Interview: S. Liebrich

Einst war er Entwicklungshelfer, jetzt ist er Ökobauer. Felix Prinz zu Löwenstein über die Katastrophe von Haiti sowie gute und schlechte Entwicklungshilfe.

Der promovierte Agrarökonom und Ökolandwirt Felix Prinz zu Löwenstein hat in den achtziger Jahren als Entwicklungshelfer in Haiti gearbeitet. Heute ist der 55-Jährige Präsident des Dachverbandes der deutschen Biolebensmittelwirtschaft BÖLW und betreibt einen Hof in Hessen.

Löwenstein, Foto: dpa

Felix Prinz zu Löwenstein, Agrarökonom und Ökolandwirt, war Entwicklungshelfer in Haiti. (© Foto: dpa)

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SZ: Prinz Löwenstein, was haben die schrecklichen Bilder des Erdbebens bei Ihnen ausgelöst?

Felix Prinz zu Löwenstein: Ich bin zutiefst schockiert. Eines meiner Kinder ist in Port-au-Prince zur Welt gekommen. Die Katastrophe trifft eines der ärmsten Länder der Welt, das sich nicht selbst helfen kann. Die unglaublich hohe Zahl der Opfer wird nach dem Beben vermutlich noch weiter dramatisch steigen, weil es an den einfachsten Dingen wie Trinkwasser fehlt. Diese Bilder sehen zu müssen, zerreißt einem das Herz!

SZ: In welchem Zustand haben Sie das Land damals vorgefunden?

Löwenstein: Haiti lebte schon damals im Wesentlichen von dem, was von außen hereinkam. Meine Aufgabe war es, ein Bewässerungssystem wieder einzurichten und eine Selbstverwaltung der Bauern zu organisieren. Das Schwierige daran war, dass es in Haiti keinen funktionierenden Staatsapparat gab. Es galt das Recht des Stärkeren.´

SZ: Der Hunger in armen Ländern hat also vor allem politische Ursachen?

Löwenstein: Ganz überwiegend. Ein wesentliches Problem in vielen armen Ländern ist die fehlende Rechtssicherheit. In Haiti ist das ein Hauptgrund für die entsetzliche Bodenerosion: Weil der einzelne Bauer keinen sicheren Eigentumstitel für seine Äcker hat, fehlt der Anreiz, sie zu schützen. Denn wenn er den Wert seiner Flächen erhöht, wächst die Gefahr, dass sie ihm von einem Mächtigeren weggenommen werden.

SZ: Haiti ist seit Jahrzehnten auf Entwicklungshilfe angewiesen. Doch alle Bemühungen scheinen vergeblich.

Löwenstein: Das Beispiel Haiti zeigt auch, dass es naiv ist zu glauben, dass sich mit Hilfe von Geld und Technologie irgendwie alle Probleme lösen lassen. Das Land hat zudem den Punkt, an dem noch eine Umkehr möglich gewesen wäre, längst hinter sich gelassen.

SZ: Meinen Sie damit den Raubbau an der Natur?

Löwenstein: Ja. Ein großer Teil des fruchtbaren Ackerbodens wurde ins Meer gespült. Die massive Abholzung auf der Insel hat dramatische regionale Klimaveränderungen ausgelöst. So ist der Nordosten des Landes, das einmal eines der ertragreichsten Anbaugebiete der gesamten Karibik war, zur Wüste geworden. Haiti wird deshalb für immer auf den Import von Nahrungsmitteln angewiesen sein.

SZ: Einige Kritiker vertreten die Ansicht, dass die Entwicklungshilfe armen Ländern mehr schadet als nutzt.

Löwenstein: Das kann man nicht so generalisierend sagen. Es gibt viele Beispiele, wie durch falsche Hilfe Schaden angerichtet und nichts als Abhängigkeit erzeugt wurde. Ich kann Ihnen aber auch von Projekten berichten, die den Menschen wirklich helfen.

SZ: Was unterscheidet denn gute von schlechter Entwicklungshilfe?

Löwenstein: Schwierig wird es vor allem dort, wo korrupte staatliche Stellen involviert sind und ein großer Teil des Geldes über die europäischen Bankkonten der Mächtigen in unsere eigenen Volkswirtschaften zurückkehrt. Hinzu kommt, dass sich die Regierenden fast nie trauen, eine eigene Vision von der Entwicklung ihres Landes zu entwickeln, um dann zu entscheiden, welche Hilfe sie weiterbringt und welche nicht.

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