Auf die Bürger kommen gewaltige infrastrukturelle Projekte zu. "Stuttgart 21" ist erst der Anfang, der Ausbau von Stromnetzen, Flughäfen und Autobahnen muss folgen. Die Deutschen mögen solche Projekte nicht, doch sie sind nötig.
Es war ein kurzer Abschnitt in der Haushaltsrede der Bundeskanzlerin, aber es könnte der Beginn von Größerem gewesen sein. Inmitten einer kämpferischen Rede am vergangenen Mittwoch im Bundestag legte sich Angela Merkel fest: Sie steht hinter den Bauplänen für den neuen, tief gelegten Hauptbahnhof Stuttgart, und ihre CDU in Baden-Württemberg soll mit diesem Projekt, gegen das die Kritiker mobilisieren wie seit den Zeiten der Antikernkraftbewegung nicht mehr, siegen oder untergehen.
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Sofort begannen die politischen Beobachter eine angeregte Diskussion darüber, warum die Kanzlerin gegen ihre sonstige Gewohnheit bei diesem heiklen Thema Position bezogen habe und ob das klug gewesen sein. Es ist wahr, Politiker haben meist einen Hintergedanken, und vieles ist taktisch motiviert, aber soll man das Thema nicht lieber von der Sache her packen? Halten wir fest, dass sich die Kanzlerin Merkel, die so oft Zaudernde, in schwieriger Lage und gegen eine öffentliche Stimmung auf ein Großprojekt festgelegt hat. Das könnte tatsächlich der Anfang einer Standfestigkeit sein, die das Land seit der Agenda-2010-Politik des Bundeskanzlers Gerhard Schröder kaum je erlebt hat.
Merkels Festlegung ist bitter nötig. Wenn Deutschland die Zukunft noch gewinnen will - und es ist schon viel Zeit vergeudet worden - kommen gewaltige Projekte auf die Bürger zu. Das betrifft einerseits Umbaumaßnahmen im übertragenen Sinne wie die Neuausrichtung des Rentensystems in einer Gesellschaft, in der immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren sollen. Und es betrifft andererseits sehr viel handgreiflicher Infrastrukturprojekte, die wortwörtlich viel Staub aufwirbeln.
Stuttgart 21 ist der Anfang
Der Bahnhof "Stuttgart 21", der das Schienennadelöhr im Südwesten auflösen soll, ist da nur ein Detail. Der Umbau der Energiegesellschaft weg von der Kernenergie wird in ganz anderen Dimensionen ins Leben der Deutschen eingreifen. Stromleitungen und -netze müssen quer durch Deutschland geführt, weitere Windanlagen aufgestellt, neue Kohlekraftwerke gebaut werden. Die wachsende Mobilität der Gesellschaft und die unentwegt fortschreitende Globalisierung fordert die Erweiterung der großen deutschen Flughäfen. Autobahnen müssen verbreitert werden, wenn das Land nicht den Laster-Infarkt erleiden will.
Sobald aber ein solches Thema aufkommt, sind die Deutschen dagegen. Sie wehren sich gegen ein maßvolle Verlängerung der Lebensarbeitszeit, obwohl diese über Jahrzehnte gestreckt eingeführt wird, so als gebe es nicht den immer längeren aktiven Lebensabend. Sie sind gegen neue Kraftwerke; warum auch, der Strom kommt ja schon aus der Steckdose. Sie wollen keine breiteren Autobahnen, als ob man den Strom der Transitlastwagen aus Mittel- und Osteuropa einfach ausschalten kann wie den Trafo bei der Modelleisenbahn.
Gut und böse
In der Kritik stehen alle: die Projekte selbst, die Firmen, die sie umsetzen und damit - horribile dictu - Geld verdienen wollen, und die Politiker, die die rechtlichen Voraussetzungen für die Investitionen schaffen. Man kann sich fragen, in welchem Verhältnis diese Sphären zueinander stehen. Schadet das schlechte Image der Politik den von ihr vorangetriebenen Großprojekten? Oder verliert die Politik an Zustimmung gerade wegen der von ihr geförderten Großprojekte? Oder ist es das zentrale Problem, dass Wirtschaftsinteressen eine Rolle spielen? Alles böse: Infrastruktur, Wirtschaft, Politik.
Dabei könnte man froh sein, dass es die Innovationskraft in der Wirtschaft noch gibt. Heute schon werden die hochgerüsteten und von Teilen der Bevölkerung beargwöhnten Premiumautos zum großen Teil fürs Ausland gebaut, Konzerne bieten ihre Kraftwerkstechnologie weltweit an, der Transrapid fährt in China statt in Deutschland. Schon folgen die Arbeitsplätze in Produktion und Entwicklung den Exportströmen, und am Ende könnte Deutschland sehen, wo es bleibt. Dies zu verhindern, ist Aufgabe der Politik. Es ist ihre Verantwortung, sich notfalls auch dem Zeitgeist entgegenzustellen, statt sich ihm prinzipienlos zu ergeben.
