Bundeskanzlerin Merkel hat die Industrie bei der Eröffnung der Hannover Messe als "Stabilitätsanker der Weltwirtschaft" gelobt - mahnte aber gleichzeitig zu mehr sozialer Verantwortung in der Wirtschaft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat an die Wirtschaft appelliert, sich ihrer Verantwortung im Rahmen der Marktwirtschaft zu stellen und mehr ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen. Zum Auftakt der Hannover-Messe sagte Merkel am Sonntagabend, es sei zwar gelungen, die Zahl der Beschäftigten über 55 Jahren von 40 auf jetzt 50 Prozent zu steigern.

(© Foto: ddp)

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"Aber wenn immer noch fast jeder zweite über 55 Jahren bei der heutigen Lebenserwartung keine Chance mehr in der Wirtschaft hat, dann kann etwas nicht stimmen." Die deutsche Industrie ihrerseits forderte von der großen Koalition weitere Reformen, bekannte sich aber auch zu ihrer eigenen Verantwortung für Arbeitsplätze und für die Akzeptanz der Marktwirtschaft in der Bevölkerung.

"Die Industrie hat sich als der Stabilitätsanker der Weltwirtschaft erwiesen", sagte Merkel mit Blick auf die Krise an den Finanzmärkten bei der Eröffnungsfeier. Auf der weltgrößten Industriemesse präsentieren 5.100 Unternehmen aus 62 Ländern fünf Tage lang Zukunftstechnologien für Produktion und Infrastruktur. Im Mittelpunkt der Leistungsschau stehen Erzeugnisse der Energie- und Automatisierungstechnik.

"Wir sind stolz, dass wir ein Industrieland sind", betonte Merkel. Trotz aller Entwicklungen des Dienstleistungssektor wolle man das auch bleiben. Als besonderes Prunkstück des industriellen Fundamentes Deutschlands bezeichnete Merkel den Maschinenbau. In 21 der 31 Branchen des Maschinenbaus sei Deutschland Weltmarktspitze. "Das leistet eine großen Beitrag dazu, dass Deutschland Exportweltmeister sein kann", betonte sie.

Der Maschinenbau habe in Deutschland in den vergangenen zwei Jahren 150.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Dies sei ein toller Erfolg und seit den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders wieder einmal ein richtiger Boom. Die Hannover Messe habe in den über 60 Jahren ihrer Existenz nichts von ihrer Attraktivität verloren, betonte Merkel zudem. "Sie war und ist die größte Industriemesse der Welt."

Gedämpft optimistisch zu Konjunkturaussichten

Merkel appellierte jedoch auch an die Wirtschaft, sich ihrer Verantwortung im Rahmen der Marktwirtschaft zu stellen und mehr ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen. Es sei zwar gelungen, die Zahl der Beschäftigten über 55 Jahren von 40 auf jetzt 50 Prozent zu steigern, sagte die Bundeskanzlerin. "Aber wenn immer noch fast jeder zweite über 55 Jahren bei der heutigen Lebenserwartung keine Chance mehr in der Wirtschaft hat, dann kann etwas nicht stimmen."

Mit Blick auf die Finanzmarktkrise sagte Merkel: "Ich würde nicht von einer Krise der sozialen Marktwirtschaft sprechen." Aber diese Krise verstärke Sorgen und manchmal auch Angst der Menschen vor den Folgen der Globalisierung und damit die Gefahr eines Vertrauensverlustes. Darum müsse für die "Bindekraft der Marktwirtschaft" stets neu geworben werden: "In der sozialen Marktwirtschaft hat nicht nur die Politik sondern haben eben auch Unternehmen und Gewerkschaften Verantwortung." Die Marktwirtschaft habe stets bewiesen, dass sie sich auf neue Herausforderungen gut einstellen könne, sagte die Kanzlerin weiter.

Gedämpft optimistisch äußerte sich Merkel über die Konjunkturaussichten in Deutschland. Aus der Finanzmarktkrise seien eine Reihe von Unsicherheiten erwachsen. Es gebe aber gute Aussichten, "dass Deutschland weniger betroffen wird als andere". Jetzt zahle sich aus, dass sich die deutschen Unternehmen in den letzten Jahren den Herausforderungen der Globalisierung gestellt hätten.

In Deutschland werde sich der Reformbedarf aber weiter fortsetzen, sagte Merkel. Die Bundesregierung wisse etwa, dass das Rentenalter erhöht werden müsse.

Bei der Messe-Eröffnung mahnte auch BDI-Präsident Jürgen Thumann weitere Reformen an. Im internationalen Wettbewerb könne niemand stehenbleiben. "Liebe, verehrte Frau Bundeskanzlerin, bei aller Wertschätzung und Anerkennung: Deutschland hat immer noch Reformbedarf", betonte er. Bedarf für Reformen sah der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie bei der Erbschaftssteuer, der staatlichen Forschungsförderung und in der Bildung.

Shinzo Abe verlangt gemeinsame Klimaschutzanstrengungen

Die Notwendigkeit von Reformen hob auch der ehemalige japanische Premierminister Shinzo Abe hervor, der das diesjährige Partnerland Japan auf der Hannover Messe vertritt. Japan und Deutschland stünden vor den gleichen strukturellen Problemen, sagte Abe. Nachhaltiges Wachstum könnten beide Länder nur mit der Realisierung technischer Innovationen erreichen.

Abe verlangte, sich gemeinsam den globalen Umweltproblemen zu stellen. Deutschland und Japan müssten sich innerhalb der internationalen Gemeinschaft für eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen einsetzen.

Auf der Hannover Messe präsentieren 5.100 Unternehmen aus 62 Ländern fünf Tage lang Zukunftstechnologien für Produktion und Infrastruktur. Im Mittelpunkt der Technologieschau stehen Erzeugnisse und Systeme der Automatisierungs- und Energietechnik. Für das Publikum öffnet die Messe am Montagmorgen ihre Tore.

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(sueddeutsche.de/AP/dpa/AFP/jkr)