Große Depression und die Kunst Tanzend in den Untergang

Dorothea Lange fotografierte 1936 eine Wanderarbeiterin und gab damit der Armut während der Großen Depression ein Gesicht.

Die Depression von 1929 ist noch heute ein Trauma für die Amerikaner. Sie ist das erste welthistorische Ereignis, das mit den Mitteln der Kunst systematisch begleitet wird.

Von Claus Hulverscheidt

Ein Lagerhaus, irgendwo in den Weiten Kaliforniens. Drei Stufen führen hinauf zur doppelflügeligen Tür, die ein wenig nach hinten versetzt ist und so Raum schafft für ein trapezförmiges Eingangspodest. Ein Mensch ruht darauf, eingehüllt in eine Decke, die Füße bequem übereinander geschlagen. Man sieht ihn kaum, denn das gesamte Bild ist in dasselbe helle Grau getaucht: die hölzerne Gebäudewand, die Tür, der Himmel, die Decke. Erst der Titel verrät, was auf dem Foto zu sehen ist: "Scheune in Grayson, Tod am Türeingang" hat Dorothea Lange ihr 1938 entstandenes Werk unterschrieben.

Fast neun Jahre sind in dem Moment, da Lange auf den Auslöser ihrer Kamera drückt, schon vergangen seit jenem vermaledeiten Aktiencrash des 24. Oktober 1929, der Amerika in die schlimmste Wirtschaftskrise des Jahrhunderts gestürzt hat. Noch heute kennen Menschen die Horrorerzählungen ihrer Vorfahren aus jener Zeit, als Geld erst zum Götzen und dann zum Alptraum eines ganzen Landes wurde. Dass die USA 2008, als erneut eine Spekulationsblase platzt, zu viel radikaleren Gegenmaßnahmen greifen als die Europäer, ist auch dem Trauma von 1929 und den Fehlern der damaligen Politiker geschuldet.

Doch die Große Depression, die sich so tief ins kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingraben wird, bedeutet nicht nur politökonomisch eine Zäsur, sie ist auch das erste welthistorische Ereignis, das systematisch mit den Mitteln der Kunst begleitet wird und dadurch die Kunst selbst verändert. Mit der damals immer noch recht jungen Ausdrucksform der Fotografie wird die Realität selbst zum Ausstellungsstück: Statt eine Interpretation der Wirklichkeit zu betrachten, die des Malers nämlich, blickt der Konsument nun dem Künstler gewissermaßen über die Schulter.

Schon um 1890 hat der neue Zweig der Dokumentarfotografie erstmals seine Fähigkeit bewiesen, die Kunst zu politisieren. Damals beginnt der New Yorker Polizeireporter Jacob Riis damit, die Elendsquartiere der Menschen an der Lower East Side zu fotografieren. Es sind verstörende Bilder, die er mitbringt, sie zeigen zerlumpte Männer, die in Kellerlöchern vor sich hin vegetieren, eingepferchte Familien und verwahrloste Kinder, die zwischen Schuttbergen auf Treppenabsätzen schlafen. Die Fotos, die Riis in Zeitungen und dann in seinem Buch "Wie die andere Hälfte lebt" veröffentlicht, zwingen die Stadtoberen zu einer Reform der Wohnungsbaupolitik und erlauben es der Oberschicht erstmals nicht mehr, die sozialen Probleme der Bevölkerungsmehrheit einfach zu ignorieren.

Drei Jahrzehnte später hat sich die Lage vieler Arbeiter kaum verbessert, doch der Wirtschaftsaufschwung, der in den 1920er Jahren einsetzt, nährt zumindest Hoffnungen. Erfindungen wie das Auto und der Kühlschrank verändern den Alltag, sie verheißen Status und ein weniger beschwerliches Leben. Der Jazz erobert das Land, die Tanz-Cafés sind überfüllt, der Tonfilm lockt die Menschen in die Kinos. Das Aktienfieber ergreift auch einfache Leute, sie wollen dabei sein beim Reichwerden ohne Anstrengung, notfalls auf Pump.