Ausweislich ihrer Rede im Bundestag möchte Angela Merkel sich dieser Aufgabe stellen. Sie will "eine große Debatte über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands führen". Das klingt gut, muss aber auf vielen Gebieten unterfüttert werden. Der Bau beginnt.
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(SZ vom 18.09.2010/aum)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
...muß mit einem unsinnigen Bahnprojekt zu horrenden Kosten und kaum meßbarem Nutzen legitimiert werden: Daß das schiefgeht liegt auf der Hand. Auch wenn Beise noch so sehr jault: Stuttgart21 ist ein Lügenprojekt und damit zukunftsfeindlich.
köstlich.
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Dieser Kommentar ist das Beste, was ich je zu dem Thema gelesen habe, er trifft ins Schwarze. Die Gegner von S 21 scheinen zu meinen, dass Hysterie allein schon der Beweis dafür sei, dass man Recht hat. Dem ist nicht so. Ich erinnere mich noch gut an die Proteste gegen den NATO-Doppelbeschluss von 1979. Gigantische Proteste im Vergleich mit denen die Anti-S 21-Bewegung ohnehin nur ein Sturm im Wassergals ist. Eine Menschenkette von Stuttgart bis Ulm. Dennoch blieb die Politik bei den gefassten Beschlüssen, und in der Rückschau zeigt sich klar, dass das auch der richtige Weg war. Der NATO-Doppelbeschluss setzte der Bedrohung durch die Sowjetunion Grenzen, führte bereits nach einigen Jahren zu einer wirklichen Abrüstung und hat letztlich die Auflösung des Sowjetimperiums vorbereitet. Hysterie ist noch kein Beweis dafür, dass jemand Recht hat. Das trifft auch auf die Gegner von S 21 zu. Herr Beise, halten Sie Kurs und schreiben Sie noch viele solche Kommentare!
würde es wohl anstehen, vor dem Schreiben eines Kommentars das Gehirn einzuschalten. Richtig, es kommen gewaltige Projekte auf uns zu, nur - es sind nicht unbedingt die, von denen Herr Beise redet:
Stuttgart 21: Fachleute warnen bereits, dass damit keineswegs das Schienennadelöhr im Südwesten aufgelöst wird, da die Anzahl der Gleise dafür nicht ausreicht. Zudem ist zu erwarten, dass die der Genehmigung zugrunde gelegten Kosten (wie bei allen derartigen Prestige-Projekten) nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten darstellen. Wenn man andererseits sieht, wie viele Strecken aufgrund maroder Anlagen nicht oder nur mit reduzierter Geschwindigkeit befahrbar sind, muss man doch nach dem Sinn dieses Projektes fragen.
Energieversorgung: Beise lässt sich ohne Murren vor den Wagen der Energiekonzerne spannen, denn es müssten keine neuen Kohlekraftwerke oder Überlandleitungen quer durch Deutschland gebaut werden, wenn die Energie standortnah und regional erzeugt würde (aber das passt den Konzernen ja nicht und Herr Beise verschwendet daran keinen Gedanken)
Neue Flughäfen: Wozu denn das? Auch hier gibt es bereits jetzt Alternativen (Videokonferenzen etc.) und die ökologischen Probleme durch den Flugverkehr dürften in den nächsten Jahren nicht wenige, sondern mehr werden.
Verbreiterung der Autobahnen: Auch das ist eine zutiefst rückwärtsgewandte Argumentation: ein Großteil der LKW-Transporte muss nicht auf der Straße erfolgen sondern wäre auf der Schiene besser aufgehoben. Aber Herr Beise braucht das Geld zum Ausbau des Schienennetzes ja lieber für Stuttgart 21.
Und dann dreht Herr Beise endgültig ab: In einem Rundumschlag sagt er den bösen Deutschen endlich mal, was Sache ist: Natürlich sind sie (in seinen Augen) gegen alles, was ihm lieb und teuer ist: Kernkraftwerke, Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Unternehmen, die Geld verdienen wollen. Ja Herr Beise: Simplify your brain! Das Leben ist einfach, wenn man das Denken derart plakativ und einseitig betreibt.
Die Zukunfts Deutschlands ist garantiert nicht von den größenwahnsinnigen Projekten einzelner Provinzpolitiker abhängig, sondern vielmehr von der Bildung aller und von der Forschung. Aber Beise zieht vor, das Geld in Autobahnen, Großkraftwerken, Flughäfen und Superbahnhöfen zu verbraten - so kann man die Zukunftsfähigkeit natürlich auch fördern...
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