Grundeinkommen Das Experiment

Seit Jahresanfang bekommen 2000 ausgeloste arbeitslose Finnen 560 Euro monatlich- bedingungslos und steuerfrei, 24 Monate lang. Das Experiment ist umsstritten. Juha Järvinen wurde ausgelost und sagt, das Grundeinkommen habe ihm ein neues Leben gegeben.

Von Silke Bigalke, Stockholm

Seit Testbeginn im Januar gab es einige Rückschläge für Juha Järvinen. Bis Juni hat der Finne gebraucht, um sein Unternehmen anzumelden. Schuld war ein Behördenfehler, sagt er. Mit der neuen Firma will er nun Hochzeits- und Werbevideos drehen, doch bisher fehlt das Geld für die Kamera. Er habe sich um Start-up-Förderung bemüht, mit den Schuldenbergen aus der letzten Pleite sei das jedoch aussichtslos. Und dann bekam er zum Firmeneinstand auch noch eine Lungenentzündung. Ohne das Grundeinkommen, sagt Järvinen, wäre alles schrecklich gewesen. So aber bleibt er optimistisch: "Ich fühle mich immer noch wie ein Gewinner."

Juha Järvinen ist einer von 2000 arbeitslosen Finnen, die für ein Experiment ausgelost wurden: Seit Jahresanfang erhalten sie 560 Euro im Monat, bedingungslos und steuerfrei, 24 Monate lang. Das Grundeinkommen ersetzt ihre Arbeitslosenhilfe, sie bekommen also nicht mehr Geld als vorher. Der Unterschied ist: Sie bekommen es auch dann noch, wenn sie einen Job finden oder sich selbständig machen. Die Regierung möchte testen, ob sich mehr Menschen um Arbeit bemühen, wenn sie dadurch keine Sozialleistungen verlieren.

Eine Expertengruppe hatte dafür zuvor verschiedene Modelle vorgeschlagen, das Experiment ist letztlich aber viel kleiner ausgefallen als empfohlen. Das Budget sei mit 20 Millionen Euro recht begrenzt, die Zeit für die Planung war zu knapp, beklagt Olli Kangas von der finnischen Sozialversicherungsanstalt Kela. Sie verteilt das Grundeinkommen. Das Experiment ist in Finnland umstritten, auch wenn die meisten Finnen einer Umfrage zufolge für das Grundeinkommen sind. Die Kritik zieht sich durch fast alle Parteien: Manchen ist das Experiment zu teuer, anderen zu kleinteilig. Viele kritisieren, dass nur Arbeitslose zwischen 25 und 58 Jahren ausgelost wurden, keine Studenten, keine Freiberufler, keine Geringverdiener. Andere bemängeln, dass das Grundeinkommen im Test steuerfrei ist und die Teilnahme nicht freiwillig. Auch die Experten hatten der Regierung bereits vor dem Start im Januar empfohlen, das Experiment auszuweiten und weitere Tests anzuschließen. Doch dazu sei immer noch nichts entschieden, klagt Olli Kangas, der auch die Forschungsgruppe geleitet hat.

Das weltweite Interesse am finnischen Experiment sei ungebrochen hoch, sagt Kangas. So hoch, dass Kela die Medien zwischendurch gewarnt hat, nicht nach den anonymen Test-Teilnehmern zu suchen, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Järvinen war einer der wenigen, die von sich aus an die Öffentlichkeit gegangen sind. Den sechsfachen Vater hat die pure Euphorie dazu getrieben: Er sagt, das Grundeinkommen habe ihm ein neues Leben gegeben. Ohne dieses garantierte Geld hätte er sich nach der ersten Pleite wohl nie wieder getraut, etwas Eigenes anzufangen. Auch wenn ihm die Ausrüstung für seine Filmfirma noch fehlt, hat er im Juli Geld verdient: Er hat das Dach des Nachbarn repariert und konnte ihm dank neuer Firma einfach eine Rechnung stellen. Er hat in Norwegen Kurse gegeben, wie man Trommeln baut. Er hat einige seiner Trommeln verkauft. Ob es nun klappt mit der Filmfirma oder nicht, sagt er, "ich finde immer etwas anders zu tun."