontinuierlich zu betreuen, um die Chancen auf einen dauerhaften Ausstieg aus Hartz IV zu erhöhen. Bislang sei dies zu selten der Fall. In der Analyse heißt es: "Selbst von jenen, die den Ausstieg aus dem Hilfebezug schaffen, fallen relativ viele nach einer gewissen Zeit wieder auf Hartz IV zurück."