Handelsbarrieren Bloß keine Abschottung

Die Wirtschaft ist weltweit so stark vernetzt, dass Handelshemmnisse für alle zu Einbußen führen würden, warnen Experten.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Die deutschen Messegesellschaften sind beunruhigt, weil der Protektionismus in der Welt um sich greift. Noch sind die Veranstaltungen im In- und Ausland gut besucht. Doch ob das auch so bleibt?

Von Katharina Wetzel und Jan Willmroth

Es ist für viele Menschen mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, dass sie nahezu rund um die Uhr aus sämtlichen Erdteilen Waren beziehen können. Dennoch ist der internationale Handel nun zum Politikum geworden. Seit der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump und dem Brexit-Referendum stehen die Zeichen auf Abschottung. In Europa schüren rechtsextreme Parteien Ängste vor einer zunehmend globalisierten und vernetzten Welt. Was bedeuten die protektionistischen Tendenzen für die Weltwirtschaft und Messen als Plattformen des freien Handels? Gleich zur Eröffnung der Hannover-Messe am Sonntagabend erteilte Bundeskanzlerin Angela Merkel "Abschottung und Protektionismus eine klare Absage, weil sie auf Dauer immer wieder zu Verlusten führen." Die Messebranche ist besorgt - auch wenn die Geschäfte derzeit noch überaus gut laufen.

Christian Göke, Geschäftsführer der Messe Berlin, dürfte bei der Pressekonferenz zur Reinigungsfachmesse CMS am Montag wohl genau hingehört haben, als Markus Asch sein Leid klagte. Asch ist der Vorsitzende des Fachverbandes Reinigungs-Systeme und spricht für die gesamte deutsche Reinigungsmaschinenindustrie. Eigentlich verzeichnete die Branche im ersten Quartal ein stabiles Geschäft im Inland. Doch das Auslandsgeschäft war "turbulent", sagte Asch. Dort spürte die Branche verstärkt Unsicherheiten, "so etwa seit den Wahlen in den USA und seit dem Brexit-Referendum in Großbritannien". Insbesondere im Vereinigten Königreich seien die ungünstigen Wechselkursentwicklungen schon merklich zu spüren gewesen. "Diese verminderten die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie."

Dem Berliner Messechef Göke können solche Sorgen nicht egal sein. Denn wenn Kunden und Aussteller wegen zunehmender Unsicherheit und wegen Wettbewerbsnachteilen ausblieben, hätte schnell auch die Messegesellschaft ein Problem. Momentan sieht es noch nicht danach aus. Im Gegenteil: Aufgrund der starken Aussteller-Nachfrage aus dem In- und Ausland wird die Messe Berlin eine zusätzliche Halle auf dem Berlin ExpoCenter City bespielen, wenn vom 19. bis 22. September die Reinigungsfachmesse stattfindet.

"Ein Handy made in Germany wäre ein Luxusprodukt für die oberen Zehntausend."

Doch die Sorgen bleiben. Die Unsicherheit ist groß. Angesichts der Androhung von Strafzöllen durch US-Präsident Donald Trump und seines Kurses "Amerika zuerst", sind Wirtschaftsexperten alarmiert. "Strafzölle wären Sand im Getriebe der Weltwirtschaft, durch das weltumspannende Lieferketten gestört würden", sagt Professor Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums beim Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. Zudem wären solche Handelshemmnisse nicht mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) kompatibel. Kooths glaubt nicht, dass die USA Zollmauern auf bestimmte Produktgruppen einführen werden. "Damit würden sich die Amerikaner auch ins eigene Fleisch schneiden, weil ökonomische Turbulenzen in der EU auch vitale Interessen von US-Unternehmen gefährden." Die Umsätze US-amerikanischer Firmen im EU-Binnenmarkt seien etwa fünf Mal so hoch wie die Exporte aus den USA in die EU. Ebenso wenig glaubt Kooths, dass der "Dealmaker" Trump die Zuwanderung hochqualifizierter Fachkräfte beschränken werde: "Diese nehmen niemandem einen Arbeitsplatz weg, ihre Ausbildungskosten tragen die auswärtigen Länder und in den USA sorgen sie für Wachstum und zahlen Steuern." Kooths hält solche Szenarien daher eher für unwahrscheinlich, warnt aber dennoch vor populistischen Parolen: "Es ist ein Irrglaube, dass eine Regierung durch Protektionismus den Wohlstand im eigenen Land fördern kann", sagt Kooths. "Durch Abschottung werden die Länder nur ärmer." Nicht nur Firmen, sondern auch Konsumenten mit geringem Einkommen könnten durch die Globalisierung von niedrigeren Preisen profitieren. "Ein Handy made in Germany wäre ein Luxusprodukt für die oberen Zehntausend."

