Handelsüberschuss Sechs Gründe für den deutschen Exportüberschuss

Der deutsche Exportüberschuss hat viele verschiedene Gründe. Kritiker fokussieren sich häufig nur auf einzelne Aspekte.

(Foto: dpa)
  • Kritiker beschweren sich häufig über die hohen deutschen Exportüberschüsse. Doch der Handel wird nicht nur von der nationalen Wirtschaftspolitik gelenkt.
  • Auch der Euro-Wechselkurs, Rohstoffpreise und andere Faktoren beeinflussen, wie viel Deutschland importiert und wie viel es exportiert.
Von Catherine Hoffmann

Die Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz werden größer und größer. Nicht alle freuen sich darüber. Vor allem im Ausland wird beklagt, dass die deutsche Wirtschaft aus dem Lot geraten sei: Die deutschen Überschüsse sind die Defizite der anderen, der USA, Großbritanniens und Frankreichs. Die Bundesregierung müsse einsehen, dass die wirtschaftliche Stärke des Landes "in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar ist", sagte der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron erst vor wenigen Tagen.

So ein Überschuss bedeutet, dass Deutschland Jahr für Jahr mehr Autos, Maschinen und andere Dinge und Dienstleistungen ins Ausland verkauft, als es selbst von dort bezieht. Der Saldo aus Exporten und Importen belief sich im vergangenen Jahr auf 8,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zu viel, findet Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds: "Vier Prozent mögen vielleicht gerechtfertigt sein, acht Prozent sind es nicht." Hinter der Kritik steckt der Vorwurf, dass Deutschland dem Rest der Welt schade und dass das gewaltige Handelsplus womöglich nicht auf faire Weise entstanden sei, sondern beispielsweise durch Währungsmanipulation. Was also sind die wichtigsten Gründe für den hohen Außenbeitrag Deutschlands? Ein Überblick.

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Wettbewerbsfähigkeit

"Die deutsche Wirtschaftspolitik hat in den vergangenen Jahrzehnten viel dafür getan, dass die Überschüsse hoch sind", sagt André Wolf, Ökonom beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). "Lohnzurückhaltung und Arbeitsmarktreformen haben die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gestärkt." Dass Deutschland im internationalen Kräftemessen stark ist, zeigen Indikatoren wie beispielsweise der Global Competitiveness Index des Weltwirtschaftsforums, in dem Deutschland den fünften Platz belegt; verglichen wurden 140 Länder. Harte Standortfaktoren wie die Qualifikation der Arbeitskräfte, die Qualität der Infrastruktur und die Innovationskraft der Unternehmen spielen in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle.

Euro-Wechselkurs

Aber auch die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) leistet einen entscheidenden Beitrag zum deutschen Leistungsbilanzüberschuss. Gemessen an der Exportstärke Deutschlands ist der Euro im Vergleich zu anderen wichtigen Währungen wie dem US-Dollar zu schwach. Deutsche Waren sind für Ausländer also relativ billig zu haben, das belebt das Geschäft der Exporteure. Wäre Deutschland nicht Teil des Euro-Raums, so wäre der Wechselkurs wohl gestiegen, hätte dämpfend auf die Exporte gewirkt und die deutsche Nachfrage nach Importen aus den dann günstigeren Nachbarländern gestärkt. Der Leistungsbilanzüberschuss fiele wohl deutlich geringer aus. Da die EZB aber eine Geldpolitik für die gesamte Währungsunion macht, sind die Zinsen tief und der Euro günstig. Die neue amerikanische Regierung wittert hier allerdings Manipulation. Sie hat Deutschland wiederholt vorgeworfen, mit Hilfe einer "krass unterbewerteten" Währung die USA und ihre Handelspartner in der EU zu übervorteilen.

Weltkonjunktur

Für geraume Zeit war die schwache Weltkonjunktur ein Bremsklotz für deutsche Exporteure. Sie litten darunter, dass große Schwellenländer wie China und Brasilien nicht so viele Waren "made in Germany" nachfragten wie erhofft. Doch diese Phase ist vorbei. Der IWF ist deshalb zuversichtlich. Er erhöhte seine Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr auf 3,5 Prozent, nach einem Anstieg von 3,1 Prozent 2016. Für 2018 erwarten die Experten des Fonds ein Plus von 3,6 Prozent. Davon profitieren auch deutsche Exporteure. Sie dürften sich auch über die geldpolitisch stimulierte Konjunkturerholung im Euro-Raum freuen, die dazu beigetragen hat, dass die Nachfrage aus dieser Region zunimmt. Damit allerdings nimmt auch der Anteil der Euro-Staaten am deutschen Leistungsbilanzüberschuss zu. Anders gesagt: Das Defizit der Euro-Mitglieder im Handel mit Deutschland wächst.

Rohstoffpreise

Der starke Verfall der Rohstoffpreise seit Mitte 2014 hat zusätzlich geholfen, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss im vergangenen Jahr einen neuen Rekordstand erreichte. Allein die fallenden Ölpreise trugen im Jahr 2016 etwa zwei Prozentpunkte zum Überschuss der Leistungsbilanz bei, rechnet der Sachverständigenrat (SVR) in seinem jüngsten Jahresgutachten vor. Denn es musste weniger Geld für Importe ausgegeben werden. Da Deutschland selbst kaum Bodenschätze besitzt, ist die Industrienation auf den Import von Rohstoffen angewiesen.

Löhne

Die relativ schwach steigenden Löhne in Deutschland haben dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren der Anteil der Haushaltseinkommen am verfügbaren Einkommen der Gesamtwirtschaft kontinuierlich gesunken ist. Dies hat sich in einer merklich gefallenen Konsumquote niedergeschlagen, die mit 53,4 Prozent um 3,5 Prozentpunkte unter dem Niveau der Jahre 1991 bis 2009 liegt, konstatieren die Wissenschaftler des SVR. Hierin liegt eine weitere Ursache für den steigenden deutschen Leistungsbilanzüberschuss, denn ein schwacher Konsum bedeutet auch schwache Importe. Ein stärkeres Wachstum des privaten Verbrauchs in Deutschland könnte umgekehrt also einen Beitrag zum Abbau des deutschen Leistungsbilanzüberschusses leisten.

Investitionen

"Der Leistungsbilanzüberschuss spiegelt auch die schwache Investitionstätigkeit in Deutschland wider", sagt Carsten Hefeker, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni Siegen. Viele Unternehmen ziehen es vor, im Ausland zu investieren, weil sie dort näher an ihren Kunden sind und oftmals günstigere Lohnkosten vorfinden als in Deutschland.

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