Doch unter den Brettern der Tanzsäle, hinter der Fassade aus Heiterkeit blubbert ein immer größer werdender Sumpf aus Problemen. An der Wall Street entfernten sich die Aktienkurse Tag für Tag weiter von der Realität, der Dow-Jones-Index, der mehr als 20 Jahre gebraucht hatte, um von 100 auf 200 Punkte zu steigen, verdoppelt seinen Wert nun binnen 20 Monaten ein weiteres Mal. Die Börse wird zum Kasino, die Einkommensungleichheit immer extremer, die Abhängigkeit von der Droge Kredit ständig stärker. Von einer "Massenflucht aus der Wirklichkeit", spricht später der Ökonom John Kenneth Galbraith.

Am 24. Oktober 1929 kehrt die Wirklichkeit zurück. An der Börse entlädt sich die Spannung in einem gewaltigen Gewitter, die Menschen verkaufen in Panik, reiche Zocker verlieren ebenso ihr gesamtes Hab und Gut wie Arbeiter und Mägde. Winston Churchill, der spätere britische Premier, wird in New York Zeuge einer der ersten Verzweiflungstaten: "Direkt unter meinem Fenster", so berichtet er, "hat sich ein Herr 15 Stockwerke in die Tiefe gestürzt."

An jenem Donnerstag verlieren Reiche ebenso ihr Hab und Gut wie Arbeiter und Mägde

Es ist eine Ironie, dass an jenem Donnerstagmorgen die junge Fotografin Margaret Bourke-White in die Katakomben der First National Bank of Boston hinabgestiegen ist, um die machtvolle Architektur der Tresorräume für ein Buch auf Papier zu bannen. Sie kontrastiert die verlassenen Gänge, die eisernen Gitterwände und meterdicken Stahltüren mit Bündeln heller Lichtstrahlen und erschafft so Räume von beinahe sakraler, zugleich aber kalt-bedrohlicher Schwere, die den Machtanspruch wie die Unbeweglichkeit der Banken symbolisieren: Als die Börsenkurse einbrechen, müssen die Herren ein paar Stockwerke höher hilflos mit ansehen, wie ihre scheinbar stabile Welt implodiert.

So einschneidend der "Schwarze Donnerstag", der in Europa "Schwarzer Freitag" genannt wird, für die Psyche der Amerikaner ist: Die direkten Folgen sind begrenzt. Nur wenige Bürger besitzen überhaupt Aktien. Es sind die Fehlentscheidungen der Politik, die aus einem Börsencrash eine Weltwirtschaftskrise werden lassen.

Aus Angst vor einer Inflation verzichten Regierung und Notenbank auf staatliche Investitionen und eine Senkung der Leitzinsen. Sie tun das Gegenteil - und lösen statt einer Inflation eine Deflation aus. Die Preise fallen, die Firmen müssen erst Tausende, dann Millionen Menschen entlassen, die fortan kein Geld mehr zum Einkaufen haben. Ein Teufelskreis. Auch Tausende Banken brechen zusammen, die Unternehmen erhalten kaum noch Kredite, die Wirtschaft trocknet buchstäblich aus.

Binnen drei Jahren gehen in den USA über hunderttausend Betriebe pleite, die Wirtschaftsleistung bricht um 30, der Dow-Jones-Index gar um 90 Prozent ein. Die Arbeitslosenquote schießt auf 25 Prozent in die Höhe. Da es keinerlei soziale Absicherung gibt, leiden Millionen Bürger Hunger. Am härtesten trifft es die Bevölkerung auf dem Land, das zusätzlich von Dürren geplagt wird. Mittellose Menschen ziehen als Wanderarbeiter umher, ernähren sich von Früchten, schlafen im Freien, sterben leise wie der unbekannte Tote von Grayson.

Auf einem Feld in Kalifornien, wo sie für die neue landwirtschaftliche Sozialbehörde als Dokumentarfotografin unterwegs ist, trifft Dorothea Lange 1936 auf eine Erbsenpflückerin, die sich mit einem kleinen Kind im Arm unter einem wackeligen Gestell aus Stöcken und Planen auf einer Obstkiste niedergelassen hat. Sechs Mal drückt Lange auf den Auslöser, eins der Bilder zeigt das braungebrannte, sonnengegerbte Gesicht der Mutter, die mit einer Hand an ihr Kinn fasst und sorgenvoll in die Ferne zu blicken scheint. Zwei der sieben Kinder verstecken sich hinter ihrem Rücken, man sieht nur ihre wuscheligen Hinterköpfe und die zerlöcherten Hemden.

