Von Michael Bauchmüller und Klaus Ott

Deutsche Güterzug-Unternehmen sollen ihre Waggons schärfer überwachen - doch der Verkehrsminister warnt.

Europas Eisenbahnen müssen nach dem schweren Güterzugunglück in Italien mit drastischen Auflagen und Einschränkungen rechnen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) will verhindern, dass weite Teile des Güterverkehrs auf der Schiene zum Stillstand kommen.

Güterzüge, ddp

Güterzüge bei Hamburg: Das Eisenbahn-Bundesamt will stärkere Kontrollen bei den Waggons durchsetzen. (© Foto: ddp)

Anzeige

In einem der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Brief an das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) schreibt Tiefensee, er sei besorgt darüber, in welchem Zustand sich ein großer Teil der "Güterwagenflotte" in der Europäischen Union (EU) befinde. Er unterstütze das EBA bei dessen Bemühungen, für mehr Sicherheit im Güterverkehr zu sorgen. Das Eisenbahn-Bundesamt solle nach Lösungen suchen, "ohne gleichzeitig den gesamten Schienengüterverkehr in Europa faktisch lahmzulegen".

Großes Entsetzen

Das in Bonn ansässige EBA, das dem Verkehrsministerium unterstellt ist, kontrolliert den Bahnverkehr in Deutschland. Nach dem Unglück im italienischen Viareggio am 29. Juni, bei dem 24 Menschen starben, hat die Bonner Behörde alle Eisenbahnunternehmen in Deutschland angewiesen, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen zu prüfen. In Viareggio war die Achse eines Gaswaggons gebrochen, der dann explodierte. Die Unternehmen mussten dem EBA bis zum Freitag mitteilen, welche Maßnahmen aus ihrer Sicht notwendig seien. Das EBA will bei mehreren "Sicherheitskonferenzen" mit den Unternehmen und mit Aufsichtsbehörden aus ganz Europa beraten, ob sämtliche Güterwagen aufwendig kontrolliert werden müssen. Die Bonner Behörde könnte dann entsprechende Anordnungen erlassen.

Beim Staatsunternehmen Deutsche Bahn (DB) und bei Privatbahnen ist das Entsetzen groß. "Damit wird europaweit der komplette Güterverkehr lahmgelegt", hieß es bei der DB. Bei Güterwaggons seien die Kontrollen der Achsen oftmals aufwendiger als bei Personenzügen. Auch die Organisation der privaten Eisenbahnen (Netzwerk Privatbahnen) wandte sich gegen "übertriebene Reaktionen", die der Branche schwer schaden könnten. Sollten die Kontrollen verschärft werden, müssten sich einzelne Unternehmen "Sorgen um ihre Existenz machen", äußerte Arthur-Iren Martini, der Chef des Netzwerks Privatbahnen.

Weitere Auflagen im Gespräch

Das EBA verweist darauf, dass dem Unglück in Italien bereits etliche Vorfälle vorausgegangen seien. Nach Angaben der Bonner Behörde waren von 2004 bis 2009 bei acht Güterwagen die Radsatzwellen gebrochen. Vier dieser Güterzüge seien in der Schweiz unterwegs gewesen, je zwei in Deutschland und in Österreich. Der letzte Vorfall hatte sich im April 2009 ereignet. Das EBA hatte daraufhin erste Maßnahmen verfügt und erwägt nun weitere Auflagen.

Die Deutsche Bahn muss bereits ihre Hochgeschwindigkeitszüge viel öfter als früher warten, nachdem vor einem Jahr in Köln die Radsatzwelle eines ICE gebrochen war. Die Staatsanwaltschaft Köln, die den Vorfall untersuchte, stellte ihre Ermittlungen am Freitag ein. Der Vorfall sei auf Fehler bei der Herstellung der Achse zurückzuführen, erklärte die Staatsanwaltschaft. Für die Verantwortlichen bei der Bahn seien diese Mängel nicht erkennbar gewesen.

Die Bahn verlangt nun Schadenersatz von den Herstellern der ICE-Züge, den Konzernen Siemens, Bombardier und Alstom. Als Folge des Achsbruchs hatte die DB viele ICE nur eingeschränkt einsetzen können, die Ticketerlöse sanken. Die Bahn beziffert den Schaden auf 250 Millionen Euro. "Die Hersteller müssen in vollem Umfang haften", sagte der CSU-Bundestagsabgeordnete Georg Brunnhuber der SZ. Er gehört dem Aufsichtsrat der DB an. Falls keine gütliche Einigung möglich sei, werde die Bahn Schadenersatzklagen einreichen, sagte Brunnhuber. "Da hat der Vorstand die volle Unterstützung des Aufsichtsrats."

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de/AP/tob/mel)