Hartz IV: Befragung von 10.000 Betroffenen "Selten ein Ruhekissen"

Es gibt viele Vorurteile gegen die Empfänger von Sozialleistungen. Forscher räumen nun in einer großangelegten Studie mit solchen Ressentiments auf.

Von Thomas Öchsner

Anfang diesen Jahres warnte der FDP-Vorsitzende und Bundesaußenminister Guido Westerwelle davor, "die Mitte" der Gesellschaft zu vergessen und Empfängern sozialer Leistungen zu viel Beachtung zu schenken. "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein", schrieb der FDP-Chef in einem Aufsatz.

Kritiker des Hartz-IV-Systems, die schon immer Zweifel an der Arbeitswilligkeit der Hilfsbedürftigen hatten, fühlten sich bestätigt, obwohl Westerwelle sich dazu gar nicht geäußert hatte. Auch der ehemalige Berliner Finanzsenator, Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin, hat Langzeitarbeitslose immer wieder angegriffen. "Wer als Hartz-IV-Empfänger die Kraft für ein Ehrenamt hat, sollte vielleicht auch mal die Kraft aufbringen, sich um Arbeit zu bemühen", sagte er.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das zur Bundesagentur für Arbeit gehört, wollte es nun genau wissen. Die Forscher befragten repräsentativ 10.000 Hartz-IV-Empfänger. Das Ergebnis: "Nur eine sehr kleine Minderheit nennt Gründe, die als direkte Hinweise auf eine fehlende Arbeitsmotivation gedeutet werden können."

Lieber kein Umzug

Aus der IAB-Studie geht hervor, dass der Bezug von Arbeitslosengeld II (Hartz IV) "nur selten ein Ruhekissen ist": 65,5 Prozent, etwa drei Millionen, tun etwas Nützliches, zählt man das Betreuen von Kindern unter 15 Jahren dazu. Allerdings sind nur 60 Prozent rechtlich verpflichtet, sich eine Stelle zu suchen. Die anderen nicht, etwa weil sie als Alleinerziehende ein Kind unter drei Jahren haben. Von denjenigen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, gaben etwa zwei Drittel an, in den letzten vier Wochen nach einem Job gesucht zu haben. Doch nur jeder Vierte wurde im Vormonat der Befragung zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die Forscher werten dies als Indiz, dass es nicht an der mangelnden Motivation liegt, wenn Langzeitarbeitslose ohne Job bleiben.

Nach der Untersuchung ist die Arbeitsmotivation der Hilfsbedürftigen sogar höher "als die der übrigen Bevölkerung". 80 Prozent bekundeten, eine Arbeit unter ihrem Qualifikationsniveau aufnehmen zu wollen. Die geringsten Zugeständnisse machten die Jobsuchenden beim Umzug. Nur knapp ein Drittel zeigte sich bereit, für eine Arbeit den Wohnort zu wechseln.

1,8 Millionen Kinder bekommen Hartz IV

Die Zahl der Empfänger der staatlichen Grundsicherung beläuft sich derzeit auf etwa 6,8 Millionen. Davon sind 1,8 Millionen Kinder. Aus den Analysen des IAB ergibt sich, dass mehr als eine Million Hilfsbedürftige in den fraglichen vier Wochen nicht nach einer Stelle gesucht haben. Daraus den Schluss zu ziehen, sie kassierten Geld vom Steuerzahler, "ohne sich um einen Gegenleistung zu bemühen, wäre allerdings zu kurz gegriffen", heißt es in der Studie. Denn bei diesen Personen handelt es sich um sogenannte Aufstocker, also Hartz-IV-Empfänger, die arbeiten, aber zu wenig verdienen, um davon leben zu können.

Zu dieser Gruppe zählen Menschen mit Schulkindern und einem Teilzeitjob, der ebenfalls nicht für die Existenzsicherung ausreicht. Viele, vor allem Ältere, nennen auch gesundheitliche Gründe, warum sie nicht nach Arbeit suchen. "Daneben spielt vor allem Entmutigung nach langer, erfolgloser Suche eine Rolle", schreiben die Forscher.

Sie warnen deshalb davor, eine noch härtere Gangart "gegenüber den überwiegend motivierten Grundsicherungsempfängern" einzulegen. Stattdessen plädieren die Wissenschaftler dafür, die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zu verbessern und auf ihre individuelle Situation mehr einzugehen.