Roosevelts New Deal wird zum Erfolg, weil er den Amerikanern ihren Optimismus zurückgibt

Es ist ein ebenso intimes wie ikonisches Porträt, das der unvorstellbaren Armut jener Zeit ein Gesicht gibt und bald zum Sinnbild der Großen Depression wird. "Migrant Mother" - "heimatlose Mutter" - nennt Lange das Foto, und tatsächlich sieht sich die Regierung nach dessen Veröffentlichung in Dutzenden Zeitungen dazu veranlasst, Lebensmittel in die Region zu liefern.

1935 war "Monopoly" herausgekommen - ein Spiel, das vor einem ungezügelten Kapitalismus warnen sollte und dann ins Gegenteil verkehrt wurde.

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Die Hilfen sind Teil des "New Deal", jenes gewaltigen Reformprojekts, das Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 nach dem Wahlsieg über seinen hilflosen Vorgänger Herbert Hoover gestartet hat. Er befreit die Notenbank von der Pflicht, auf Wunsch jeden Dollar in Gold umzutauschen, und ermöglicht damit eine Ausweitung der Geldmenge und eine Abwertung der Währung. Er schafft eine Renten- und Arbeitslosenversicherung sowie einen Einlagenschutz. Arbeitslose bauen Abertausende Gebäude, Straßen, Brücken und Flughäfen. Autoren ohne Job schreiben im Regierungsauftrag Reiseführer und Dokumentationen. Frauen nähen Bettzeug und Kleider für Kranken- und Waisenhäuser. Sogar für mittellose Künstler wird ein Programm aufgelegt: Sie entwerfen Plakate und Bilder für Regierungseinrichtungen. Einige der Kunstschaffenden werden später weltberühmt, Jackson Pollock etwa, auch Mark Rothko.

Doch so kreativ Roosevelt auch ist: Die direkten Auswirkungen des "New Deal" auf die Wirtschaft und die Arbeitslosenrate sind lange Zeit bescheiden. Und dennoch wird das Programm ein Erfolg, denn mit seiner Kombination aus starken Worten und entschlossenen Taten gelingt es dem Präsidenten schließlich, den Amerikanern nach Jahren der Mühsal, der Armut und auch des Hungers ihre wichtigste Kraftquelle zurückzugeben: ihren Optimismus. Endlich geben sie ihre Kaufzurückhaltung auf lockern damit den Griff an die Gurgel, der Wirtschaft gelähmt hat.

Zu den Zeugnissen jener Epoche gehört neben der "Migrant Mother" auch ein Brettspiel, das die Amerikanerin Elisabeth Magie Anfang des 20. Jahrhunderts erfindet und das die Umwälzungen und Widersprüche der Zeit in einer Weise bündelt wie kein zweites: "Monopoly". In Magies Version heißt es "The Landlord's Game" ("Das Vermieter-Spiel") und soll vor der damals üblichen Geldscheffelei auf Kosten der Armen warnen. Doch schon in den "Roaring Twenties", den wilden Zwanziger Jahren, verkehren Studenten die Idee ins Gegenteil: Nun geht es unter dem Namen "The Game of Finance" ("Das Spiel der Geldwirtschaft") darum, Reichtümer anzuhäufen und den Gegner in den Bankrott zu treiben. Als das Spiel schließlich 1935 unter seinem heutigen Namen auf den Markt kommt und sich - trotz Rezession - rasch mehr als eine Million Mal verkauft, spiegelt es wohl vor allem die Sehnsucht der Amerikaner nach besseren Zeiten wider.

In gewisser Weise zeigen Magies Spiel und Langes Fotos zwei Seiten derselben Wirklichkeit - mit dem entscheidenden Unterschied, dass ein Spieler nach einer verlorenen Runde eine neue Partie fordern kann. Die Menschen auf Langes Fotos hingegen erhielten oft keine zweite Chance.

"Gutes böses Geld. Eine Bildgeschichte der Ökonomie" ist eine Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden (bis 19. Juni). In Kooperation mit Casino, Stadtmuseum und Theater Baden-Baden. Die Süddeutsche Zeitung begleitet die Ausstellung mit dieser Serie. Und außerdem mit der Gesprächsreihe "Reden wir über Geld" mit Ökonomen: Am 3. Mai diskutiert die SZ mit Clemens Fuest in der Kunsthalle über gutes und böses Geld, am 7. Juni mit Marcel Fratzscher über Ungleichheit. Informationen unter: www.kunsthalle-baden-baden.de. Bilder zur Verfügung gestellt von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.