Roland Fleck, Vorstandssprecher in der Gemeinschaft deutscher Großmessen (GDG), sieht derzeit noch keine Auswirkungen der protektionistischen Umtriebe auf die Messebranche. "Doch man muss die Entwicklungen intensiv beobachten", sagte Fleck der Süddeutschen Zeitung Ende März in Shanghai. Gefährlich könne die Entwicklung werden, wenn sich eine Spirale der gegenseitigen Abschottung in Gang setze und mehrere Länder in Folge Strafzölle erheben würden. Von einem solchen Szenario gehen Experten zwar nicht aus.

Käme es doch anders, wären zuerst Konsumgüter von neuen Handelshemmnissen betroffen. Lebensmittel und Kleidung zum Beispiel lassen sich relativ leicht durch inländische Produkte ersetzen, wenn ein Land sich stärker abschotten will. Bei hochwertigen Konsumgütern ist das nicht so einfach, bei kapitalintensiven Investitionsgütern schon gar nicht. Werner Dornscheidt, Chef der Messe Düsseldorf, ist recht gelassen, wenn man ihn in diesen Tagen auf den um sich greifenden Protektionismus anspricht. Die Düsseldorfer haben mit der Boot und dem Caravan-Salon nur zwei Konsumgütermessen im Programm - und die dort ausgestellten Nischen-Produkte gehören nicht zu denen, die Länder sofort versuchen auszusperren.

An den Buchungszahlen der Messe lässt sich nach den ersten vier Monaten des Jahres jedenfalls kein Einbruch des internationalen Geschäfts ablesen. Die Messe liegt bisher über Plan. "Die Befürchtungen halten sich bei uns sehr in Grenzen", sagt Dornscheidt. "Vom Brexit ist im Messewesen bislang kaum etwas zu spüren. Was genau da auf uns zukommt, hängt von den Verhandlungen ab." Aus den USA habe sich das anfangs extremer angehört. Aber auch dort werde sich die wirtschaftliche Vernunft durchsetzen, ist Dornscheidt überzeugt.

Auch für die Messe Frankfurt stehen die Interessen der Aussteller und Besucher derzeit im Mittelpunkt. "Als gute Kaufleute tragen wir im Sinne unserer Kunden dafür Sorge, dass auf unseren Plattformen auch zukünftig Handelsbeziehungen entstehen und gepflegt werden können", sagt Wolfgang Marzin, Frankfurter Messechef, und ergänzt: "Die Messewirtschaft steht für Handel ohne Barrieren." Angesichts des Bedarfs, etwa bei der Automechanika Birmingham, baut die Messe die Aktivitäten in Märkten wie Großbritannien, USA, Russland und in der Türkei weiter aus.

Messe-Düsseldorf-Chef Werner Dornscheidt hatte bereits Anfang des Jahres angekündigt, wieder stärker im Ausland wachsen zu wollen. Die Düsseldorfer Messe hat aus ihren großen Branchenmessen Dachmarken geformt und veranstaltet Ableger der Kunststoffmesse K oder der Verpackungsmesse Interpack unter anderem Namen im Ausland. Mittelfristig, ohne festen Termin, sollen wieder 30 Prozent des Messe-Umsatzes aus dem Ausland kommen. Derzeit liegt der Anteil zwischen 15 und 16 Prozent - vor allem die westlichen Sanktionen gegen Russland haben zuletzt das internationale Geschäft der Messe belastet. "Aber auch das scheint sich etwas zu verbessern. Alles in allem bin ich verhältnismäßig optimistisch", sagt Dornscheidt.

Noch kein Grund zu großer Sorge, aber auch keine große Euphorie: Irgendwo dazwischen muss man die Messe-Geschäftsführer derzeit verorten. Feststeht, dass sie alle genau beobachten, was in der Handelspolitik bevorstehen könnte.

Wie weit konkrete Zollerhöhungen oder Importbeschränkungen noch entfernt zu sein scheinen, zeigt die Hannover-Messe, die am Montag begonnen hat. 165 Unternehmen aus den USA stellen dort ihre Neuheiten aus. "Das ist eine Steigerung von mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 2015", sagt Wolfgang Kossert, Sprecher der Deutschen Messe. In den ungeraden Jahren ist die internationale Industrieleistungsschau stets größer als in den geraden. 6500 Aussteller aus 70 Nationen und mehr als 200 000 Fachbesucher werden zur weltweit größten Industrieschau in der niedersächsischen Landeshauptstadt erwartet. Von irgendwelchen negativen Auswirkungen in den Handelsbeziehungen sei auch dort keine Spur, sagt Kossert. Im vergangenen Jahr hatte der frühere US-Präsident Barack Obama noch gemeinsam mit Angela Merkel die Hannover-Messe eröffnet. Dieses Jahr tat dies die Bundeskanzlerin zusammen mit Beata Szydło, Ministerpräsidentin des Partnerlandes Polen.

Aber auch, wenn der neue US-Präsident der Messe fernbleibt: Mit seinen Abschottungsplänen und der allgemeinen Verunsicherung ist er trotzdem am Ort.